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Die Angels Flight Railway in Bunker Hill, Los Angeles.
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Die Angels Flight Railway in Bunker Hill, Los Angeles.

„Wie man langsamer verliert“

Robin Robertson „Wie man langsamer verliert“: Sie nennen es Patriotismus, aber es ist Rassismus. Und Verfolgungswahn

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Schotte Robin Robertson lässt in einem kühnen Prosa-Lyrik-Band einen afroamerikanischen Weltkriegsveteranen erzählen.

Aquädukte stürzen ein, Autobahnen sacken ab, Gebäudeblocks verschwinden in 30 Meter hohen Feuersäulen. Es ist die Apokalypse eines gewaltigen Erdbebens, die Robin Robertson fast am Ende seines Textes „Wie man langsamer verliert“ heraufbeschwört. Los Angeles geht unter. Es ist nur eine Fantasie. Und doch beschließt sie konsequent diese Mischform von Versen und Erzählung, deren Bilder von grober Gewalt und zärtlicher Poesie lange nachwirken, deren Farben und Gerüche präsent bleiben.

Ein Jahrzehnt von 1948 bis 1957 in der Stadt der Engel bildet für den schottischen Erzähler die wichtigste Ebene. Der Kriegsveteran mit dem symbolischen Namen Walker versucht verzweifelt, in der Großstadt wieder Fuß zu fassen. Er verdingt sich als Lokalreporter. Doch die Gräuel des Zweiten Weltkrieges, die blutigen Tage nach der Landung der alliierten Truppen am 6. Juni 1944 in der Normandie, brechen stets aufs Neue in seinen Alltag ein. Sie bilden den zweiten Strang der Erzählung. Dazu kommen die Jugend und die große Liebe Annie in Kanada, die zurückblieben und trotz aller Beschwörung nie mehr wiederkehren.

Wie Robertson diese drei Fäden miteinander verflechtet, wird zum literarischen Ereignis. Walker läuft durch den Moloch Los Angeles und erschließt ihn sich so. „Die Palmen wurden im silbrigen Blau des Abends zu Silhouetten“, heißt es in der Übersetzung von Anne Kristin Mittag, „er bemerkte einen Fledermausschwarm, der über die Dächer, über die Klimaanlagen flockte; die Neon-Nasenschilder darunter klickten wie Insektenlampen, sprühten Funken durch die Nacht.“

Walker lebt im alten Viertel Bunker Hill, lernt andere Ex-Soldaten, Obdachlose, Prostituierte, Kriminelle, skrupellose Journalisten kennen. Doch die expressive Erzählung dokumentiert auch die Schwarze Serie des Hollywood-Films dieser Jahre und die Auftritte afroamerikanischer Jazz-Musiker. Denn Walker erlebt in L.A. die Dreharbeiten deutscher Exil-Regisseure wie Robert Siodmak oder Fritz Lang für Filme wie „He Walked By Night“ oder „Criss-Cross“. Ungewöhnlich realistische, schwarz-weiße Filme, gedreht trotz Zensur vor Ort in der Stadt, auf ihren Straßen. Er sieht und hört den Saxophonisten Charlie Parker, der 1955 im Alter von nur 34 Jahren stirbt.

Der literarische Text verwebt Kulturgeschichte und politische Dokumentation. In den 50er Jahren beginnen die amerikanischen Städte im Autoverkehr zu ersticken, auch Los Angeles. „Und sie erdrosseln die Stadt mit ihren Autobahnen, / behaupten, es verbessert die Anbindung.“ Und weiter: „Wir werden eingemauert und geknechtet von Beton. /Und wofür? Der Kult des Autos. / Das unveräußerliche Recht des Amerikaners aufs Autofahren.“

Zugleich erleben Walker und seine Freunde, wie die soziale Spaltung in der Stadt voranschreitet, wie sich Immobilienspekulation brutal ihren Weg bahnt durch die Quartiere der Armen. Hier ist das Buch buchstäblich brandaktuell, zeigt die Wurzeln der politischen Kämpfe in den USA von heute. „Das ist unsere Angst vor ‚dem Andern‘ / Indianern, Schwarzen, Mexikanern, Kommunisten, Muslimen, egal, / Amerika muss seine Gespenster haben, um sie zu sortieren, segregieren, / falls möglich erschießen. / Sie nennen das Patriotismus, Nativismus, / aber es ist Rassismus, nichts sonst. Und Verfolgungswahn.“

Das Buch:

Robin Robertson: Wie man langsamer verliert. A. d. Engl. v. Anne Kristin Mittag. Hanser, München 2021. 256 Seiten, 25 Euro.

