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Hans von Dach wollte doch nur seine Schweizer Heimat retten (Symbolbild).

Hans von Dach

"Renne vom Fahrzeug weg!"

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"Der totale Widerstand": Der Schweizer Major Hans von Dach wollte vor 60 Jahren mit seiner "Kleinkriegsanleitung" die Bevölkerung auf den Kampf gegen die Russen vorbereiten. Auch NSU-Mitglieder lasen seine Partisanenfibel.

Hans von Dach hatte eine Mission: Der Major der Schweizer Armee wollte sein Heimatland retten vor der Roten Flut aus dem Osten. Der 1927 geborene Militär war – wie viele Landsleute und Offizierskollegen – während des Kalten Krieges fest davon überzeugt, dass die Warschauer-Pakt-Staaten in einem finalen „Weltanschauungskrieg“ gegen den Westen die kleine Alpenrepublik überrollen und besetzen werden. Für diesen Fall sollte jeder Schweizer gewappnet sein, meinte Dach und veröffentlichte vor sechs Jahrzehnten ein Buch mit dem Titel „Der totale Widerstand“.

Ob dieser Leitfaden für den Partisanenkampf tatsächlich die Wehrkraft der Eidgenossen stärkte, ist jedoch fraglich. Fest steht hingegen, dass die 1957 erstmals erschienene „Kleinkriegsanleitung für jedermann“ – so der Untertitel von Dachs Werk – sich vor allem in Deutschland und Österreich zehntausendfach verkaufte und in keinem Buchregal linker wie rechter Möchtegern-Umstürzler fehlte. Auch die Terroristen vom NSU, das fanden die Ermittler heraus, hatten das Buch gelesen.

Dabei ging es Hans von Dach nur um sein eigenes kleines Land. Auf mehr als 250 Seiten hatte er in seinem Buch alle Tricks und Kniffe zusammengetragen, mit denen die „Mustermanns“ der Schweiz dem übermächtigen Gegner aus dem Osten nicht nur ein Schnippchen schlagen, sondern ihn letztendlich in die Knie zwingen könnten. Denn „totaler Widerstand“ sei Pflicht im kommenden Weltkrieg, den Dach und seine getreuen Kameraden aufziehen sahen. „Was tut der Arbeiter, der Angestellte, der Freierwerbende ..., der Lehrer, der Zeitungsredaktor, der Beamte im öffentlichen Gemeindewesen? Was tun die Hausfrauen?“, fragt der Major in seinem Buch. „Wenn wir der Versklavung entgehen wollen, dürfen wir den Kampf nicht aufgeben, nur weil die Feldarmee zerschlagen ist.“

Zehn Kapitel, 180 Zeichnungen

Wobei der Offizier die militärische Bedeutung der Schweiz realistisch einschätzte. Sein Land werde nicht „isoliert“ angegriffen, dozierte der Autor, sondern in einem „Durchmarschkrieg“ quasi nebenbei besetzt, um „die demokratische Eiterbeule inmitten eines besetzten Europas“ verschwinden zu lassen. Um dies zu verhindern oder zumindest lange hinauszuzögern, müsse die Bevölkerung an die Stelle der geschlagenen regulären Armee treten und einen Kleinkrieg gegen die Besatzer führen, „bis der große Gegenschlag der freien Welt uns freikämpft“.

Den Pazifisten und Zaudernden gab Dach noch auf den Weg, dass es falsch sei, auf diesen Kleinkrieg „aus Scheu, falschem Ehrbegriff oder überholten Vorstellungen zu verzichten“. Denn der Tyrann würde „unsere Hemmungen zwar freudig begrüßen, aber kaum durch sein Verhalten belohnen“.

Wie der Kampf gegen den Tyrannen aus dem Osten zu führen sei, beschreibt das Buch in zehn Kapiteln und 180 – vom Autor selbst gefertigten – Zeichnungen. Darin geht es etwa um das Anfertigen improvisierter Sprengladungen und die Anlage toter Briefkästen, den Einsatz von Giftpillen und Brieftauben, um die richtige Bewaffnung, die Durchführung von Anschlägen und wie man am effektivsten „lebende Ziele“ bekämpft.

