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Gay Head auf der Insel Martha’s Vineyard, wo auch die Familie von Präsident Obama gerne Ferientage verbrachte.

USA

Richard Russo: „Jenseits der Erwartungen“ – Der amerikanische Zufall

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Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“ erzählt eine so spannende wie symptomatische Geschichte aus den USA.

Auch Richard Russo kann nicht erklären, wie es mit Amerika so weit kommen konnte. Sein neuer Roman liefert aber Anhaltspunkte. „Jenseits der Erwartungen“ ist 2019 im Original erschienen, „Chances are ...“, aller Wahrscheinlichkeit nach, heißt das Buch in der amerikanischen Version, nach einem Song von Johnny Mathis von 1957. Ein Beispiel für konkrete englischsprachige Titel, die im Deutschen gerne ins Abstraktere gedreht werden. Das ist kein Gewinn, aber beide Titel stimmen, wenn eine Geschichte von Zufällen und Entscheidungen handelt, die mehr als vierzig Jahre zurückliegen.

Unfassbares Drama einer Männergeneration

Zufälle und Entscheidungen: Früh im Roman wird eine beklemmende Szene vom 1. Dezember 1969 geschildert. Unfassbares Drama einer Männergeneration: Eine im Fernsehen ausgestrahlte Einberufungslotterie legt die Reihenfolge fest, in der die 18- bis 25-Jährigen für den Krieg in Vietnam eingezogen werden sollen. 366 Kugeln für jeden möglichen Tag des Jahres. Wessen Geburtstag früh genannt wird, hat nicht mehr viel Zeit, die späten Nummern dürfen hoffen, dass der Krieg vielleicht vorüber ist, bis die Reihe an sie kommt.

Micks Geburtstag wird an neunter Stelle gezogen, das ist nicht gut. Lincoln kommt mit der Losnummer 189 dran, „besser, aber dennoch nicht sicher genug und unmöglich, damit zu planen“. Teddys Datum steht an 322. Stelle. „Er war noch einmal davongekommen. Als er die Hand ausstreckte, um den Fernseher auszumachen, bemerkte er, dass er zitterte.“ Drei Freunde, durch ihre Nummern unterschiedlichen Schicksalen zugeteilt. Wie sehr es die Nummer ihre Lebens sein wird, ist zunächst kaum zu ermessen, zumal gleich klar ist, dass sie alle drei überlebt haben.

Im September 2015 treffen sie sich auf der Martha’s Vineyard, wo Lincoln ein Ferienhaus hat. Lincoln ist Immobilienmakler in Las Vegas, der Finanzcrash 2008 hat ihn gebeutelt, aber nicht ruiniert (vor allem muss er jetzt seinen erwachsenen Kindern unter die Arme greifen). Teddy verlegt religiöse Bücher in Syracuse, Mick macht Musik in Cape Cod.

Der Name Donald Trump fällt

Zufälle und Entscheidungen: In der Jetztzeit des Romans bahnt sich der Wahlkampf für die Nachfolge Barack Obamas an. Der Name Trump fällt, aber auch Lincoln, dem Republikaner unter den drei Freunden, erscheint das undenkbar. Der stramm rechte und außergewöhnlich gewalttätige Nachbar auf Martha’s Vineyard sieht das anders. Lincoln erzählt ihm, dass er jetzt vielleicht öfter Zeit hier verbringen will. „,Kommen Sie bloß nicht im August‘, erwiderte Troyer. ... ,Da kommt Obama. Und die ganzen anderen Linken.‘ Lincoln deutete auf das Schild mit Trumps Konterfei. ,Aber den würden Sie trotzdem nicht wählen, oder?‘ Troyer schnaubte abfällig. „Ne. Das ist nur dazu da, um die Leute zu ärgern.‘ Doch dann hob er die Schultern. ,Andererseits, wenn er nominiert wird, warum nicht?‘ Lincoln spürte einen Schauder, aber er riss sich zusammen.“

Richard Russo: Jenseits der Erwartungen. Roman. A. d. Engl. v. Monika Köpfer. Dumont, Köln 2020. 430 S., 22 Euro.

