Richard Russos „Sh*tshow“

„Wir haben ihn tatsächlich gewählt“

  • Judith von Sternburg
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Der amerikanische Schriftsteller Richard Russo hatte offenbar keine Lust mehr, drum herumzureden, und hat die Geschichte „Sh*tshow“ geschrieben.

In „Jenseits der Erwartungen“ erzählte Richard Russo in epischer Breite von drei alten Freunden, der Hintergrund der durchaus privaten Geschichten wird vom Vorlauf des amerikanischen Wahlkampfs verdunkelt. Dass Trump überhaupt 2016 Kandidat der Republikaner werden wird, erscheint noch abwegig, ein gruseliges Was-wäre-Wenn.

In der kleinen Geschichte „Sh*tshow“, die Russo im vergangenen Jahr nachschob und die auf Deutsch jetzt kurz nach dem Roman (FR v. 17. Mai) erschienen ist, ist der Lack ab. Trump hat die Wahlen gewonnen. „Da wir, noch immer fassungslos, das Bedürfnis nach tröstender Gesellschaft hatten, luden Ellie und ich am Morgen nach den Wahlen die Schuulmans und die Millers zum Abendessen ein.“ David, der Erzähler, und seine Frau leben in Tucson, Arizona, und sie kennen die anderen Paare schon lange. Wir sind im akademischen Mittelstand, der jetzt – immerhin hat er eine Rente, in „Jenseits der Erwartungen“ war das ein Thema – das Rentnerleben genießen kann. Bisher genießen konnte. „Ich vergesse es immer wieder mal kurz“, sagt eine der Frauen, „und dann fällt es mir wieder ein: Wir Amerikaner haben ihn tatsächlich gewählt.“

Die Farbe Orange

Das Buch

Richard Russo: Sh*tshow. A. d. Engl. v. Monika Köpfer. Dumont, Köln 2020. 68 Seiten, 10 Euro.

„Sh*tshow“ dreht sich aber nicht um die unmittelbaren Folgen, der Name des Präsidenten fällt kaum. Etwas ganz anderes passiert. Im Whirlpool des netten kleinen Hauses von Ellie und David finden sich auf einmal menschliche Fäkalien. Wer tut so was? Der unangenehme Vorfall wiederholt sich, die freundliche Polizistin ist ratlos. Als es um die Frage geht, ob sie Feinde haben könnten, fällt Ellie nur ein, dass sie ein „Hillary“-Plakat im Vorgarten hatten – Vorgartenwahlplakate und der Umgang damit waren schon in „Jenseits der Erwartungen“ Gradmesser für die wachsenden Aggressionen in althergebrachten Nachbarschaften. Aber auch in „Sh*tshow“ kann sich keiner ernsthaft vorstellen, dass es einen Zusammenhang gibt, eigentlich wohl nur Russo selbst, der sich zumindest ein Vergnügen daraus macht, die Exkremente vorm blauen Grund des Pools orangefarben zu nennen (vorstellbar) und auch den Präsidenten vorzugsweise als den „orangefarbenen Mann“ zu bezeichnen. Im Buch fällt das niemandem auf.

Es ist wörtlich zu nehmen

Die „Sh*tshow“, die sich im Titel noch sinnbildlich liest, ist also wörtlich zu nehmen. Dreck im Whirlpool, bald dazu noch bestialischer Gestank im Haus, das auch dem Amerikaner ein Allerheiligstes ist. Ellie will hier nicht mehr wohnen bleiben, das ist keine Laune, „sie hatte wirklich den Boden unter den Füßen verloren“. Unterdessen zeigt sich, dass die Schuulmans und die Millers sich völlig überworfen haben, weil Nathan Schuulman trotzig eingestanden hat, Trump-Wähler gewesen zu sein. Er als Jude, Miller ist fassungslos, Nathan erklärt: „Klar, der Typ ist ein Schwein, aber kein zweiter Hitler.“ Später versucht Nathan, sich das Leben zu nehmen. Da wird es – kann man nun sagen – auch gar keinen Zusammenhang geben. Russo zeigt bloß, wie das Land entzweigeht und auch das Eheglück von Ellie und David.

„Sh*tshow“ ist dabei ein schlicht und rasch erzähltes, ostentativ an der Oberfläche bleibendes Buch. Russo verweigert geradezu Raffinesse und Analyse. Vielleicht macht das der Schnellschuss. Eher aber wächst der Eindruck von Seite zu Seite, dass mehr dazu nicht zu sagen ist. Es ist eine Sh*tshow.

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