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Erich Maria Remarque in seinem Haus am Lago Maggiore.

50. Todestag

Remarque: „Mein Lebens-Credo in drei Worten: Unabhängigkeit – Toleranz u. Humor“

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Ungebrochene Aktualität: Zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque, dessen später lieber verschwiegenes Frühwerk nun die kommentierte Taschenbuchausgabe abschließt.

Es sei gut, meinte der alternde Erich Maria Remarque 1966 in einem Radiointerview, dass seine frühen literarischen Texte vergessen worden seien. „Es waren Versuche, man sucht einen Stil ... Man war pretiös sogar, man versuchte, wie man als junger Mensch eben etwas macht.“ Immerhin: Neben zahlreichen Artikeln und Gedichten waren es drei Romane, die Remarque bereits geschrieben hatte, als den 30-jährigen Redakteur und einstigen Werbetexter der Werkszeitschrift des Gummiherstellers Continental 1929 mit seinem vierten Roman über Nacht der Weltruhm einholte und er zu einem der am meisten gekauften und gelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde.

Zu seinem 50. Todestag am heutigen Freitag sind die drei „verleugneten“ Jugendwerke – der Künstlerroman „Die Traumbude“, die Erzählung über die leidenschaftlichen Affären der jungen Weltenbummlerin „Gam“ und die Rennfahrergeschichte „Station am Horizont“ – in sorgfältig editierten Einzelausgaben erschienen. Sie zeigen einen jungen Autor, der durch den Krieg aus allen romantischen Träumereien des jugendbewegten Kreises herausgerissen wurde, der sich um den Osnabrücker Maler und gesellschaftlichen Außenseiter Friedrich Hörstemeier versammelt hatte. Kein anderer hat den jungen Erich Paul Remark (so sein Geburtsname) stärker beeinflusst als dieser jenseits von Osnabrück nahezu unbekannte Bohemien und Anhänger der damals viel gefeierten Freikörperkultur.

Der Roman „Die Traumbude“, veröffentlicht 1920, ist die schmerzvolle Erinnerung an eine hoffnungsvolle Jugend, deren Götter Schopenhauer und Nietzsche hießen. Aber sie ist nicht zuletzt auch eine Verbeugung des schwärmerischen jungen Autors vor dem geliebten Mentor, der bereits 1917 im Alter von 35 Jahren der Tuberkulose erlegen war.

Schon die beiden folgenden Romane weisen Remarque als Autor einer neuen Zeit aus. Immer noch sentimental, immer noch vom Glanz der „großen“ Welt ein wenig geblendet, immer noch von einem idealistischen Humanismus bewegt, den dieser Schriftsteller auch in seinen dann folgenden elf Romanen nie in Frage stellen wird. Aber in „Gam“ und im Rennfahrerroman spürt man das Heraufdämmern einer neuen, lauten, ruhelosen Zeit.

Als Remarque „Station am Horizont“ schreibt, lebt er schon in Berlin und ist Redakteur von „Sport und Bild“. Der Mann aus der westfälischen Provinz liebt die tosende Metropole, ihre Bars und ihre schönen Frauen. Der Sportreporter und Lebemann befreit sich schreibend und lebensgierig aus der Enge seiner undramatischen, als kleinbürgerlich empfundenen Jugend.

Keine Weltliteratur gilt es mit Blick auf dieses Frühwerk zu vermelden. Der ohnehin das eigene literarische Schaffen mit viel Selbstzweifel begleitende Autor wollte es nicht neu gedruckt sehen. Immer wieder pochte er darauf, dass sein Opus 1 der Roman „Im Westen nichts Neues“ sei. Biografisch trifft das zu. Aus dem Journalisten und bis dahin unbemerkten Romanautor wurde 1929/30 innerhalb weniger Monate ein Weltstar.

Und doch ist es ein Gewinn, dass nun auch die frühen Romane Remarques in von Herausgeber Thomas F. Schneider kenntnisreich kommentierten Ausgaben zu erwerben sind. Denn so stilistisch bescheiden diese Prosawerke sich über weite Strecken zeigen, so kolportagehaft manche Szene geraten ist, der kommende Remarque ist bereits spürbar. Als die drei Romane vor 22 Jahren in einem Sammelband erschienen, wurde dieser in elf Sprachen übersetzt – auch ein Hinweis auf die Bedeutung dieses Autors und das Interesse, das ihm international nach wie vor begegnet. Und die Themen, die hier anklingen, bleiben auch die seiner späteren Bücher: Das Rätsel der Liebe, der unvorstellbare Tod, die Suche des Menschen nach Sinn und sein Kampf gegen die Einsamkeit.

Zum TOdestag

Die Bücher Die Traumbude. Ein Künstlerroman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 318 Seiten. Gam. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 338 Seiten. Station am Horizont. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 317 Seiten. Jeweils 12 Euro. Die Ausstellung Weltweit. Remarque. Worldwide. bis 22. Juni im Erich Maria Remarque Friedenszentrum Osnabrück. Neuerscheinungen zum Hören Die Nacht von Lissabon. Mit Max Simonischek, Max von Pufendorf, Lisa Hrdina u. v. a., radio bremen/ WDR Hörspiel. Der Audio-Verlag, 2 CDs, 106 Min. 15 Euro. Im Westen nichts Neues. Mit Patrick Güldenberg, Peter Jordan, Tino Mewes u. v. a., radio bremen-Hörspiel von 2014, 2 CDs, 108 Minuten, 15 Euro.