Er beendet die Szene mit einem kleinen Spaß. Friedfertige Worte dienen als sympathische, aber mäßig wirksame Abwehr von mal subtilerer, mal brutalerer Aggression. Diese rührt auch aus Unsicherheit, die Spaltung des Landes ist in vollem Gange. Teddy – der sich fragt, ob die hohe Nummer ihm eigentlich Glück gebracht hat – trifft an den Klippen von Gay Head auf Touristen aus den Südstaaten. Man kommt ins Gespräch, das politisch wird. „,Sie sind für Trump?‘, sagte Teddy ungläubig. ,Ich dachte, Sie sind eine christliche Reisegruppe.‘“

Verächtlich zieht die Gruppe weiter, nicht ohne ihren Abfall achtlos in zur Mülltrennung gedachte Tonnen geworfen zu haben. „Es hatte ihn schon ein bisschen getroffen“, heißt es über Teddy, „wie rasch sich die ganze Gruppe gegen ihn gewandt hatte“, während die Angestellte der Bude sich vor allem wegen des Mülls ärgert. „,Arschlöcher‘, sagte sie. ,Christen‘, stellte Teddy klar. Die Frau zuckte die Achseln, offenbar gewillt, sich auf eine gewisse Schnittmenge dieser beiden Kategorien zu einigen.“

Russo weiß Fährten für einen Kriminalfall zu legen

„Jenseits der Erwartungen“ verwickelt die drei nun 66-Jährigen, die viel zu sehr in der Vergangenheit und Gegenwart stecken, um die Zukunft erahnen zu können, jedoch vor allem in eine spannende Geschichte von großem Facettenreichtum. Sie sind keine Beispiele, sie sind Menschen. 1971, am Ende ihrer College-Zeit, waren sie schon einmal zusammen auf der Insel, damals mit Jacy, der hinreißenden Elitestudentin, in die sie alle drei verliebt waren. Verliebt sind. Sie ist der D’Artagnan der drei Musketiere gewesen, aber auch das erweist sich als Illusion, wenn doch jeder die noch dazu bereits verlobte Jacy für sich gewinnen will. Am Ende des Aufenthalts verschwindet sie spurlos.

Bei der Wiederbegegnung 44 Jahre später kommt die unvollendete Vergangenheit wieder hoch. Russo weiß Fährten für einen Kriminalfall zu legen, einschließlich eines abgewrackten Ex-Polizisten, dessen Interesse am ungeklärten Vermisstenfall neu zu entflammen scheint. Seltsamer Typ.

Gewidmet ist das Buch „jenen, deren Namen an der Mauer stehen“, der in Vietnam gefallenen US-Soldaten. Russo, seinerseits Jahrgang 1949, hätte ebenfalls dabei sein können. Mick überlegt damals, sich nach Kanada abzusetzen. Sein Vater, der den Krieg nicht weniger verabscheut als er, macht ihm klar, dass dann ein anderer für ihn eingezogen werden wird. Was auch immer man tut, hat Folgen, und die Verstrickungen sind immens. Russo bereitet sie mit Perspektivwechseln und eleganten Übergängen zu den Rückblenden und wieder aus ihnen heraus so perfekt auf, dass das Fehlerhafte des Lebens und die Makellosigkeit eines gutgebauten Romans in einen geradezu irritierenden Gegensatz geraten. Die Übersetzung von Monika Köpfer kann die Originalsprache nicht ganz vergessen machen, überzeugt aber mit geschmeidigen Dialogen und mit dem nachvollziehbaren Wortschatz von Mittsechzigern.

Unterschiedliche alte weiße Männer werden sichtbar

Es geht um Zufälle – gelegentlich große Zufälle – und Entscheidungen, Gewalt gegen Frauen, Rassismus, Wut gegen andere politische oder gesellschaftlichen Haltungen. Darunter auch Phänomene, die heute allgegenwärtig wirken: Der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit. Ein unerfüllbarer Wunsch, wie Russo mit der Vielfalt seiner Geschichte, seiner Geschichten immer wieder klar macht.

Dass Teddy, Lincoln und Mick mit Ambivalenzen leben können, macht sie zu Vertretern eines geradezu gestrigen Amerikas, dem das Schlimmste noch bevorsteht. Dabei scheint im Roman noch Versöhnung und Entspannung möglich. Es war Schicksal, irrer, schrecklicher Zufall, aber auch die Folge von Entscheidungen, wie die Wahl 2016 dann endete. Lincoln denkt darüber nach, dass er Hillary Clinton niemals wird wählen können.

Womöglich profitiert man gerade deshalb besonders von der Lektüre, weil „Jenseits der Erwartungen“ so konsequent unter weißen Amerikanern spielt (Frauen gibt es vornehmlich am Telefon und in Rückblenden). Unterschiedliche alte weiße Männer, pauschal dieser Tage in aller Munde, werden in ihrer Individualität und Verwundbarkeit sichtbar, und in ihrer Beschränkung.

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