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Robert Schneider „Buch ohne Bedeutung“: Wenn Erdbeeren streiten, freut sich die Zitrone

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Von: Björn Hayer

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Da befällt sie die Angst vor der Vergänglichkeit, die Schneeflocken.
Da befällt sie die Angst vor der Vergänglichkeit, die Schneeflocken. © AFP

Robert Schneiders Prosaband „Buch ohne Bedeutung“ entwirft ein höchst lebhaftes Gemälde der Gegenwart.

Zwei Einkaufswagen sinnieren über die Fessel des Kapitalismus, derweil bezeichnet ein Windbeutel Unmut seinen Schokoladenüberzug als rassistischen Affront. Und wenn sich nicht gerade Kühe ihre gegenseitigen Klimabilanzen vorhalten, beklagt ein Paar Schuhe den buchstäblichen wie auf unser Parteiensystem gemünzten Profilverlust. Denn in der letzten Zeit habe der „rechte“ den „linken“ ohnehin nur noch kopiert. Wohnt solchen Begegnungen reichlich spinnerte Komik inne, laufen sie doch vor einer realen Kulisse ab, nämlich der Diskurslandschaft unserer Tage, die mit allerlei Anti-Anti auch so manche Ab- und Irrwege offenbart.

Indem Robert Schneider den Austausch darüber in den Mund von Dingen legt, spitzt er die wohl aus seiner Sicht unbestreitbare Absurdität mancher Scheindebatte kräftig zu. Dabei versammeln die 101 jeweils eineinhalb Seiten umfassenden Prosaminiaturen in seinem neuen Band „Buch ohne Bedeutung“ mehr als bloße gesellschaftskritische Finten. Mal dringen sie zu den menschlichen Abgründen vor, wenn sie von Rachedramen und Seitensprüngen berichten, mal folgen sie den Reisewegen Goethes oder schwingen sich in die Sphäre der Träume auf.

Die Angst der Schneeflocke

Das Buch:

Robert Schneider: Buch ohne Bedeutung. Wallstein Verlag, Göttingen 2022. 212 Seiten, 24 Euro.

Was diese pointierten Fingerübungen des Erzählens eint, sind letztlich existenzielle Fragen der Conditio humana, eben die Sinnsuche, das Altern und die Angst vor der Vergänglichkeit, wie sie so traurigschön eine vom Himmel fallende Schneeflocke befällt. Die Figuren erweisen sich häufig als entwurzelt und enden nicht selten als Opfer des Schicksals. Getrieben werden sie zumeist von dem Wunsch nach einem anderen Dasein. Ein Messer hofft darauf, endlich ein Löffel zu werden, und ein verlorener Brillant sehnt sich anfangs zurück an seinen Platz in der Gesteinsschicht, bis er „plötzlich Gefallen daran (fand), niemandes Erinnerung mehr zu sein.“ Dieses Fazit erweist sich als programmatisch: Dem raschen Treiben der Welt setzen diese Texte vor allem die Tugend der Gelassenheit entgegen.

Loszulassen bedeutet jedoch nicht ausschließlich, sich von Zwängen zu lösen. Vielmehr versteht sich ebenso Schneiders Auswahl skurriler Protagonisten als ein emanzipatorischer Akt. Zwar begegnen wir auch vielen menschlichen Personen, aber gerade dort, wo Tiere, Pflanzen und Gegenstände eine Stimme erhalten, geben die literarischen Entwürfe ein Jenseits des Anthropozentrismus zu erkennen.

Ganz im Sinne des Posthumanismus, wie ihn Donna Haraway oder Bruno Latour theoretisch ausarbeiteten, bildet der erzählerische Kosmos des 1961 in Vorarlberg geborenen Autors eine Welt ab, die das Prinzip der Gleichheit jenem der Hierarchie vorzieht. Die Natur gelangt zur Eigenständigkeit, gänzlich ohne humane Lenkung – und mit einem unvergleichlichen Sound!

Denn obwohl seit seinem epochalen Roman „Schlafes Bruder“ (1992) knapp 30 Jahre vergangen sind – Reclam feiert das mit einer „Jubiläumsausgabe“ –, scheint sich Schneider seinen charakteristischen Ton bewahrt zu haben. Insbesondere der Stil des Märchens hilft ihm dabei, die Grenzen der Realität zu überschreiten und auch in Gefilde von Engeln und Alben vorzudringen. Mit wortreicher Eleganz lässt er manchen Helden über Täler und Berge gleiten, stimuliert einzig durch das „brennende Verlangen. Nicht länger im Finsteren wohnen, ohne Farbe und Duft und Zeit und Wirkung. Macht haben. Sterblich sein. Berühren“. Diese Lakonie birgt Charme und bringt feine Sätze hervor. „Gewissheit ist Einbrechen im Unwägbaren.“ „Liebe ist, was vom Unvermögen bleibt.“

Gehen satirische mit berührenden und ins Fantastische ausgreifenden Geschichten eine so gelingende Melange ein, mag es dafür nur eine Erklärung geben: hier zeigt sich ein Sprachmaler am Werk, der vielerlei Klangfarben geradezu impressionistisch ineinander verschwimmen lässt. Der Titel „Buch ohne Bedeutung“ entspringt daher einem falschen Understatement, werden wir doch eines Gemäldes voller Verspieltheit und Tiefe gewahr.

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