_0_52
+
Gustav Mahler, 1907 in Wien.

Gustav Mahler

Man müsste es nur zu fassen kriegen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

Robert Seethaler bleibt in seinem dünnen Mahler-Roman „Der letzte Satz“ im Vorgarten eines Künstlerlebens.

Komponistenromane können sich zwischen Ehrfurcht und Tollkühnheit bewegen. Die Vorstellung von dem leidenden Genie, aber auch dem von seinem Genie selbst überrumpelten, nämlich ansonsten ganz arglosen Zeitgenossen hat sich in der Musik besonders gut konserviert. Dass sich der Gegenstand der Bewunderung einerseits unmittelbar erschließt, andererseits der Beschreibung durch Sprache weit mehr entzieht als die Malerei oder die Literatur, ist ein Reiz und eine Herausforderung. Dass sich Robert Seethaler zum Beispiel diesem Reiz und dieser Herausforderung gar so rasch entzieht, ist allerdings verblüffend. „Was ist das für Musik, die Sie machen? Erzählen Sie mir etwas darüber?“ „Nein. Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Gustav Mahler, todkrank, voller Pläne und Verpflichtungen – „vor ihm lag eine Saison, die es in sich hatte“ –, befindet sich auf seiner letzten Reise von New York zurück nach Europa. Es ist das Frühjahr 1911, am 18. Mai wird er in Wien sterben.

„Der letzte Satz“ zeigt ihn an Deck, nur ein diskreter Schiffsjunge ist zuweilen an seiner Seite, der aber leider nicht zum Akteur wird. Stattdessen denkt Mahler an sein Leben zurück. „Er musste an den Sommer vor drei Jahren denken.“ „… Mahler dachte an Alma und die kleine Anna.“ „Mit einem leisen Staunen dachte Mahler an diese Zeit. Wie jung er damals war. Es kam ihm vor, als läge das alles ein Leben weit zurück. Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ „Auf seiner Kiste auf dem Sonnendeck dachte Mahler in einem Anflug bösartiger Resignation an die Nichtigkeit des Lebens.“

Das Buch:

Robert Seethaler: Der letzte Satz. Roman. Hanser Berlin, 2020. 226 Seiten, 19 Euro.

Denn einerseits geben Mahlers schweifende Gedanken Seethaler Gelegenheit, in klassischer Rückblendentechnik wesentliche Stationen im Leben des Komponisten zu skizzieren. Die Begegnung mit Alma, den Tod der Tochter Maria, den schwierigen Start als Hofoperndirektor in Wien, die amerikanischen Reisen, die Kämpfe mit den Orchestern (interessant!), aber auch Details wie die Sitzung bei Rodin. Mahler will nicht, seine Frau will. „Dieser Rodin ist ein Verrückter.“ „Er ist der größte Bildhauer unserer Zeit.“ „Er ist ein Bauer. Grob, schmutzig und laut.“ „Du bist fürchterlich.“ „Das Leben ist fürchterlich. Warum sollte ich es dann nicht sein.“

Andererseits will Seethaler offenbar zeigen, dass Mahler ein ungewöhnlicher Mann ist, menschenscheu („Mahler sah zum Fenster hinaus und wünschte sich weit weg“), leidend („Seit einiger Zeit hatte er Schmerzen im Rücken und in der rechten Schulter“) und eigen („Einmal hatte er eine ganze Nacht ohne Hut und Handschuhe auf dem Vordeck gestanden und in die rauschende, nur hie und da von einem vagen Glitzern erhellte Dunkelheit geschaut“). Seethaler hat nicht viel Platz, jeder Satz informiert beiläufig über etwas, bedeutet etwas. Auch versucht der Autor dann doch hier und da, sich der sogenannten schöpferischen Kraft Mahlers anzunähern. „,Ich glaube, ich hab’s‘, sagt er, ,es ist eine Auflösung. Ein Verstummen in der Ewigkeit.‘“

„Es ist schön“, sagt Seethalers Mahler außerdem einmal, als er in New York in den Abend schaut, Musikfetzen, aufglimmende Reklame, „man müsste es nur zu fassen kriegen.“ Da ist natürlich etwas dran, auch wenn es um dieses schmale Buch geht. Man gewinnt nämlich nicht den Eindruck, die Schlichtheit der Dialoge und das permanente Herunterdimmen der Dramatik würden einem weiterführenden Plan folgen. Es ist einfach schlicht und heruntergedimmt. Es ist ein Abhaken dessen, was jeder über Mahler wissen sollte (dafür ist das Buch tatsächlich geeignet). Dabei ist weder eine Annäherung, noch eine Fremdheit spürbar. Es sind lediglich Sätze zu lesen, die das eine oder das andere, die Nähe, die Distanz, behaupten, während brav aus Gustav Mahlers Leben erzählt wird.

Man sieht vorm inneren Auge aber, wie die Kamera an Mahlers sinnierenden Blick heranfährt – es könnte der Blick von August Diehl sein – und das Bild verschwimmt, um die nächste Rückblende einzuleiten. Es müsste tatsächlich den Film zum Buch geben, wenn Ken Russell ihn nicht gewissermaßen schon vor zehn Jahren gedreht hätte. „Mahler“ scheint in seiner Überladenheit das Gegenteil von „Der letzte Satz“ zu sein, gemeinsam ist beiden aber der stereotype und äußerst konventionelle Blick auf das Genie. Während Stereotype und Konventionen das letzte, allerletzte sind, mit dem man Mahler in Verbindung bringen kann.

Wenn wir jetzt aber schon dabei sind, hier lieber ein berühmter Satz von Sigmund Freud, Jahrzehnte nach einer Kurzanalyse mit Mahler formuliert. „Es war“, so Freud, „wie wenn man einen einzigen, tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde.“ Das demonstriert erst recht schmerzhaft, wie sich Seethaler – der doch auch Freud kennt („Der Trafikant“), der doch auch sonst weiß, wie man mit wenig Aufwand durch Präzision Räume eröffnet („Das Feld“) – diesmal lediglich im Vorgarten tummelt. Allerdings auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und ganz oben auf der Bestsellerliste des „Spiegel“. So ist das Leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare