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Robert Cohen: „Anna Seghers im Garten von Jorge Amado“ – Wie es wäre, in der Wärme zu bleiben

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19. November 1980 in Berlin. Robert Cohen nähert sich der Schriftstellerin nicht als Biograf, sondern als Erzähler.
Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19. November 1980 in Berlin. Robert Cohen nähert sich der Schriftstellerin nicht als Biograf, sondern als Erzähler. © dpa

Robert Cohen erzählt von der Dichterin Anna Seghers.

Eine Dichterin, den politischen Schatten ihrer deutschen Heimat für einen Moment entronnen, sitzt im Garten des Lichts, „wie benommen von Hitze und Feuchtigkeit, vom Aroma der Früchte ... von der trunken machenden Fäulnis dieses Gartens, der unaufhaltsam über ihr zusammenwächst“. Ein Lebensaugenblick: Anna Seghers (1900-1983) im Jahre 1963 in Brasilien, im Hause des Freundes und Kollegen Jorge Amado. „Ihr eigenes Land war ihr fremd geworden, in das sie nach den großen Schlachten zurückgekehrt.“

Robert Cohen, durch eine Fotografie angeregt, nähert sich nicht als Biograf, sondern als Erzähler dem Ringen der Jüdin und Kommunistin mit der großen Lebensfrage ihres heraufdämmernden Alters: wieder zurück nach Berlin, dorthin, wo die Menschen „kaputt“ sind „innen wie außen“? Oder bleiben „in diesem magischen Garten“, dieser Welt der Farben und der Schönheit? Sie ist ihr schon vor mehr als 20 Jahren erlegen, auf der langen Schiffsreise ins mexikanische Exil und bei ihren Aufenthalten in der Karibik. „Dies ist ihre Landschaft und dies sind ihre Menschen, in ihrer Sanftheit und ihrem störrischen Mut, mit dem sie vor zweihundert Jahren die Kolonialherren zum Teufel gejagt haben. Und dies ist ihr Licht.“

Das Buch

Robert Cohen: Anna Seghers im Garten von Jorge Amado. Erzählung. Faber & Faber. 103 S., 20 Euro.

Erinnerungen steigen auf. „Den Rhein liebt sie, wie nur ein junges Mädchen einen Fluss lieben kann.“ Sie fühle sich, lässt Cohen diese wunderbare Mythen- und Märchenerzählerin sagen, als „unbekannt gebliebene Schwester der Brüder Grimm“. Aber da sind die antisemitischen Schauprozesse in Prag, denen Freunde und kommunistische Weggefährten zum Opfer fallen. Da ist das Jahr 1956, in dem dem Stalinismus endgültig die Maske vom Gesicht gerissen worden ist.

Cohen lässt die zweifelnde, sich einsam fühlende Dichterin in Wachträumen von Begegnungen mit Kafka fantasieren. „Für eines allerdings schäme ich mich, man hat Sie bei uns zu Hause bis heute totgeschwiegen.“ Sie ist berauscht von der Schönheit der Sambatänzer, im Tiefsten gefesselt von den stundenlangen Zeremonien, bei denen Menschen in Trance fallen. Aber Cohen weiß um das wirkliche Leben der Anna Seghers: „Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, gut und recht. Aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.... .“ Und so kehrt sie zum Schreiben und Sterben zurück in das Land ihrer Sprache, dorthin wo „eine Kälte ist in allem“. Wilhelm von Sternburg

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