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Sich selbst im Schweigen der Schneelandschaft auflösen.

Werkausgabe

Robert Walser: „Kleine Prosa“ – Wenn freundliche Wolken flattern

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Die Ausgelassenheit, zu der nur gelebte Freiheit führen kann: Wiederbegegnung mit Robert Walsers „Kleiner Prosa“, jetzt in der Berner Ausgabe als Band 13.

Soeben ist eine Ausgabe von Robert Walsers Band „Kleine Prosa“ erschienen, die eine willkommene Gelegenheit bietet, den großen Schweizer Autor erneut und vielleicht tiefer kennenzulernen. Die Texte der aus dem Jahr 1917 stammenden Sammlung beruhen auf der kritischen Gesamtausgabe, die vom Stroemfeld Verlag besorgt worden war. Sie sind nochmals überprüft und mit einem aufschlussreichen Kommentarteil versehen worden.

Das Nachwort von Sabine Eickenrodt gibt Hinweise darauf, wie das, was in dieser Prosa zunächst den Eindruck unreflektierter Naivität machen kann, vor dem Hintergrund eines avancierten Denkens und künstlerischer Avantgarde zu verstehen ist. Dass Lesen und Schreiben in diesem Buch bestimmende Themen sind, macht dies bereits deutlich.

Bereits beim ersten Text möchte man verweilen. Walsers Bruder Karl, der Maler war, hat für das Landhaus des Verlegers S. Fischer mehrere Bilder fertiggestellt, und er selbst möchte die Hervorbringungen des Bruders nun „mit so artigen und ungezwungenen Worten, wie ich sie aufzustöbern imstande sein werde, zart und achtungsvoll begleiten“. Walsers Höflichkeit ist sprichwörtlich. Er weist der Literatur eine Vornehmheit zu, die die Dinge nicht auf den Begriff bringt, sondern sie, wie es hier heißt, freundlich begleitet.

Die gelebte Freiheit

Offenbar war sich der Autor bewusst, dass erst aus solcher Selbstbescheidung heraus die Darstellung Fahrt aufnehmen und ein berauschendes Reisegefühl erzeugen kann. Wenn ein junger Mann beherzt von den Eltern Abschied nimmt und die Reisekutsche besteigt, die ihn in unbekannte Fernen tragen soll, ist zu lesen: „Nette, freundliche Wolken flattern dem Wagen munter nach ... .“ Derlei bringt eine Ausgelassenheit zum Ausdruck, zu der nur gelebte Freiheit führen kann.

Walser schreibt wie ein Schüler, der gerade das Vergnügen von Schönschrift entdeckt hätte. Und tatsächlich ist mancher dieser Texte wie geschaffen fürs Schullesebuch. So etwa, wenn der menschliche Perfektionswahn thematisiert wird und wie fatal dieser ist im Leben, in der Liebe und beim Schreiben.

Robert Walser: Kleine Prosa. Werke. Berner Ausgabe, Bd. 13, hrsg. von Sabine Eickenrodt und Peter Stocker. Suhrkamp, Berlin 2019. 178 S., 26 Euro.

Oder man nehme die Skizze der tragischen Figur eines Mannes, der an allem und jedem zweifeln muss und auf diese Weise sozusagen einen Dekonstruktivisten avant la lettre darstellt. Der Ärmste schließt die Zimmertür, schaut mehrfach nach, ob sie tatsächlich geschlossen ist, schnüffelt sogar an ihr, um sich von ihrem Geschlossen-Sein zu überzeugen. Er schreibt einen Brief und zweifelt daran, wirklich einen Brief geschrieben zu haben; er gelangt zu keinem Befund, der ihm haltbar erschiene. Anders als die Dekonstruktivisten kann Walser die völlige Entleerung von Sinn jedoch zu größter ästhetischer Brillanz führen. In seinem Text „Schneien“ beschreibt er geduldig, wie beständiger Schnee die Landschaft und alle anderen Dinge um ihn herum allmählich vollkommen zudeckt. Am Ende wird sich der Autor in dieses Bild aus Schweigen aufgelöst haben.

Gerne spricht er auch die Empfehlung anderer Schriftsteller aus. Im Fall von Charles Dickens tut er dies mit großem Humor, indem er lustvoll jammert, nach Lektüre des Engländers die eigene Unfähigkeit zur Schriftstellerei erkannt zu haben und fortan seinen Lebensunterhalt als Laternenanzünder, Scherenschleifer oder Stiefelputzer bestreiten zu müssen. Die Märchen Wilhelm Hauffs preist er, indem er von ihnen schwärmen will wie ein junges Mädchen, denn den thronenden Kunstrichter maßt er sich nicht an. Diese Märchen sind für ihn „so schön, dass man sich fast einbildet, sie seien eher nur gehaucht und geträumt als mit der Schreibfeder geschrieben“. Derlei Sätze machen verständlich, dass Kafka in Walser früh schon einen Geistesverwandten erkannt hat.

Der letzte Text ist länger und berichtet von der Begegnung des Autors mit einem Mann, der Peter hieß, aber mittlerweile den Namen Tobold trägt, nachdem er etwas wie Tod und Neugeburt erfahren hat. Derart umgetauft wie ein Mönch, der die Tonsur nimmt, tritt er in den Dienst eines hochmögenden Grafen. Ihm genügt es, die adlige Gesellschaft artig zu bedienen; er will nicht selbst unter den Schmausenden sein. Wie Walser selbst begibt sich Tobold in ein Abseits, aus dem heraus er den Überblick über das gesamte Panorama genießen kann.

Walser hat sich kaum Illusionen über eine mögliche Breitenwirkung seiner Texte gemacht. Er sah sich eher bei den Dichtern, deren Werk jahrelang unbeachtet im Keller liegt, verstaubt und nur bei besonderen Gelegenheiten heraufgeholt wird, um dann freilich in vollem Glanz zu erstrahlen. Walser hat die Klassiker vor Augen, „die wie feine alte Flaschenweine bekanntlich nur bei ganz besonders passenden, feierlichen Anlässen aus dem Staub hervor und damit zu Ehren gezogen sein wollen“. Das mag er vor hundert Jahren so gedacht haben, aber inzwischen wollen wir ihn längst zu unser aller Vademecum machen.

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