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Der Katalog zur Ausstellung von Rineke Dijkstra Portraits ist als Buch erschienen

DAS FOTOBUCH

Rineke Dijkstra, ihre Nachricht läuft

Typisch für exzeptionelle Karrieren ist, dass die ersten Stimmen sich an entlegenen Orten regen: in einem gewagten deutschen Medienmagazin mit dem Titel Pakt

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Typisch für exzeptionelle Karrieren ist, dass die ersten Stimmen sich an entlegenen Orten regen: in einem gewagten deutschen Medienmagazin mit dem Titel Pakt (5 / 1995)schrieb Thomas Seelig über Rineke Dijkstra - und wie schnell die Nachricht läuft: "Out of the blue (Aus dem Nichts)" kamen für Andy Grundberg Dijkstras Fotografien in Artforum (Mai 1997). Der Rest ist Legende. - Nun touren Rineke Dijkstras Portraits vom (zur Zeit) Pariser Jeu de Paume nach Winterthur, Barcelona und ins Amsterdamer Stedelijk, wo Hripsimé Visser gewissermaßen schon wartet, denn sie, schon lang Fotografiekuratorin dort, hat die Ausstellung auf den Weg gebracht.

Der Katalog dazu ist zum Glück ein Buch geworden, das Dijkstras Unternehmung aus den letzten 13 Jahren nachvollziehbar macht. Wie Tiere aus ungewisser Ferne sind Dijkstras Figuren aus der See gestiegen, leuchtend und scheu. Sie wurden exemplarisch als die phantastisch schüchterne Almerisa, die, auf den Stuhl eines Asylantenheims geklemmt, heranwuchs zu einer Verkäuferinnenschönheit unserer Tage. Sie wurden Mütter, splitternackt das Baby im Arm. Da stand die Zeit still. Und dann lief sie rückwärts, die Zeit, mit den blutenden Toreros in Portugal, den steinernen Masken des französischen Fremdenlegionärs Olivier, um schließlich dialektisch zu verschmelzen in den Porträts der Soldat(inn)en Israels, zivil und in Uniform.

Während man zunächst dachte, Dijkstras Deutung der Pubertät sei ihr Spezifikum - und so viele Porträtisten sind, getäuscht, in diese Richtung gelaufen -, zeigte sie sich bald als politische Fotografin. Intuitiv suchte sie die Schwelle, an der Individuen für das große Ganze stehen. Man staunt über dieses Werk, das immer knapper und kauziger geworden ist, metaphorisch sattelfest, mit umfassenden Implikationen und doch - von den Titeln abgesehen - ohne Worte. Trotz des filmmäßigen Aufwands ist den Bildern eine gewisse Rohheit geblieben, ein Jonglieren mit der Konvention, einmal am malerischen, dann am bildjournalistischen Ende. Diese Menschenbilder schließen ihre Modelle nicht ein und den Betrachter nicht aus. Sie sind gänzlich human, und das heißt: fast schon hysterisch. Rineke Dijkstra, Jahrgang 1959, gehört zu den niederländischen Klassikern des Porträts, von Ideen getrieben, von Entdeckungen beflügelt - im Kern experimentell. Wer erschrickt, hat die Relevanz ihres Werks schon begriffen.

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