Man erfährt, dass Biwak-Plätze am besten auf sandigen Böden angelegt werden, wie man auf einfachste Art eine Starkstromleitung sabotiert oder wie man unter Folter die Feinde dazu bringen kann, „dich gegen ihre Interessen rasch totzuschlagen“. Hilfreich auch das Kapitel zur alternativen Ernährung, das beschreibt, wie man in freier Natur von Baumrinde, Schnecken und Fröschen leben kann. Für letzteres macht Dach sogar einen Rezeptvorschlag: „Froschschenkel lösen. Waschen. Leicht salzen. Auf einem Blech über dem Feuer rösten.“

Auch Kampftechniken, mit denen der Gegner außer Gefecht gesetzt wird, werden gelehrt. So sei das Erschlagen mit dem Handbeil die einfachste und sicherste Methode, einen Wachposten zu erledigen, erklärt der Autor. „Benütze hierzu nicht die Schneide, sondern die stumpfe Seite des Beils. Schlage dem Posten mit aller Kraft zwischen Kreuz und Lenden oder zwischen die Schulterblätter unterhalb des Nackens.“ Vergessen wird auch nicht der Hinweis, dass man beim Überfall auf den Fahrer eines feindlichen Fahrzeuges das Bajonett benutzen soll: „Spaten oder Handbeil eignen sich wegen der Enge (der Fahrerkabine) nicht.“

Schnell weg vom Tatort

Wolle der Schweizer Partisan ein erbeutetes Fahrzeug in Brand setzen, solle er dafür einen zirka 120 Zentimeter langen, ölgetränkten Tuchstreifen verwenden. Der wird in den geöffneten Benzintank gesteckt und dann angezündet. Brennt das Tuch, darf man nicht Punkt 6 dieser Anleitung vergessen: „Renne vom Fahrzeug weg.“

Gleich auf mehreren Seiten und mit anschaulichen Zeichnungen erläutert Major Dach das Vorgehen beim Zerstören feindlicher Treibstoff- und Waffenlager. Auch hier aber heißt es, sich schnell vom Tatort zurückzuziehen. Major von Dach hat dafür eine Faustformel bereit: Da sich das Feuer auf einer als Lunte ausgelegten Nitrolackspur mit 50 Zentimeter pro Sekunde vorwärtsbewegt, verschaffe „eine Lackspur von 5 m Länge somit 10 Sekunden Zeit, um sich vor der explosionsartigen Brandausbreitung in Sicherheit zu bringen“. Von geradezu absurder Komik sind der heroische Ernst und die Akribie, mit der das Buch die Taktik des Widerstandskampfes predigt. „Gehe mit Vorsicht und List, ja Verschlagenheit ans Werk“, heißt es dort. „Handle nicht impulsiv, sondern kühl berechnend. Blinde Tapferkeit nützt nichts, erst gepaart mit Klugheit trägt sie reichlich Zinse. Eine gewisse Unbekümmertheit ist zwar notwendig, doch muss hinter ihr eine sorgfältige Berechnung der Chancen liegen.“

Hans von Dachs Kleinkriegsanleitung erschien erstmals als Artikelfolge in der Militärzeitschrift „Der Schweizer Soldat“. Anschließend gab der Unteroffiziersverband es als Buch heraus. Die Schweizer Armeeführung goutierte die Publikation seinerzeit stillschweigend.

In rechten Kreisen nach wie vor beliebt

Als 1974 beantragt wurde, Dachs Partisanenfibel als reguläres Handbuch des Militärs einzuführen, verweigerte der Schweizer Generalstabschef dies jedoch. Vielleicht auch deshalb, weil der Bund fünf Jahre zuvor bereits ein eigenes „Zivilverteidigungsbuch“ in jeden Schweizer Haushalt verschickt hatte, das die Bevölkerung über Notvorräte, das Verhalten bei einem Atomschlag und den Widerstand gegen fremde Mächte aufklären sollte. Die Aktion hatte der Berner Regierung heftige Kritik von Intellektuellen und Kulturschaffenden eingebracht. Der Zürcher Historiker Philipp Sarasin etwa sprach von einer „Kultur der Bedrohung“, die das Land der Bunker und Bergfestungen seit Jahrzehnten präge.

In Deutschland gab es Hans von Dachs Buch über den „totalen Widerstand“ lange Jahre zu kaufen. Erst 1988 setzte es die Bundesprüfstelle auf die Liste der indizierten Printmedien. Begründet wurde dies damit, dass die Partisanenfibel „geeignet (sei), Kinder und Jugendliche sozialethisch zu verwirren und ihre Neigungen zur Gewaltanwendung zu fördern“. Durch die Schrift, heiß es weiter, könnten insbesondere ungefestigte Jugendliche zur Verwertung der Anleitungen zum totalen Widerstand gegen die freiheitlich-demokratische Rechtsordnung verführt werden.

Tatsächlich kursiert das Buch seit Jahrzehnten weltweit in radikalen Kreisen jeder politischen Couleur. Auch wenn sich heute die raffiniertesten Bombenbauanleitungen in Sekundenschnelle im Internet finden lassen, ist die Schrift des Berner Majors nach wie vor ein Kultbuch bei jenen, die vom bewaffneten Kampf träumen. Insbesondere in rechten Kreisen erfreut sich die Kleinkriegsanleitung anhaltender Beliebtheit. Der 2002 verstorbene Hans von Dach wird dies nicht im Sinn gehabt haben, ging es ihm doch nicht darum, ein totalitäres Regime zu errichten, sondern es zu bekämpfen.

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