Julia von Lucadou

Riva spielt nicht mehr mit

  • vonAnja Ruf
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Julia von Lucadou erzählt in ihrem Debütroman „Die Hochhausspringerin“ von einem alten Menschheitstraum in einer künftigen Welt.

Für ihren ersten Roman hat Julia von Lucadou eine fiktive Stadt entworfen: mit geometrisch angeordneten Hochhäusern und übereinanderliegenden Brücken, auf denen der Verkehr reibungslos fließt. Auch die Bewohner funktionieren störungsfrei. Fit, schlank, anpassungsfähig und leistungsstark sollen sie sein. Schaffen sie das nicht, droht die Ausweisung in die Peripherie. Dort gibt es Schmutz und Armut. Der Weg heraus aus diesen Lebensverhältnissen führt für Jugendliche über Castings. Ob deren Gewinner dann dauerhaft in der Stadt bleiben dürfen oder zurück müssen, darüber entscheidet eine ständige Erfolgskontrolle.

Die scheinbar ideale Gesellschaft, die sich in ihrem Streben nach Perfektion als monströs erweist, und den totalitären Überwachungsstaat – beides kennt man von den Klassikern dystopischer Romane. Julia von Lucadou, Jahrgang 1982, hat eine moderne Version davon erschaffen. Ihre Stadt hat Ähnlichkeit mit tatsächlich existierenden Global Cities, in denen Luxuswohngegenden und Armenviertel nebeneinander existieren. Sie wirkt zudem, als seien die reale Welt und Cyberworld miteinander verschmolzen. Vor dieser Kulisse spielt sich ab, was das Buch interessant macht: der Kampf zwischen zwei jungen Frauen.

Die eine, Riva, hat es von der Peripherie zu einer Wohnung in einem der begehrtesten Distrikte gebracht. Als gefeierte Hochhausspringerin ließ sie sich jahrelang vom höchsten Gebäude der Stadt in die Tiefe fallen und erst in letzter Sekunde vom Flugmodus ihres silbrig glänzenden „Flysuits“ wieder emportragen: ein gefährliches Spiel und eine sportliche Höchstleistung. Jetzt jedoch sitzt Riva nur noch teilnahmslos in ihrem Apartment. Dabei wird sie von Hitomi beobachtet, im Roman die Ich-Erzählerin.

Im Auftrag der Akademie für Hochhausspringen soll die junge Wirtschaftspsychologin, angestellt bei der Firma PsySolutions, Riva wieder auf Kurs bringen. Zwar observiert sie ihre Zielperson heimlich über Kameras in deren Wohnung. Trotzdem findet sie keinen Hebel, um Riva zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Trotz angedrohter Zwangsmaßnahmen kooperiert sie nicht.

Zu Anfang scheint die Psychologin noch alle Macht auf ihrer Seite zu haben, während Riva nicht einmal weiß, dass sie ausgeforscht wird. Es scheint also ein ungleicher Kampf zu werden. Doch je länger Riva sich verweigert, desto mehr bröckeln Hitomis Selbstsicherheit und innere Stabilität. Denn bei Versagen droht ihr ja selbst die Ausweisung in die Peripherie. Hitomi schläft schlecht, vernachlässigt die vorgeschriebenen Mindfulness- und Fitness-Übungen, ihr „Activity Tracker“, der auch die körperlichen Vorgänge aufzeichnet, gibt die Daten an PsySolutions weiter.

Hitomi beginnt, Fehler zu machen. Zudem lässt der Kontakt zu Riva verwirrende Erinnerungen an eine einstige nahe Freundin aufsteigen. Hitomi empfindet diesen Kontakt als sehr intim, obgleich Riva sie ja nie zu Gesicht bekommt. Früher einmal wollte auch Hitomi Hochhausspringerin werden. Während Riva sich der Kontrolle zunehmend entzieht, verliert Hitomi immer mehr die Kontrolle – über ihre Gefühlswelt, ihren Körper, ihr Leben.

Das ist soghaft spannend erzählt, in einer präzisen, allerdings mit Anglizismen und Begriffen aus dem IT-Bereich angereicherten Sprache. Sie macht es einem nicht leicht, gehört aber in die kalte, sterile Welt, die von Lucadou entwirft. Und an manchen Stellen ist das Buch poetisch. Denn Hochhausspringen hat auch mit dem alten Menschheitstraum zu tun, sich frei wie ein Vogel zu erheben und die Stadt hinter sich zu lassen.

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