Robertson schrieb das 2018, als die Bewegung von „Black Lives Matter“ in den USA noch nicht entstanden war, wohl aber der Widerstand gegen den Rassismus im Land wuchs. Der städtebauliche Wandel, angetrieben von Spekulation, ist bereits in den 50er Jahren rasant. Walker kommt es so vor, „als ob hier in der Spanne eines menschlichen Lebens gebaut und zerstört wird“. Am Ende erreicht die Entwicklung das Viertel von Bunker Hill. Robertson greift hier das tatsächliche Geschehen auf. Die Stadt gab das Quartier von 1959 an zum Abriss frei. Tausende von Menschen wurden damals aus ihrer angestammten Heimat verdrängt, mehr als 7300 Wohnungen zerstört, das gesamte hügelige Gelände für eine neue Bebauung um bis zu 30 Meter abgesenkt.

Vorbildlich ist, dass eine detaillierte Karte von Downtown Los Angeles in den Jahren 1948 bis 1958 insgesamt 87 Orte umfasst, die im Text eine Rolle spielen. Und dass der „Bunker Hill Urban Renewal Plan“ in L.A. in einem Epilog kurz erläutert wird.

Schwieriger dagegen bleibt der Einstieg in die zweite Ebene des Buches, die Kämpfe der alliierten Truppen gegen die Wehrmacht an der Invasionsfront 1944. Robertson zitiert ein besonderes Kapitel der blutigen Auseinandersetzungen von 1944, die Kriegsverbrechen, die SS-Einheiten gegenüber alliierten Soldaten verübten. Die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ unter dem Kommandanten Kurt Meyer ermordete in den ersten Tagen nach der Landung der Alliierten alleine mindestens 187 kanadische Soldaten. Sie wurden nach der Gefangennahme erschossen oder auf andere Weise getötet.

In seinem literarischen Text lässt Robertson den Soldaten Walker Zeuge solcher Erschießungen werden. Der Überlebende rächt sich später auf besonders grausame Weise an einem verwundeten SS-Offizier. Diese Schuld, diese „Sünde“, wie er selbst es nennt, verfolgt ihn seither. Am Ende wird er sie einem anderen Veteranen beichten. Immer wieder erlebt er Flashbacks, sterben seine Kameraden im Kampf an seiner Seite. In der Gegenwart in Los Angeles wird einer seiner Freunde, ein afroamerikanischer Ex-Soldat, von einer Bande brutal ermordet. Walker hat genug. Er gibt seine Arbeit als Reporter auf und schließt sich den Obdachlosen auf den Straßen der Stadt an.

Eine Rückkehr in das Dorf seiner Jugend nach Kanada, das in seinen Erinnerungen von Zeit zu Zeit aufblitzt, gelingt ihm nicht. Die Bilder von der unversehrten Natur Kanadas bilden ein fast kitschiges Gegengewicht zu dem, was Walker in L.A. erlebt. Da rauscht ein Bach durch den alten Hochwald und Forellen sammeln sich an Wasserlöchern. Diese Splitter sind der schwächste Teil des Textes.

Doch insgesamt bleibt dieses 250 Seiten lange Amalgam von Poesie und Prosa beeindruckend. Verweise auf Ereignisse der jüngeren US-Geschichte bilden das Skelett. Und immer wieder der Rassismus. Etwa bei der brutalen Ermordung des 14-jährigen Afroamerikaners Emmett Till am 28. August 1955 im US-Bundesstaat Mississippi durch einen weißen Ladenbesitzer. Auf Till beruft sich am 1. Dezember 1955 Rosa Parks, als sie sich in Montgomery/Alabama weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen aufzugeben – einer der Anfangspunkte der US-Bürgerrechtsbewegung.

Der Lyriker und Verleger Robin Robertson, 1955 in Schottland geboren, hat neben seinen eigenen Büchern Romane etwa von John Burnside und A.L. Kennedy veröffentlicht. In seinen Texten, so sagte er in einem Interview, suche er nach Intensität, einer Art elektrischer Spannung. „Wie man langsamer verliert“ löst diesen Anspruch ein.

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