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Buchautor Robert Habeck, hier mit einem Atommüll-Bericht.
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Buchautor Robert Habeck, hier mit einem Atommüll-Bericht.

Robert Habeck

Robert und der Wolf

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Was will der norddeutsche Grüne Robert Habeck, und was schreibt er in seinen Kriminalromanen?

Der Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein hat erklärt, sein Ministerium werde 100 000 Euro bereitstellen, um die Wiederansiedlung von Wölfen zu managen. An vergangenen Freitag wurde darüber im Kieler Landtag debattiert. In jedem anderen Fall hätte man einfach das Für und Wider erörtern können. In diesem ging es gleich wieder mal um das Verhältnis von Kunst und Leben.

Der Landwirtschaftsminister Robert Habeck schreibt nämlich auch Romane. Im Jahr 2001 zum Beispiel erschien ein Kinderbuch, verfasst von ihm und seiner Frau Andrea Paluch: „Wolfsspuren“. In dem Buch geht es um einen Wolf, der gejagt wird und zwei Kinder, die ihm gegen die Jäger helfen. Es geht auch um Angst und um Mut, und wie schnell die beiden in einem Kopf einander sich ablösen.

Nun hat der 1969 in Lübeck geborene Habeck erklärt, er wolle im Bundestagswahlkampf 2017 Spitzenkandidat seiner Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ werden. Wer ein gutes Gedächtnis hat, weiß, dass er im Jahr 2006 Bundesvorsitzender der Partei werden wollte und scheiterte. Als er dann im Frühjahr 2008 als Nachfolger für Reinhard Bütikofer in den Vorstand sollte, lehnte er ab. Als Grund gab er sein „Familienmodell“ an. Was er damit meint, kann man in seinen Büchern lesen.

Die Romane schreibt er mit seiner Frau zusammen. Auf dem Klappentext von „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ heißt es: „Andrea Paluch und Robert Habeck verwandeln das unerhörte Zusammentreffen zweier Menschen in eine romantische Spurensuche. Liebesgeschichte und literarischer Kriminalroman in einem, kreist sie um die eine Frage: Was ist das Wesen der Liebe“.

Der unscharfe Blick

Auch hier wird gerne gespielt mit dem Übergang vom Leben in die Kunst und umgekehrt. Der Minister macht, was der Romanautor ihn gelehrt hat und das Ehepaar Habeck-Paluch genießt es, die eigenen Fragen belletristisch zu spiegeln.

Wer nur die Romane und die Selbstdarstellung des Autorenpaares betrachtet, dem wird sich der Eindruck einer gar zu demonstrativ vorgeführten Symbiose aufdrängen. Von dort gesehen scheint es ausgeschlossen, dass einer ausschert aus diesem hart erarbeiteten und in immer wieder neuen Veröffentlichungen propagierten Familienmodell. Der Mann ist vielleicht in die Politik, um wenigstens ein paar Stunden am Tag nichts mit ihm zu tun haben zu müssen. Sieht man aber auf die Website der beiden, dann entdeckt man, dass auch Andrea Paluch regelmäßig Urlaub nimmt von der Kernfamilie. Das Ehepaar hat vier Söhne. Sie wurden 1996, 1999 (Zwillinge) und 2002 geboren. Was dem Vater die Politik ist, scheint der Mutter die Musik zu sein. Zusammen mit dem Gitarristen Mario Rohrbach hat sie ein Album aufgenommen. Sie veröffentlicht auch Bücher ohne ihren Mann. Das Familienmodell scheint – der älteste Sohn ist erwachsen – seine Schuldigkeit getan zu haben. Die Symbiose hat Kinder und Bücher produziert. Jetzt werden auch die Eltern wieder flügge.

Wer die Bücher liest, stößt darin auf die Notwendigkeit, „sich den unscharfen Blick anzueignen.“ Man braucht ihn, um die Ordnung hinter der Ordnung zu entdecken, um nicht nur zu erkennen, was ist, sondern das ebenso wichtige, das nicht, aber doch möglich ist. Das sind keine Politikersätze, das auch kein Spiritismus, das ist die Einsicht in die Begrenztheit unseres Durchblicks. Und wenn es am Ende desselben Buches gar heißt „es erlangt Bedeutung, nicht indem man es tut, sondern indem man es nicht tut“, dann sind wir bei Laotse, einem von Brechts Lieblingsphilosophen.

Kürzlich konnte man Robert Habeck in einer Diskussion über Patriotismus – er hat ein Buch über linken Patriotismus geschrieben – erleben, darin sprach er über die Toten im Mittelmeer. Er fand ergreifende Worte dafür, dass wir sie nicht sterben lassen dürfen, dass wir sie aufnehmen müssen, wenn wir uns noch in die Gesichter schauen wollen. Aber er sagte auch, dass er nicht wisse, was konkret die Europäische Union tun solle, aber angesichts der Verzweifelten über Kontingente zu streiten, sei barbarisch. Als an dieser Stelle Applaus aufkam, wies er ihn zurück. Er habe, sagte er, keine Lösung. Er denke noch darüber nach. Er habe nur eine Empfindung, er habe keine Politik artikuliert.

Als Bürger sitzt man vor Robert Habeck ratlos. Man ist froh, einen Menschen in der Politik zu sehen, der Worte abwägt, der sich Gedanken zu machen scheint. Andererseits aber: Dazu braucht man keine Politiker. Die sind dazu da, aus dem Kuddelmuddel unserer Gefühle und Gedanken, aus der Angst vor dem Fremden – Wölfe oder Flüchtlinge – und der Neugier auf es, aufzutauchen und klare Entscheidungen zu fällen. Es ist schön, wenn sie Herz und Verstand haben und beide zu nutzen verstehen, aber den Zerrissenen, der es mit niemandem verderben will und darum immer nur vom Möglichen und nie vom zu Realisierenden spricht, brauchen wir nicht. Habecks Votum für die Wölfe ist ein Schritt aus der Literatur in die Wirklichkeit.

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