Biografie

Robert E. Lerner über Ernst Kantorowicz: Das geheime und das unheimliche Deutschland

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Robert E. Lerner schreibt die Biografie des Ernst Kantorowicz.

Schlagartig berühmt gemacht hat ihn sein Buch „Kaiser Friedrich der Zweite“ von 1927, jenes brillante Stück auratischer Herrschaftsgeschichte, das zugleich ein Huldigungswerk im Geist des Staufer-Kults und der Reichsmystik Stefan Georges war.

Die meisten deutschen Mediävisten konnten das Buch des jungen Außenseiters nur konsterniert zur Kenntnis nehmen, schien es doch allen Erfordernissen der „reellen Historie“, allen Vorzügen der gelehrten Quellenkritik zu widersprechen. Nichts als eine romanhafte, ja mythische Schau der Persönlichkeit des Staufers habe Kantorowicz geliefert. In der Tat hatte Stefan George, Messias-Figur und Zentralgestirn im Freundeskreis des „geheimen Deutschland“, Pate gestanden für eine Monarchen-Biographie, die der deutschen Nationalmystik wieder Verheißungsklang zurückgeben sollte. Die Georgianer wollen noch einmal den Geist der großen Geschichtspersönlichkeiten, der Dichter, Weisen und Staatskünstler, von Platon, Dante und Shakespeare, bis hin zu Goethe und Hölderlin heraufrufen – ein „neues gesamtmenschentum“ sei dazu ausersehen, den Sinnverlusten des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt der proletarischen Nazi-Bewegung heilstiftend entgegenzuwirken.

Auch Kantorowicz schwebt damals kaum weniger vor als die Versöhnung von Hellas-Sehnsucht und Kyffhäusertum, von klassisch-romantischem Geist und kaiserlicher Heilserwartung – er schreibt eine Heroengeschichte vom langwährenden Ursprung frühneuzeitlicher Staatlichkeit.

Einerseits arbeitet der junge Autor die Erfindung des ersten modernen Staatswesens im 13. Jahrhundert heraus, das früheste Verwaltungs- und Fiskalsystem der europäischen Geschichte. Andererseits lässt er keinen Zweifel am epochenübergreifenden politischen „Herrschertum“ der Dichter, Denker und Juristen, die im Umkreis von Friedrich II. einst den Status von Staatsgründern besessen hätten. Nicht zufällig sollte der Historiker Kantorowicz fortan überzeugt sein von der realen Macht des Geistigen, des Kunstschönen, der Mythen in der Geschichte; später in „Die zwei Körper des Königs“ (1957) auch von den Legalfiktionen der „kryptotheologischen“, in Analogie zum „mystischen Körper der Kirche“ entworfenen Staats- und Herrschaftsideen der Feudalmonarchie.

Wer war dieser 1895 in Posen als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geborene Ernst Kantorowicz, genannt EKa, der so früh im Zeichen ästhetischer Apartheid in Erscheinung getreten ist? Nach dem Abitur beginnt er zunächst eine kaufmännische Lehre und meldet sich im August 1914 freiwillig zur Reichswehr, er wird im Höllenkessel von Verdun eingesetzt, später kommandiert man ihn ab in die Türkei. Nach Kriegsende schließt der glühende Patriot sich den Freikorps an und kämpft in Posen und in Berlin gegen die spartakistischen Aufständler, bald sieht man ihn in blutiger Auseinandersetzung mit der Münchner Räterepublik.

Ab 1819 studiert EKa Nationalökonomie und Alte Geschichte in Berlin, später in München und Heidelberg, hier sollte er Bekanntschaft mit dem Kreis um Stefan George machen, ein Initialereignis. 1921 mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation promoviert, avanciert er zum Heidelberger Privatdozenten mit zunehmend enger Bindung an den George-Kreis, 1927 erscheint sein Buch über den Stauferkaiser. Es dauert drei Jahre, bis der mittlerweile berühmte Historiker zum Honorarprofessor an der Universität Frankfurt ernannt wird, wo man ihn 1932 auf den Lehrstuhl für mittelalterliche und neue Geschichte beruft.

Mit dem Jahr 1933 beginnt dann das berufliche und persönliche Desaster des jüdischen Wissenschaftlers, ein zermürbendes Hin und Her zwischen Entlassung und zeitweiliger Beschäftigung, das im November 1934 mit seiner Emeritierung endet. Kurz vor der Reichspogromnacht 1838 kann Kantorowicz Deutschland verlassen, er geht nach Oxford und übersiedelt ein Jahr später in die USA, wo der Emigrant in Berkeley 1945 endlich eine Geschichtsprofessur erhält, um 1951 im Gefolge abermaliger Schwierigkeiten mit seiner Universität, insbesondere auch mit der McCarthy-Administration, nach Princeton berufen zu werden. Hier findet er bis zu seinem Tod im September 1963 eine Heimstatt.

Robert E. Lerner, selbst amerikanischer Mittelalter-Historiker, dürfte die auf lange Zeit maß-gebliche Biografie des Ernst Kantorowicz vorgelegt haben, dafür spricht schon die erstaunliche Quellenbasis des Buches. Alle nur denkbaren privaten und öffentlichen Archive diesseits und jenseits des Atlantiks sind für dieses Werk durchforstet worden, über 1500 Briefe von EKa und etwa 500 an ihn hat der Autor neben zahllosen sonstigen Dokumentarien ausgewertet. Sie rücken den so umstrittenen wie ruhmbeglänzten Wissenschaftler ins Licht, dazu treten knappe, präzise Analysen seiner wichtigsten Publikationen. Und dennoch leidet dieses Buch auch ein wenig an der überbordenden Darstellungspassion eines Verfassers, der seinem Leser möglichst keinen einzigen seiner wertvollen Funde und Befunde vorenthalten möchte. Manchmal geschieht hier des Guten einfach zu viel.

Wie subtil EKa, einst Dandy und Freikorps-Kämpfer und später linksliberaler Streithahn, zeitlebens dem ästhetischen Erlösungsmythos Georgescher Provenienz die Treue hielt, ist aus amerikanischer Sicht nicht von erstrangiger Bedeutung. Zu diesem deutschen Thema trägt das Buch kaum etwas Neues bei. Aber wer die Lebens- und Reflexionswandlungen eines hervorragenden Intellektuellen aus dem ideologie- und kriegszerfurchten 20. Jahrhundert gleichsam hautnah mitverfolgen möchte, der kommt auf seine Kosten. Hier lernt man den kunst- und stilversessenen Menschen, Bonvivant und Denker Kantorowicz, den Liebhaber der Frauen wie der Männer, den passionierten Koch und Weingenießer, den großzügigen Freund, Gesellen und Lehrer, den für die Denkfreiheit streitenden Wissenschaftler noch in seinen körperlichen und seelischen Malaisen auf das Feinfühligste kennen.

Dem elitären und wortbeseelten (Kunst-)Geist eines Stefan George hat sich auch der „linke“ Kantorowicz bis zuletzt nahe gefühlt, aber für sich selbst und gegenüber seinen eigenen Schülern und Verehrern verwarf er jeden Anspruch auf Führerschaft oder Gemeindebildung. Viel zu überzeugt und überzeugend beglaubigte dieser sprachvirtuose Historiker die Prinzipien der „Urteilsfreiheit, Menschenwürde und verantwortlichen Souveränität“ des Intellektuellen.

Robert E. Lerner:Ernst Kantorowicz. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Thomas Gruber. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2020. 553 Seiten, 48 Euro.

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