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Risse im Gebälk

Nach Annäherungen zwischen den Sozialwissenschaften und den sozialen Bewegungen in den siebziger und achtziger Jahren herrscht mittlerweile zwischen den

Von RUDOLF WALTHER

Nach Annäherungen zwischen den Sozialwissenschaften und den sozialen Bewegungen in den siebziger und achtziger Jahren herrscht mittlerweile zwischen den beiden Funkstille. Die sozialen Bewegungen interessieren sich wenig für sozialwissenschaftliche Theorie und diese kümmert sich kaum um die sozialen Bewegungen. Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand möchte beide "Ressorts" wieder einander näher bringen. In zwölf eigenen und zwei Beiträgen anderer Autoren werden in seinem Buch "die Möglichkeiten emanzipativen Handelns" sozialwissenschaftlich untersucht.

Brand tut dies nicht blauäugig, sondern durchaus in dem Bewusstsein, dass an der hegemonialen Stellung des Neoliberalismus nicht zu zweifeln ist. Unübersehbar sind jedoch einige "Risse im Gebälk" der neoliberalen Praxis wie telegen-marktradikalen Einheitsdenkerei. Soziale Bewegungen, wie sie in den Weltsozialforen in Porto Alegre, bei weltweiten NGO-Treffen in Seattle und Genua oder in Attac-Konferenzen auftreten, werden den Neoliberalismus nicht morgen überwinden. Aber deren Kritik und Protest sind stärker und hörbarer geworden. Und ihre Schwäche gehört zu ihren Stärken, denn diese Bewegungen sind heterogen, flexibel und pluralistisch.

Sozialwissenschaft, so Brand, will diese Bewegungen nicht vereinheitlichen und ihnen keinen Masterplan liefern, sondern Perspektiven aufzeigen für eine offene Debatte.

Christoph Görg demonstriert das in seinem Beitrag. Die national wie international stärker berücksichtigte Umweltpolitik und ihr Konzept von Nachhaltigkeit stellt die Asymmetrie im Ressourcenverbrauch zwischen Nord und Süd nicht in Frage. Den Chemie- und Agromultis geht es auch nicht um die Rettung der biologischen Vielfalt, sondern um den weltweiten Zugang und die exklusive Nutzung der genetischen Ressourcen.

Joachim Hirsch weist in seinem Artikel darauf hin, wie stark die globalisierungskritische Bewegung in Europa von der Rezeption des mexikanischen Zapatismus und insbesondere von dessen innovativer Sprach- und Begriffspolitik zehrt. Der zündende AttacSlogan etwa - "Eine andere Welt ist möglich" - zeuge vom Geist und der Sprache der Zapatistas.

Auf Marx vertrauen

Mit der Eiszeit im neoliberal beherrschten Deutschland beschäftigt sich auch Jürgen Meier in seinen moralphilosophischen und sprachkritischen Essays. Im Gegensatz zu den sozialwissenschaftlichen Beiträgen von Brand, Görg und Hirsch fehlt seinen durchaus berechtigten Einwänden gegen die "Funktionsimperative der Marktökonomie" aber die Basis. Er ersetzt sie durch sein eisernes Vertrauen in das ausgelaugteste Moment der Marxschen Theorie - die geschichtsphilosophischen Gewissheiten.

Der Autor springt von einem Thema zum andern, ohne seine Argumente sachbezogen zu bündeln und stringent zu ordnen. Auf zwei Seiten, um nur ein Beispiel zu nennen, gelangt er so von Hölderlin, Heine, Lessing, Goethe, Schiller und Delacroix über die Global Player, die Werbung und die Entfremdung zur Habsucht, Herrschsucht und Geltungssucht und von hier zur Nacktheit in der italienischen Renaissancemalerei und zum Fortschritt der Wissenschaft überhaupt.

Das ist weniger ein Beitrag zur Globalisierungskritik als ein Beleg der Belesenheit und der ebenso ehrgeizigen wie nicht erfüllten Ansprüche des Autors.

Ulrich Brand: Gegen-Hegemonie.Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. VSA-Verlag, Hamburg 2005, 220 Seiten, 13,80 Euro.

Jürgen Meier: "Eiszeit" in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2005, 186 Seiten, 14,90 Euro.

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