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Renate Feyl.

Literatur

Renate Feyl: Dieser letzter Rest von Unerreichbarkeit

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Renate Feyls Roman „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“ über den spektakulärsten Scheidungsprozess des 19. Jahrhunderts.

Berlin im Vormärz. Das ist die Zeit, in der dieser Roman spielt. Der Stoff ist historisch verbürgt. Ferdinand Lasalle lernt als Student in Berlin die 20 Jahre ältere Gräfin von Hatzfeld kennen. Diese ist seit 23 Jahren mit einem der mächtigsten Männer des Landes verheiratet, ihrem Vetter Edmund von Hatzfeld, einem brutalen Mann, der sie betrügt und versucht, sie um die Kinder und ihr Vermögen zu bringen. Sie will sich von ihm scheiden lassen – mitten im 19. Jahrhundert.

„Rote Gräfin“ nannte man sie aufgrund ihrer Verbindung zu Lasalle, einem der Führer der deutschen Arbeiterbewegung. Als „altes Saumensch“ bezeichnete sie Karl Marx mit grimmiger Bewunderung, und eigentlich ist es ein Wunder, dass ihr Leben nicht längst verarbeitet worden ist – zu einer Biografie, einem Film oder eben einem Roman, wie ihn nun Renate Feyl vorlegt. Denn der Kampf der Gräfin, sich gegen den Willen der Familie aus einer quälenden Ehe zu befreien, den finanziellen Ruin riskierend, und sich dabei von einem Mann unterstützen zu lassen, der in ihren Kreisen aufgrund seiner politischen Einstellung und wohl auch aufgrund seines Judentums verhasst war – all das macht sie zu einer beispielhaft Unabhängigen, zu einer schillernden Vorkämpferin der Emanzipation.

Renate Feyl: Die unerlässliche Bedingung des Glücks. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 429 S., 24 Euro.

Renate Feyl hat sich auf der Suche nach einem Stoff bereits des öfteren der Vergangenheit zugewandt, und man kann auch ihr neuestes Buch als historischen Roman bezeichnen. Nur wie definiert man dieses Genre eigentlich? Berliner werden jedenfalls unablässig daran erinnert, dass dieser Roman seinen Grund in der Geschichte hat, denn es kommen Personen darin vor, nach denen hier Straßen benannt sind: Graf von Nostitz, mit dem Sophie von Hatzfelds Schwester verheiratet ist, Rahel Varnhagen, Prinz von Pückler und so weiter. Aber man weiß eben dann doch nicht, was an der Geschichte auf Quellen und Dokumenten beruht, wie tief die Recherche der Autorin geht und was sie sich selbst ausgedacht und hinzugefügt hat. Deshalb kommt es einem so vor, als liege dieser Roman im Widerstreit mit sich selbst, indem er ein obskures Verhältnis zur geschichtlichen Wahrheit pflegt. Wobei das nicht speziell auf Renates Feyls Buch zutrifft, sondern auf Romane dieser Art im Allgemeinen.

Über Feyls Buch lässt sich sagen, dass es einem einen leichtfüßigen Eingang in diese Zeit der Umbrüche verschafft, in der der fremdartige Socialismus sich zum vertrauteren Sozialismus wandelte. Aber Feyl schreibt auch über das schlichte Jakonettkleid der Gräfin, mit teurem Spitzenkragen, „wie es derzeit in den höchsten Gesellschaftskreisen Mode war, wo die Kombination aus superbillig und superteuer als der letzte Schick galt“. Und sie fühlt sich in die Beziehung der beiden ein, entscheidet sich fürs Platonische, wobei sie Lasalle anfangs unzufrieden sein lässt: „Meine Seele hungert nach Körper.“ Auch die Gräfin wird beinahe schwach, glaubt aber doch zu erkennen, dass er „diesen letzten Rest von Unerreichbarkeit spüren muss, damit er auf dem Boden blieb“.

Einen großen Verdienst hat der Roman: Er stellt heraus, dass Vorschriften, dass Gesetze nicht viel bewirken. Die Zeit muss reif sein. Das gilt für sozialistische Ideen und auch für eine Scheidung.

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