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Ein Robbenfell als letzte Heimat

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Unerwartet unterhaltsame Erinnerungen an eine Flucht aus Moskau: Die Journalistin Nadeshda Alexandrowna Lochwitzkaja, die in Russland unter dem Namen Teffy bekannt und beliebt war, erzählt von ihrem dramatischen Gang ins Exil. Und macht klar, dass Heimat wichtig, aber die Herrschaft über das eigene Leben wichtiger ist.

Von Cornelia Geissler

Die Ukraine als rettender Ort. Kann sich das heute jemand vorstellen? Das war vor knapp einhundert Jahren so. „Jeder, der kann, geht in die Ukraine“, verspricht der Odessaer Impresario Guskin. Zumindest jeder, der nicht glücklich ist mit den Bolschewiki und ihren rasanten Methoden, alles Bürgerliche aus Ämtern, Würden und von den Bühnen zu vertreiben.

Nadeshda Alexandrowna Lochwitzkaja, geboren 1872, ab etwa 1905 unter dem Pseudonym Teffy in Russland bekannt und beliebt, saß arbeitslos in Moskau, als die Zeitschrift „Russkoje Slowo“ eingestellt wurde. Jener Guskin lockte sie zu einer Lesereise in den Süden, der noch nicht sowjetisch war. Es wurde ein Abschied für immer.

Aufreibend, ja lebensgefährlich war ihr Weg, doch in ihren Erinnerungen schildert Teffy die Reise durch Russland und die Ukraine mit Scharfsinn und auf eine verblüffend vergnügliche Weise. Dieses 1929 erstmals publizierte Buch gibt es jetzt auf Deutsch hübsch rot gebunden mit dem Titel „Champagner aus Teetassen“. Die seltsame Kombination des Edelgetränks mit dem Gebrauchsgeschirr steht sinnbildlich für den tiefen Fall der bürgerlichen Teffy in den bürgerkriegszerrütteten Alltag.

Es ist das Jahr 1919. Im jungen Sowjetrussland herrscht Chaos. Auch der willige, gutbezahlte Impresario hat Mühe, seine Gesellschaft einigermaßen sicher zu transportieren. Es müssen Kommissare becirct, Grenzposten bestochen, bewaffnete Dorffürsten ruhig gestellt werden. Nicht nur Geld und Schmuck werden als Währung benötigt, auch künstlerischer Einsatz. Teffy trägt Verse vor, führt Regie, wenn die mitreisenden Schauspieler einen humoristischen Einakter einstudieren.

Sie schreibt, als würde sie alles gerade erlebt haben, mit frischen Dialogen, farbigen Beschreibungen. „Die Reise begann recht glatt“, heißt es anfangs, „wir saßen in einem Waggon zweiter Klasse, jeder hatte seinen Platz, nicht unter der Bank, oder im Gepäcknetz, sondern wie es sich für richtige Reisende gehört.“

Doch sechzig Seiten später: „Eine Mahlzeit und ein Nachtlager in einem warmen Zimmer wären natürlich angenehmer gewesen als Nieselregen auf einem offenen Bahnsteig, aber unsere Ansprüche waren bescheiden geworden.“ Sie lernt wackelige Fuhrwerke kennen, muss sogar zu Fuß gehen. Oder auf einem Schiff das Deck schrubben – wovon Teffy nicht aus Mitleid wieder befreit wird, sondern wegen ihres Ungeschicks in dieser Sache.

„Nicht die Schnauze rausstrecken!“

Bei allem Ungemach wahrt die Autorin ihren scharfen Blick. Schilder auf Ukrainisch „mit ihrer überraschenden Orthographie“ erheitern sie. Anweisungen im Zug klingen für sie grob: „Nicht die Schnauze rausstrecken!“ In einer Kleinstadt herrscht ein „Robespierre“, in dessen riesigem Biberpelzmantel sie ein verdächtiges Einschussloch entdeckt.

Das Fell, in das sie sich selbst hüllt, veranlasst sie zu einem Exkurs über die Robbenmäntel in der „Ära weiblicher Flüchtlingsschicksale“: Sie wärmten, dienten als Bett und als letztes Relikt des besseren Standes in der Emigration. Und als sie in Kiew, wo Deutsche, Polen, Weiß- und Rotgardisten vor den Toren kämpfen, für eine Zeitschrift arbeiten kann, erzählt sie beiläufig, wie sie begann, politische Feuilletons zu schreiben.

Teffy verliert zwar die Heimat, gewinnt aber die Herrschaft über ihr eigenes Leben zurück. Auf den letzten Seiten vergeht der Autorin die Lust an Scherz und Ironie. Immerhin, tröstet das Nachwort, fand Teffy auch in Paris ein Publikum. Achtzig Jahre war sie, als sie dort 1952 starb.

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