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Nicht nur eine behagliche Nische, auch ein Buch kann einem den Rücken freihalten.

Andrea Gerk „Lesen als Medizin“

Rettungsanker

Andrea Gerk schreibt über die heilsame Wirkung von Büchern. Bibliotherapie heißt das offiziell, und fortgeschrittene Leser, die in papierenen Helden ihre Verbündeten finden, wissen, was damit gemeint ist.

Von Cornelia Geissler

Dieses Buch wendet sich an Fortgeschrittene. Kapitelüberschriften, Beispiele und Anmerkungen machen klar: „Lesen als Medizin“ ist für Menschen geschrieben, die Verbündete in papierenen Helden haben, die sich von Sprache und ihrem Rhythmus durch schlechte Zeiten retten und auch gute Momente verschönern lassen, die den Zauber des Lesens kennen.

Die Autorin Andrea Gerk ist jedenfalls so eine. Im Leserausch habe sie Schlafmangel und verpasste Verabredungen ignoriert, gar „abgekaute Nagelhaut und ungewaschene Haare (sehen die im Buch ja nicht)“. Ihre Rausch-Erlebnisse lässt sie zwischen ihren Erörterungen immer mal aufblitzen. Schriftsteller wie Felicitas Hoppe und Robert Seethaler schrieben ihr Lebensbücher auf, auch Wissenschaftler wie der Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main oder Literaturexperten wie die Chefin der Patientenbibliothek der Charité nannten Langzeit-Lieblinge.

Zuerst allerdings handelt das Buch konkret von Bibliotherapie. Als Heilverfahren ist sie in den USA seit 1939 anerkannt und wird seit Längerem in Großbritannien und Skandinavien angewandt. In Deutschland hat sie in das Mediziner-Nachschlagewerk Pschyrembel Eingang gefunden als „Form der Psychotherapie“, bei der mittels ausgewählter Literatur der Patient „unterstützt werden soll, seine Probleme zu verbalisieren, klarer zu reflektieren“.

Eigentlich ist schon ein guter Bibliothekar oder Buchhändler ein Bibliotherapeut, wenn er einschätzen kann, welches Buch für den Lesewilligen am besten geeignet wäre. In der Charité werde von den Patienten meist leichte, heitere Literatur im Stil von Charlotte Link verlangt, auch skandinavische Krimis seien begehrt. Nur manchmal seien es Bücher, die sich mit Krankheit oder Sterben beschäftigen: Im Jahr 2011 führte Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ die Top Ten an ihrer Bibliothek an, sagt die Chefin.

Andrea Gerk findet die Anfänge der Bibliotherapie bei Michel de Montaigne, der im 16. Jahrhundert über sich und seine Wahrnehmung die berühmten Essays schrieb, dabei die Werke seiner Lieblingsdichter um sich versammelte, als gehörten sie zur Familie. Die englische Bibliotheksgesellschaft drängte bereits bei einer Tagung im 18. Jahrhundert, Patienten in Krankenhäusern Bücher zur Verfügung zu stellen. Während des Ersten Weltkriegs wurden in Großbritannien und in den USA Verwundete gezielt mit Büchern, Zeitungen und Zeitschriften versorgt.

Heutzutage gibt es in England gar die Möglichkeit, sich gegen Depressionen Bücher verschreiben zu lassen. „Reading Well: Books on Prescription“ – also etwa: „Sich gesund lesen – Bücher auf Rezept“ heißt die Aktion. Und auch in Deutschland vereint eine „Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie“ Ärzte, Wissenschaftler, Therapeuten und Bibliothekare. Die Autorin meldete sich dort zu einer Weiterbildung, fand den Kurs aber „über weite Strecken entsetzlich zäh“. Also nicht alles, was sich Bibliotherapie nennt, wird von ihr auch gepriesen.

Aufschlussreicher sind ihr da die Angebote der Londoner School of Life oder die Züricher Joyce Foundation, die sogar per Skype beraten. Oder die Auskünfte der Schriftstellerin Siri Hustvedt, die jahrelang in New York Poesietherapie unterrichtete. Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut erklärt, dass die Hilfe von Ratgeberliteratur nicht wehtue, Belletristik zwar nicht gleich wirke, dafür oft einen nachhaltigeren Einfluss ausübe. Und Christoph Peters, der mit „Wir in Kahlenbeck“ 2012 einen verstörenden Internatsroman vorgelegt hat, erklärt, dass er ohne das Lesen seine eigene Internatszeit nicht überlebt hätte.

Obwohl „Lesen als Medizin“ kein Roman ist, kann auch dieses Buch eine therapeutische Wirkung entfalten: Du bist nicht allein, da sind andere, die süchtig sind nach fremden Gedanken, neuen Welten, nach dem Leben, das aus Buchstaben wächst, und die zu manchen Büchern immer wieder zurückkehren.

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