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Robert Pfaller: „Zwei Enthüllungen über die Scham“ – Schäm dich!, ruft die Gegenwart

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Von: Christina Lenz

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Wie viele Flugpassagiere, Flugpassagierinnen mögen heute Flugscham empfinden?
Wie viele Flugpassagiere, Flugpassagierinnen mögen heute Flugscham empfinden? © AFP

„Zwei Enthüllungen über die Scham“ von Robert Pfaller geht mit unserer Empfindlichkeit ins Gericht.

Robert Habeck löste vor einiger Zeit bei Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern Betroffenheit aus: „Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde“, rief der Wirtschaftsminister seinem Publikum mahnend zu. Das war so nachvollziehbar wie ungewöhnlich, richten sich Vorwürfe, Shitstorms oder wütende Kommentare auf Social Media meist in die entgegengesetzte Richtung – gegen die Mächtigen. Fest steht: Scham und Beschämung, Cancel Culture und öffentliches „Shaming“ sind allgegenwärtig – in der öffentlichen Debatte, auf der politischen Bühne und im Privaten. Woher kommt diese gegenwärtige Betonung der Scham, fragt der Wiener Kulturphilosoph Robert Pfaller in seinem Band „Zwei Enthüllungen über die Scham“.

Vor rund zehn Jahren erregte Pfaller mediale Aufmerksamkeit, weil er das ungehemmte Genießen und damit verbundene soziale Praktiken wie Trinken, Rauchen und Feiern philosophisch gegen einen zeitgenössischen Verzichtskult und das Rauchverbot verteidigte („Wofür es sich zu leben lohnt“). Ähnliche Motive kehren auch in seinem aktuellen Band über die Scham wieder, einem Gefühl, das Pfaller zufolge heute die öffentliche Auseinandersetzung zunehmend dominiert: Immer mehr Menschen schämen sich.

Aber nicht mehr dafür, etwas nicht zu haben, sondern für ein Zuviel: Flugscham, Autoscham, Plastikscham oder Konsumscham seien aber heute zuvorderst „Luxusartikel“ und „Distinktionsgut“ bestimmter Schichten. Manche trügen diese Scham gar „ähnlich selbstbewusst zur Schau wie früher eine exklusive Armbanduhr oder eine teure Handtasche“. Auch die im Alltag allgegenwärtige Technik vom Smartphone bis hin zum Smart Home, bildet für Pfaller eine sprudelnde Schamquelle, weil immer mehr Menschen von Bedienung, Reparatur oder Entsorgung ihrer vielen Geräte überfordert seien. Der Mensch erlebe sich im Umgang mit seinen technischen Hilfsmitteln als inkompetent und schwach und verwandele sich Stück für Stück in einen „Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks“.

Dass die Scham in unserer Kultur ein so leichtes Spiel hat, liegt aber nicht nur an der Vielzahl von Schamanlässen im Alltag. Auch unser öffentlicher Umgang mit Fehlern öffnet der Scham Tür und Tor: In früheren Schamkulturen schaute man über Beschämendes noch dezent hinweg, wahrte diskret und solidarisch den Schein. Heute herrschen andere Gepflogenheiten: Das offene Ansprechen von Fehltritten gehört zum guten Ton.

Das Buch

Robert Pfaller: Zwei Enthüllungen über die Scham. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2022. 208 S., 22 Euro.

Der millionenfache Ausruf „Schäm dich!“ auf Social-Media-Plattformen geht oft einher mit der Forderung, jemand möge nach einem Fehltritt möglichst diskussionslos aus der Öffentlichkeit verschwinden. Jüngste Beispiele für diese These gibt es zuhauf, man denke nur an den Skandal um die ehemalige Ministerin Anne Spiegel. Das Problematische an dieser gegenwärtigen Schamkultur sieht Pfaller nicht im Hinweisen auf Fehltritte an sich, sondern in einer medial geprägten Kultur, die Menschen ohne große Debatte oder Argumente öffentlich bloßstellt.

Blickt man mit Pfaller allerdings tiefer in den Gefühlshaushalt unserer gegenwärtigen Gesellschaft, lauern hinter dieser sozialen Praktik der Beschämung vor allem psychisch angeschlagene Individuen, die um ihren Platz in der Welt bangen. Die Scham entspringe heute nicht mehr wie noch bei Freud dem Scheitern eines Menschen an gesetzten Zielen oder Erwartungen. Sie tauche vielmehr dann auf, wenn ein Mensch in eine infantile Position, psychoanalytisch gesprochen in den sogenannten primären Narzissmus, zurückfalle. Scham empfinden Menschen demnach heute vor allem dann, wenn sie ihre erwachsene Position in der Welt verlieren oder ihr Platz in der Wirklichkeit unsicher geworden ist.

Und genau das passiert Pfaller zufolge gerade überall: In der gegenwärtigen „Abstiegsgesellschaft“ leiden immer mehr Menschen unter dem Gefühl, keinen Wert mehr für die Gesellschaft zu besitzen. Somit wandelt der gegenwärtige Mensch quasi permanent am Abgrund der Scham und zieht sich dabei narzisstisch auf sich selbst zurück: auf ethnische, sexuelle und geschlechtliche Identitäten. Die Gegenwartsgesellschaft gefällt sich darin, um jeden Preis sie selbst zu sein und sich vor allem in der eigenen Schwäche und Empfindlichkeit zu spiegeln.

Pfaller liefert mit diesen Analysen einen die Augen öffnenden Blick auf die heutige Debattenkultur und die Cancel Culture sowie deren exzessiv moralisierenden, anklagenden und verletzten Unterton. Alleine mit der Betonung des Opferseins, mit dem Beschämen anderer oder mit dem starren Beharren auf einem vermeintlich authentischen und verletzten Ich sind demnach keine emanzipatorischen Erfolge auf so wichtigen Gebieten wie Antirassismus oder Feminismus zu erzielen.

Wer gesellschaftliche Ungleichheit bekämpfen will, muss sich ein Stück weit von seiner eigenen Befindlichkeit distanzieren können, es schaffen, sich mit anderen in einem gemeinsamen Diskurs zu verbinden und sich dazu aufraffen, Argumente auszutauschen. In diesem Kampf ließe sich, angelehnt an ein anderes Gefühl, wohl sagen: Scham ist hierbei kein guter Ratgeber!

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