1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Vor 501 Richtern

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Altertumswissenschaftlerin Debra Hamel rekonstruiert den Prozess der Hetäre Neira

Von ANTJE SCHRUPP

Ein pralles Stück Antike macht die Altertumswissenschaftlerin Debra Hamel in ihrem Buch anschaulich: Ausgehend von einem Strafprozess, der im 4. Jahrhundert vor Christus in Athen verhandelt wurde, erzählt sie das Leben einer Frau, die bei einem Streit unter Männern zwischen die Fronten gerät. Die Rede ist von Neaira, einer ehemaligen Prostituierten, die beschuldigt wird, mit dem freien Athener Bürger Stephanos eine reguläre Ehe zu führen. Auf diese Weise, so die Anklage, wolle sie für ihre Kinder das Bürgerrecht erschleichen - ein im antiken Athen schwerwiegendes Vergehen, denn die viel gerühmte Demokratie der Polis basierte auf strikter Ausgrenzung: von Frauen und Sklaven, von Fremden, Zugereisten und ihren Nachkommen.

Hamel stützt sich vorwiegend auf eine gut erhaltene Gerichtsrede aus dem Demosthenes-Korpus, die jedoch nach allgemeiner wissenschaftlicher Überzeugung nicht von Demosthenes selbst stammt, diesem wohl berühmtesten Redner der athenischen Demokratie, sondern von einem gewissen Apollodoros. Ein solch altes Dokument ist natürlich nur mit Vorsicht als Quelle heranzuziehen, zumal lediglich die Anklageschrift überliefert ist, nicht aber die Rede der Verteidigung. Die historisch genaue Rekonstruktion des Falles ist deshalb mühsam und weist notwendigerweise Lücken auf; doch Hamel widersteht der Versuchung, solche Leerstellen mit eigener Phantasie auszufüllen und aus der Vorlage einen historischen Roman zu machen. Stattdessen legt sie ihre Quellen offen und macht jederzeit deutlich, ob sie Beweisbares darstellt oder nur - freilich begründete - Vermutungen anstellt. Und dennoch gelingt ihr das Kunststück, diese zweieinhalb Jahrtausende zurückliegende Geschichte so spannend zu erzählen, dass sich das Buch streckenweise liest wie ein Krimi.

Man meint, die tönernen Wasseruhren plätschern zu hören, die den Kontrahenten für ihre Plädoyers jeweils eine genaue Zeitspanne zumessen. Man glaubt, die Menge der 501 per Losverfahren bestimmten Richter vor sich zu sehen, wie sie die kleinen Stimmplättchen in ihren Händen drehen, je eins für "schuldig" und eins für "unschuldig". Und man fragt sich: Wie werden sie entscheiden? Werden sie Neaira zurück in die Sklaverei schicken? Oder kann sie weiterhin als freie Frau in Athen leben? Dummerweise ist der Ausgang des Verfahrens nicht überliefert - schwer auszuhalten für die Leserin, die am Ende schon fast vergessen hat, dass es sich hier um eine historische Rekonstruktion handelt, nicht um Fiktion.

Dass Neaira, die zur Zeit des Prozesses um die fünfzig Jahre alt ist, in ihrer Jugend als Prostituierte gearbeitet hat, gilt als sicher. Sie stammte aus Korinth und kam noch als Kind in ein Bordell, das zahlreichen berühmten Männern als Anlaufstelle diente - weshalb vielfältige Hinweise auf sie in historischen Quellen überliefert sind. Neaira war keine einfache Straßendirne, die ihre Sandalensohlen so präparierte, dass sie auf sandigen Wegen die anzügliche Aufforderung "Folge mir" hinterließen. Vielmehr gehörte sie zu den gut bezahlten Hetären, "Begleiterinnen" wohlhabender Männer, die im Verhältnis zu ihren Kunden einen Anschein von Freiwilligkeit wahrten. Sie boten ihnen eine langfristige Beziehung: nicht nur Sex, sondern auch kluge Unterhaltung und andere Annehmlichkeiten, für die sie eigens ausgebildet waren. Die Nachfrage nach solchen Diensten am männlichen Körper und Geist war so groß, dass gesetzliche Höchstpreise dafür festgelegt wurden - schließlich sollten die Damen nicht allzu reich werden.

Rache, Recht und Rhetorik

Nach mehreren Stationen im "Besitz" diverser wohlhabender Herren gelang es Neaira dennoch, sich freizukaufen. In dieser Zeit begann ihre Beziehung zu Stephanos, mit dem sie über zwei Jahrzehnte unbehelligt zusammen lebte - bis zu jenem Prozess. Dass der Ankläger Apollodoros dabei jede Menge schmutziger Wäsche wusch, war für Neaira und ihre Familie wohl schwer zu ertragen, für die Historikerin von heute ist es jedoch ein Glücksfall. Denn, richtig gelesen und interpretiert, können solche Schilderungen sehr aufschlussreich sein. Und das nicht nur im Bezug auf die Lebensbedingungen von Frauen in der Antike. Fast noch spannender sind die Einblicke in die Verfassung der athenischen Demokratie, die Hamel an diesem konkreten Fall erläutert, und die sich ganz erheblich von einem modernen Demokratieverständnis unterscheiden.

Ziemlich beeindruckend ist zum Beispiel die Auswahl der Richter. Sie wurden am Morgen des Prozesstages selbst aus einem Fundus von 6000 Athener Bürgern rekrutiert, und zwar nach einem so komplizierten Losverfahren, dass Korruption wohl recht wirksam ausgeschlossen war. Interessant ist auch die athenische Auffassung, dass Rache ein respektables Motiv sei, um eine Anklage zu erheben. So hatte es zum Beispiel Apollodoros gar nicht auf Neaira selbst abgesehen, sondern wollte mit diesem Prozess ihrem Lebensgefährten Stephanos schaden, mit dem er in einer Dauerfehde lag: Würden Neaira und Stephanos überführt, eine illegale Ehe zu führen, würde Stephanos seine Bürgerrechte verlieren und könnte selbst keine Prozesse mehr führen - was für Apollodoros sehr praktisch wäre, denn Stephanos hatte ihn gerade diverser Vergehen, darunter Mord, beschuldigt.

Erstaunlich mag die heutige Leserin auch finden, dass bei den Plädoyers von Anklage und Verteidigung Lügen, Verzerrungen und Diffamierungen keineswegs als verwerflich galten, sondern als rhetorisch eloquent - offenbar ging man im alten Athen von der postmodern anmutenden Auffassung aus, dass es eine objektive Wahrheit sowieso nicht gibt, sondern nur mehr oder weniger plausible Meinungen. Dazu passt die sehr praktische Regelung, dass jeder Ankläger, der nicht mindestens ein Fünftel der Richter von seiner Sicht der Dinge überzeugen konnte, eine empfindliche Strafe zahlen musste.

Hamel erzählt in ihrem Buch nicht nur die spannende Geschichte eines antiken Frauenlebens. Sie gibt zugleich Einblicke in die Möglichkeiten und Grenzen der historischen Forschung und macht das athenische Politik- und Rechtsverständnis an einem konkreten Beispiel anschaulich: eine ebenso lehrreiche wie vergnügliche Lektüre.

Debra Hamel: Der Fall Neaira. Die wahre Geschichte einer Hetäre im antiken Griechenland. Aus dem Englischen von Kai Brodersen. Primus Verlag, Darmstadt 2004, 24,90 Euro.

Auch interessant

Kommentare