Remarque ist ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod das geblieben, was er zu Lebzeiten war: ein Erfolgsautor. Die heute in Osnabrück öffnende Ausstellung „Weltweit“ dokumentiert die weiterhin erstaunliche Dimension seiner internationalen Rezeption. Insgesamt sind inzwischen schätzungsweise 60 bis 80 Millionen Exemplare seiner Werke verkauft worden und Übersetzungen in 60 Sprachen erschienen. Jüngst konnten auch die georgischen, armenischen, bengalischen und gälischen Leser Remarque-Romane in ihrer Sprache lesen. Seine Werke, so Schneider, Leiter des Erich-Maria-Remarque Friedenszentums in Osnabrück, „haben in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem in den digitalen Medien eine verstärkte Aufmerksamkeit erfahren“. Immer wieder werden sie zudem neu für die Bühne dramatisiert. „Der Markt wird geradezu überschüttet mit Filmen zu Remarque“, konstatiert Schneider.

Remarque selbst erlebte den Untergang der „Welt von Gestern“ in Vernichtungskriegen, barbarischen Diktaturen und der Ermordung des europäischen Judentums. Ideologie und Hass überwältigten die Vernunft. Auch wenn Remarque bis in die 1940er Jahre hinein immer wieder betonte, seine Bücher sollten „weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein“ – so in der berühmten Vorbemerkung von „Im Westen nichts Neues“ –, blieb er ein hochpolitischer Autor. Er schrieb Zeitromane. Seine Figuren erleben das sinnlose Sterben an den Fronten („Im Westen nichts Neues“), den dramatischen Überlebenskampf in den Jahren der Weimarer Republik („Der Weg zurück“, „Der schwarze Obelisk“), das Schicksal im erzwungenen Exil („Liebe Deinen Nächsten“, „Arc de Triomphe“), die Grausamkeiten der KZ-Schergen („Der Funke Leben“), die Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Russland („Zeit zu leben und Zeit zu sterben“). Remarque schrieb über die Wirklichkeit in den Konzentrationslagern, als die deutsche Nachkriegsgesellschaft sich noch mit großem Selbstmitleid ahnungslos gab, und er erzählte 40 Jahre vor der Eröffnung der Wehrmachtsausstellung in Hamburg von den Mordaktionen deutscher Soldaten an der russischen Zivilbevölkerung.

Remarques Pazifismus und sein humanistisches Bekenntnis geben seinem Werk angesichts der weltweiten Rückkehr von Krieg, Massenflucht und politischer Radikalisierung eine immense Aktualität. „Ich will mich bemühen, die Wahrheit zu schreiben“, wird er einmal sagen. Und in einem Brief an einen Jugendfreund aus dem Jahr 1957 bekennt er: „Ich habe gestern mein Lebens-Credo auf drei Worte zusammengestellt: Unabhängigkeit – Toleranz u. Humor.“

Der frühe Ruhm, der politische Hass, der ihm in Deutschland seit dem Roman „Im Westen nichts Neues“ entgegenschlug, machte Remarque zum Flüchtling. Schon 1932 verließ er Deutschland, wurde durch seine Bestseller ein reicher Mann, lebte in seiner herrlichen Villa am Lago Maggiore, sammelte seine Van Goghs und Monets, litt unter Depressionen, verlor sich im Alkohol, erlebte den Krieg in den USA und kehrte nach 1945 nur als gelegentlicher Besucher in seine Heimat zurück. Erst spät erfuhr er, dass die Nazis seine Schwester Elfriede in Berlin-Plötzensee enthauptet hatten.

„Allein sein, der ewige Refrain des Lebens“, bilanziert der Exilant Ravic im Roman „Arc de Triomphe“ seine von Flucht und Bedrohung überschattete Existenz. Remarque, der blendend aussehende, wohlhabende, bei jeder Neuveröffentlichung weltweit diskutierte Schriftsteller blieb zeitlebens ein schüchterner, von Selbstzweifeln getriebener Mann. Seine Lebemann-Attitüden, seine Trinkernächte, seine Bordellbesuche, es waren auch immer Fluchten vor den leeren weißen Blättern, die anklagend auf seinem Schreibtisch warteten. Das von Paparazzi belagerte Liebesleben an der Seite von Hollywoodstars – Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard -, seine häufige Weigerung, über das Werk zu sprechen („Es steht doch alles in meinen Romanen“): vieles war nur Maske, die die Einsamkeit eines Autors überdecken sollte, der von Jugend an auf der vergeblichen Suche nach sich selbst war.

Auch das machte ihn zu einem Mann der Moderne: Seit seinen frühen Osnabrücker Tagen, spätestens aber seit seinen Kriegserlebnissen an der Westfront des Ersten Weltkriegs blieb er ein Suchender und angesichts der Katastrophen, die zu sehen er sich nicht verweigerte, ein pessimistischer Humanist.

Wilhelm von Sternburg ist Autor der Remarque-Biografie „Als wäre alles das letzte Mal“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000. 512 Seiten, 14,95 Euro.

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