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Deutsche Soldaten beim Beginn des Angriffs auf Warschau.
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Deutsche Soldaten beim Beginn des Angriffs auf Warschau.

Wehrmacht in Polen

„Rettungswiderstand“ in Polen: Einfallsreichtum und Tarnmanöver

  • VonWolfram Wette
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Christiane Goos stellt dar, wie Wehrmachtsangehörige die Befehle verweigerten und Jüdinnen und Juden in Polen das Leben retteten.

Wo man es am wenigsten erwartet hätte: Selbst in der Wehrmacht, diesem riesigen Militärapparat, in dem das Prinzip des Befehlsgehorsams herrschte, gab es Männer, die verfolgten Juden und Jüdinnen halfen und die damit aus dem militärischen Regelsystem ausscherten. Mit diesen „Rettern in Uniform“ beschäftigt sich die Historikerin Christiane Goos: „Die vorliegende Studie untersucht Angehörige der Wehrmacht, die während der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 Humanität und Zivilcourage über ihre Befehls- und Gehorsamspflicht stellten, um damit auf ihre Weise zu versuchen, den Auswirkungen der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik entgegenzuwirken.“

Die Autorin schöpft einerseits aus der Forschungsliteratur über die „unbesungenen Helden“, die in den letzten 20 Jahren rasant angewachsen ist, und sie fügt neue Fälle hinzu. Wehrmachtsangehörige – Soldaten, Polizisten, Beamte der Zivilverwaltung – konnten verfolgten Juden und Jüdinnen ihre Solidarität auf dreierlei Weise bekunden: Sie erklärten jüdische Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die in Werkstätten der Wehrmacht eingesetzt waren, mit dem vorgeschobenen Argument der „Kriegsnotwendigkeit“ für unverzichtbar und verhinderten damit ihre Deportation in die Vernichtungslager. Oder sie leisteten Fluchthilfe.

Oder sie schützten Verfolgte, indem sie sich – einmalig in der südostpolnischen Stadt Przemysl praktiziert – den Vernichtungskommandos direkt entgegenstellten. Solcher „Rettungswiderstand“ fand in der Regel nicht an der Front statt, sondern im „Rückwärtigen Heeresgebiet“, wo die Logistik für den Kriegseinsatz bereitgestellt wurde, wo sich aber gleichzeitig auch die Konzentrations- und Vernichtungslager befanden.

Das Buch:

Christiane Goos: „Ich habe mich geschämt, dass ich zu denen gehöre …“. Verlag v. Hase & Koehler 2020. 385 S., 39,90 Euro.

Nicht haltbar ist die inflationär benutzte Nachkriegslegende, man habe unter der NS-Diktatur und erst recht in den bewaffneten Organisationen des NS-Staates „doch nichts machen können“, weil stets die Todesstrafe zu gewärtigen war. Es ist nur ein einziger Retter in Uniform bekannt, der für seine Taten mit seinem Leben bezahlte, nämlich der Feldwebel Anton Schmid aus Wien, der im litauischen Wilna mehr als 300 jüdischen Verfolgten das Leben retten konnte und dafür von einem Feldkriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Die anderen deutschen Retter in Uniform – die Autorin präsentiert immerhin 28 Männer, die im besetzten Polen (und in Litauen) Hilfeleistungen erbrachten – nutzten ihre Handlungsspielräume mit einem erheblichen Einfallsreichtum und geschickten Tarnmanövern, woraus sich auch ein gemindertes, aber gleichwohl unberechenbares Risiko ergab. Die Schilderungen der je unterschiedlichen Rettungstechniken gehören zu den spannenden Teilen dieser Untersuchung. Ein wesentlich größeres Risiko gingen polnische Judenretterinnen und Judenretter ein. Auf allenthalben angebrachten Plakaten wurden sie von der deutschen Besatzungsmacht mit der Todesstrafe bedroht, und diese Strafe wurde auch regelmäßig und gnadenlos verhängt.

Was nicht aus den Augen verloren werden darf: Für das Gesamtgeschehen des Polenkrieges hatten die Hilfeleistungen der wenigen deutschen Retter in Uniform nur eine marginale Bedeutung. Das wird unmittelbar deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den sechs Jahren terroristischer deutscher Besatzungsherrschaft etwa sechs Millionen Polen und Polinnen ihr Leben verloren, darunter drei Millionen Jüdinnen und Juden. Dass sich trotz dieser Barbarei nach dem Kriege allmählich wieder geregelte Beziehungen zwischen Polen und Deutschland entwickeln konnten, grenzt an ein Wunder.

Bedeutsam sind die in diesem Buch präsentierten Retter für unsere Erinnerungskultur. Sie glänzen wie Edelsteine unter dem großen Schutthaufen der deutschen Kriegs- und Vernichtungsgeschichte. Sie sind ein Beleg dafür, dass es damals auch eine kleine Welt jenseits des Befehlsgehorsams gab, in der mutige Menschen ihre spezifischen Handlungsspielräume nutzten und menschlichen Anstand bewiesen.

Christiane Goos hebt in ihrem Fazit hervor, dass es bei aller situativen Unterschiedlichkeit der einzelnen Hilfeleistungen und Rettungstaten eine signifikante Gemeinsamkeit bei den von ihr untersuchten „Rettern in Uniform“ gibt: Diese Männer wurden nicht als Retter geboren, aber sie hatten in ihrer Erziehung als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene eine „humane Grundhaltung“ vermittelt bekommen, die ihr Bewusstsein und ihr Gewissen stärker prägte als es die militärischen und rassistischen Zumutungen der Wehrmacht vermochten. Daher reagierten sie angesichts der rassenideologischen Herausforderungen, vor die sie sich während des Krieges und der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen gestellt sahen, anders als die große Mehrheit der Wehrmachtsangehörigen.

Etliche von ihnen wurden nach dem Kriege vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Andere, die auch gerettet hatten, was aber mangels überlebender Zeitzeugen nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte, erfahren nun durch die Forschungsarbeit von Christiane Goos eine Würdigung.

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