+
Ein 27.000 Jahre alter Umriss einer Hand. Macfarlane beschreibt, wie unsere Vorfahren Farbpartikel auf Höhlenwände pusteten.

„Im Unterland“

Robert Macfarlane - „Im Unterland“: Die Hand an der Wand

  • schließen

Robert Macfarlanes fabelhaftes, erschreckendes Buch „Im Unterland“ über Welten unter der Erde.

Im sprichwörtlichen Sinn steckt der Mensch nur zu gern den Kopf in den Untergrund. Tatsächlich duckt er sich fast immer über der Erdoberfläche vor der Wirklichkeit weg oder in Rückzugsräumen des Heimeligen – vielleicht konnte der moderne Mensch gar nicht anders, als den Partykeller zu erfinden, die Deckenburg der Erwachsenen. Und später das Computerspiel und den Streamingdienst. Denn der Mensch möchte ja gar nicht nichts sehen – vielmehr sich ablenken, sich verführen lassen. Vielmehr dort sein, wo er nicht erwarten muss, etwas Schlimmes zu erleben. Dass dann manchmal doch Schlimmes passiert, dass sich Abgründe auftun, steht auf einem anderen Blatt.

Aber gleich erzählt das Wort Abgründe wieder von unseren symbolisch vorwiegend unten verorteten Ängsten: Nie stellt sich der Mensch gleichsam hochfliegendes Grausen und die Hölle als über ihm liegend vor. Als könne nur die Tiefe in ihren Winkeln so eine Qual beherbergen. Unser Wortschatz spricht Bände, auch wenn es uns nicht bewusst ist. Katastrophe beginnt mit „kata“, was im Griechischen „hinunter“ bedeutet.

Gerecht gegenüber dem Unten, Untergrund, „Unterland“ ist das nicht, findet der Schotte Robert Macfarlane, einer der wichtigsten zeitgenössischen nature writer; wenn nicht der wichtigste, da er keinen Gedanken und kein Wort auf die leichte, die beiläufige Schulter nimmt. Man konnte ihm schon über „Alte Wege“ folgen, über Pfade und durch Furten, über Berge und Pässe. Doch sein langwierigstes – gut zehn Jahre – und gefährlichstes Projekt trägt nun, da es beschrieben ist, den Titel „Im Unterland“ („Underland“, 2019). Es bestand für den Autor darin, herabzusteigen in allerlei Räume natürlichen oder menschlichen Ursprungs: In Pariser Katakomben wie in den slowenischen Karst. Tief in eine Gletschermühle und sogar in das „finnische Grab“, das unterirdische „Hochsicherheitsgefängnis“ für Atommüll. „So endet die Welt“, scherzt Macfarlane über das Endlager von Onkalo, „nicht mit einem Knall, sondern mit einem Besucherzentrum.“

Robert Macfarlane: Im Unterland. A. d. Engl. v. Andreas Jandl, Frank Sievers. Penguin 2019.

Man muss überhaupt nicht klaustrophobisch veranlagt sein, um manche seiner präzisen, plastischen, unerbittlichen Schilderungen unangenehm zu finden, fast körperlich unangenehm. Aber Macfarlane schenkt einem dadurch vielerlei Erkenntnis und erspart es einem, selbst leibhaftig hinunterzusteigen in Passagen und Höhlen, in Tunnel und Dolinen, Karsttrichter, Felsstürze. Nüchterne Fakten – „an die fünfzig Millionen Kilometer Stollen und Bohrlöcher“ hat der Mensch in die Erde getrieben, führt er an – stellt er neben philosophische Überlegungen zur Zeit, zum Todestrieb, zum seltsamen Zwang des Menschen, die Büchse der Pandora zu öffnen. Diese Überlegungen wiederum stehen neben Beschreibungen seiner eigenen Beklemmung und, manchmal auch das, Panik. Im ersten Kapitel rät er uns: „Zwingen Sie sich, tiefer zu schauen“ – aber erst einmal ist er es ja, der sich selbst zwingt, tiefer zu schauen und uns anbietet, ihm zu folgen, denn: „Das Unterland ist elementar für die materiellen Strukturen unserer heutigen Existenz ebenso wie für unsere Erinnerungen, Mythen und Metaphern.“

Robert Macfarlane kann verdammt direkt sein: „Was von uns überlebt, sind Plastik, Schweineknochen und Blei-207, das stabile Bleiisotop am Ende der Zerfallsreihe des radioaktiven Uran-235.“ Aber dann findet sich auf diesen Seiten auch wie ein Zauberpilz der riesige Hallimasch, Armillaria solipides, der in Oregon sechseinhalb Quadratkilometer einnimmt. Wer weiß, welcher Sammler sich schon an den kleinen Abgesandten dieses einen gigantischen Pilzlebewesens erfreut hat. „Im Unterland“ kommunizieren auch die Pflanzen wundersam miteinander; wie sehr Macfarlane bei seinen Ausführungen zum „kooperativen System“ Wald auf der Höhe der Forschung ist, zeigt die umfangreiche Literaturliste (18 Seiten) am Ende des Bandes.

Hinabzusteigen beschränkt die Gedanken also keineswegs. Es konzentriert sie. Und, anders als man meinen könnte, als auch Macfarlane am Anfang glaubte, ist es im Unterland keineswegs einsam. Es sei sein „geselligstes“ Buch, staunt er; das liegt vor allem daran, dass er auf allen seinen Abstiegen die Kletter- und Kriechkundigen, die Spezialisten und Befugten braucht. An deren Professionalität hängt sein Leben.

Macfarlane fasst die Dinge weit, schweift ab auf Nebenwege, mag es an den realen Orten auch noch so eng und beklemmend zugehen. Er schreibt über die Architektur unserer Städte, wie Reichtum in ihnen nach oben steigt und Armut nach unten sinkt (es war schon immer so). Er erzählt vom Menschen als erbauende wie instinktiv begrabende Spezies: um zu schützen, was ihr wertvoll ist. Selbst ein ganz früher Verwandter, Homo naledi, scheint „schon vor 300 000 Jahren seine Toten unter die Erde gebracht“ zu haben. So unruhig aber wird unsere Erde derzeit, durch uns!, dass manche Tote von ihr und ihrem Eis wieder freigegeben werden.

Im realen und im übertragenen Sinn hat Robert Macfarlane sich nicht gescheut, in Lücken und ins Dunkel vorzustoßen. An „dünnen Orten“ – so nennt er sie ganz wunderbar – erfährt er auch eine andere Zeit: Wo unsere Vorfahren vor Jahrtausenden den Umriss ihrer Hände hinterließen, scheinen sie uns so nah, als warteten sie nur hinter der Felsecke.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion