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Richard Powers.
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Richard Powers.

Richard Powers „Erstaunen“

Richard Powers: „Die Menschen müssen damit beginnen, sich selbst zu retten“

  • VonCornelia Geißler
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Der Schriftsteller Richard Powers über Literatur zu Fragen der Zeit, unsere steinzeitlichen Gefühle und seinen Roman „Erstaunen“.

Herr Powers, Sie haben viele große Romane geschrieben, dagegen wirkt Ihr neues Buch „Erstaunen“ schmal. Dennoch enthält es riesige Probleme unserer Zeit. Warum fassen Sie sich diesmal so kurz?

Ich habe 13 Romane über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren geschrieben und die meisten waren in Form und Umfang ambitioniert. „Die Wurzeln des Lebens“ wirkte fast wie ein Schlusspunkt: mit neun Hauptfiguren, zwei Jahrhunderte umfassend, in verschiedenen literarischen Stilen geschrieben. Daneben sieht „Erstaunen“ wie eine Novelle aus, in der ersten Person durch den Vater erzählt, der eine der beiden Hauptfiguren ist, es umfasst nur ein Jahr. Es fühlte sich fast so an, als hätte ich nach einer Sinfonie eine Klaviersonate geschrieben.

Haben Sie damit angefangen, als es die Corona-Pandemie schon gab?

Das ist die zweite Begrenzung, von außen. Ich habe „Erstaunen“ fast ausschließlich im Lockdown geschrieben, ich musste also etwas erzählen, das nah bei mir zu Hause spielt. Dennoch war es eine ästhetische Entscheidung. „Die Wurzeln des Lebens“ fragen danach, wie wir von einer Sicht, die nur uns Menschen ins Zentrum stellt, dahin kommen, uns im Wechselspiel mit der lebenden Welt zu sehen. Nun wollte ich das umsetzen, indem ich erzähle, wie dieses Umdenken in einem einzigen Fall aussieht.

Und dafür erfanden Sie den Jungen, der so sensibel für seine Umgebung ist?

Ich lade die Leser dazu ein, mit dem kleinen Jungen zu empfinden, der alles ungewöhnlich intensiv erlebt, der Angst hat und wütend ist. Ich habe einige Romane geschrieben, die komplizierte intellektuelle Sachverhalte im Hintergrund hatten, diesmal konzentrierte ich mich auf den emotionalen Zugang. Und das ist wichtig, weil es ein Buch ist über Empathie, Beziehungen und über Gefühle als Mittel zur Veränderung.

Ist Robin eine Art kleiner Bruder von Greta Thunberg?

Es steht außer Frage, dass mich das Auftreten von Greta Thunberg sehr beeindruckt: ihre Ernsthaftigkeit und ihre Rolle für Gleichaltrige. Psychologen warnen inzwischen, dass die Angst vor der Klimakatstrophe und der Zerstörung der Umwelt zu den wachsenden Problemen von Kindern gehört. Schließlich ist für meinen Robin auch der Umgang von Greta Thunberg mit ihrer psychischen Konstitution bedeutsam: Sie sagt selbst, der Autismus sei ihre Superkraft.

Wir erleben gerade entscheidende Tage für die Menschheit, den Klimagipfel der Vereinten Nationen. Was denken Sie über dieses Zusammentreffen?

Ich bin immer ein Optimist gewesen. Auch wenn ich beim Schreiben über die tiefsten und dunkelsten Wahrheiten nachgedacht habe, wollte ich mich davon nicht erdrücken lassen. Beim COP26 in Glasgow weiß ich, dass es einerseits der erste Gipfel seit der Klimakonferenz von Paris 2015 ist, der den Fünfjahresrhythmus der Zielsetzungen überprüfen wird und beschleunigen muss. Die Delegierten haben tiefergreifendere Veränderungen denn je gesehen. Aber es hat schon 25 solcher Gipfel zuvor gegeben.

Das klingt nicht nach Optimismus.

Für den Moment nicht, nein. Denn das zeigt uns, es gibt nicht den politischen Willen, das umzusetzen, worauf die Wissenschaft drängt. Wir brauchen eine Geschichte, die es uns erlaubt, in die Zukunft zu schauen. Ich glaube nicht, dass die Veränderungen, die notwendig sind, um den Planeten zu retten, von oben nach unten funktionieren. Sie müssen von unten kommen. Die Öffentlichkeit muss die Politik drängen. Und es braucht Künstler und Schriftsteller, um die öffentliche Meinung zu prägen. Wir können nicht auf jemand warten, der uns rettet, wir müssen damit beginnen, uns selbst zu retten.

Lange Zeit wurde darüber gestritten, wie politisch Literatur sein darf. Was halten Sie davon? Jetzt stellt sich offenbar eine andere Frage, wie umweltbewusst sie ist. Es wird bereits von climate fiction gesprochen. Was halten Sie davon?

Meiner Meinung nach braucht es diesen Begriff nicht zu geben. Die Fiktion, also das literarische Erzählen, beschäftigt sich mit dem Menschen. Sie erkundet, wer wir sind, wo wir sind, wie es um unsere Beziehung zu diesem belebten Planeten bestellt ist. All die dringenden Fragen, wie wir überhaupt überleben, gehören in unsere Literatur. Climate Fiction sollte keine spezielle Unterkategorie sein, nicht etwa eine hübsche kleine Boutique für den besonderen Geschmack. Ich weiß, es gibt ein Misstrauen gegenüber Büchern mit moralischem Anliegen. Doch sich nur eine Sorte von Literatur zu wünschen, die uns moralisch gar nicht berührt, ist die privilegierte Position sehr reicher Menschen, die wie Marie Antoinette im Schloss von Versailles sitzen und sagen: Egal, was draußen geschieht. Hier ist es so schön.

Zur Person:

Richard Powers, 1957 geboren, lebt in den USA in den Great Smoky Mountains. Sein Romandebüt „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“‘ erschien 1985, viele weitere Romane wurden Bestseller wie „Der Klang der Zeit“. 2006 erhielt er den National Book Award für „Das Echo der Erinnerung“. In der Reportage „Das Buch Ich #9“ beschreibt Richard Powers den Prozess, als neunter Mensch überhaupt sein Genom vollständig entschlüsseln zu lassen. Für seinen Roman „Die Wurzeln des Lebens“ (2018) wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Gerade auf Deutsch erschienen ist sein Roman „Erstaunen“ („Bewilderment“).

Das Buch: Richard Powers: Erstaunen. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 318 Seiten, 24 Euro

Der Originaltitel Ihres Romans „Bewilderment“ lässt sich auch mit „Erstaunen“ übersetzen, wie das Buch auf Deutsch heißt, aber darin steckt mehr. Welche Assoziationen haben Sie dazu?

Ich habe den Titel beim Schreiben gefunden. Es ist ja die Geschichte über einen Jungen, der durch eine High-Tech-Intervention sehr schnell an emotionaler Intelligenz gewinnt. Als ich Robin erschuf, dachte ich an Kinder, die ich kenne, an meine eigene Kindheit und als ich überlegte, was ich damals gelesen habe, stieß ich auf Daniel Keyes’ klassischen Science-Fiction-Roman „Blumen für Algernon“. Er handelt von einem Mann, dessen kognitive Intelligenz sich nach einem Eingriff steigert. Den habe ich noch einmal gelesen. In seinem Motto zitiert er aus Platons Höhlengleichnis die Stelle über die Irritation, wenn man in die Helligkeit oder ins Dunkle kommt, ins Positive oder Negative. Im Englischen gibt es dafür das Wort Bewilderment. Das habe ich für den Titel gewählt, weil ich dachte, ich kopiere nicht Keyes’ Geschichte, aber wir beide erzählen auf unterschiedliche Weise Platon neu. Es geht um die plötzliche Rückkehr von einer Erkenntnis zu den vorherigen, „wilden“ Bedingungen.

Das spezielle Neurofeedback-Training für Robbie stellt eine Verbindung zwischen seinem Hirn und dem seiner Mutter her. Das scheint mir etwas Mythisches zu sein. Wenn es im Computertomographen möglich ist, wie die tote Person zu denken und zu fühlen, haben dann die Neurowissenschaftler eine ähnliche Rolle wie bestimmte Religionen? Sie knüpfen eine Beziehung über den Tod hinaus.

Der Gedanke liegt gar nicht so fern. Wenn man das Wort Religion etymologisch betrachtet, kommen wir auf religare, was heißt: Dinge wieder zu verbinden. Das Neurofeedback tut genau das, es bringt Menschen wieder zusammen. Ich glaube auch, dass es in meiner Geschichte eine mythologische Bedeutung hat. Ich wollte es in zwei Richtungen. Ich wollte so realistisch erzählen wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts, in den der Leser leicht einsteigen kann. Vater und Sohn wirken real, sie erinnern uns an Menschen, die wir kennen. Ich bekam unglaublich viele E-Mails von Lesern, die fanden, mein Robin sei wie ihr Sohn. Das fand ich sehr bewegend.

Und die zweite Richtung?

Die kommt mit der technischen Erfindung, dem Neurofeedback. Seit einigen Jahren wird tatsächlich an so etwas geforscht. Wenn das einmal so funktionieren sollte, wie ich das schreibe, würde uns die Maschine in das Innere anderer Menschen führen. Und der Leser stellt sich selbst die Frage, wie weit man gehen kann.

In Deutschland ist derzeit eine lauter werdende Wissenschaftsfeindlichkeit zu beobachten.

Das gehört auch zu meiner Geschichte. Das Leben von Theo und Robin wird von soziopolitischen Erschütterungen heimgesucht. Die Leser werden erkennen, dass sie denen ähneln, von denen wir derzeit betroffen sind. Ich habe die politische Realität im letzten Jahr der Trump-Regierung zwar nicht extra thematisiert, aber mit eingearbeitet. Und so wie im Roman die Erforschung des Weltraums und des Hirns des Individuums davon abhängig sind, dass die Gesellschaft deren Wert erkennt, beobachten wir während der Pandemie, wie wissenschaftliche Arbeit in Frage gestellt wird.

In dem Fall ist aber die Verantwortung der Politik hoch: Die Rolle der Wissenschaft hängt doch nicht davon ab, was die Leute sagen.

Leider haben wir jetzt Orte, an denen wir unsere eigene Realität erschaffen können, die sogenannten sozialen Medien, wo man nicht mehr mit jemandem in Kontakt kommen muss, der vielleicht eine andere Meinung hat. Verschwörungstheorien, Lügen, paranoide Thesen können sich schneller verbreiten als wissenschaftlich begründete Erkenntnisse. Das treibt die Gesellschaft auseinander. Im Moment sehe ich noch nicht, dass es ein Interesse daran gibt, dies zu regulieren.

Wie soll das überhaupt gehen?

Man könnte verbieten, Social Media zu benutzen, solange man dort destruktive oder falsche Inhalte verbreitet – etwa über den Klimawandel oder das Aussterben der Arten. Doch die Hälfte der US-Amerikaner wäre buchstäblich bereit, auf die Barrikaden zu gehen, wenn ihre Freiheit im Internet beschnitten würde. Für die gedruckte Kultur, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, gab es immer Regeln: Verleumdungen, Beleidigungen, Hass dürfen dort nicht frei verbreitet werden.

Weil es sich da nicht um Meinungsäußerungen handelt, sondern um Menschenrechte.

Der Biologe E. O. Wilson sagt, wir Menschen haben immer noch altsteinzeitliche Gefühle, mittelalterliche Institutionen, aber gottgleiche Technologien. Das ist eine heikle Konstruktion. Ich denke, und darüber schreibe ich in „Erstaunen“, aber auch schon in meinen anderen Büchern: Wir können nicht so tun, als hätten wir all die technischen Mittel nie erfunden, wir bekommen den Geist nicht zurück in die Flasche. Am Gefühlssystem können wir auch nicht viel machen, der Mensch ist, wie er ist. Aber unsere Institutionen können wir ändern, die Bedingungen des Zusammenlebens.

Interview: Cornelia Geißler

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