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Im Gebet.
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Im Gebet.

Jugendbücher zum Terror

Das Reizthema

  • VonCornelia Geissler
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Wie glaubhaft kann man von der Rekrutierung Jugendlicher für den IS erzählen?

Antonia Michaelis hat eine Zeittafel in ihr Buch eingefügt. Jeder Eintrag wird von dem Wort „Anschlag“ bestimmt. Sie belegt, dass ihr Roman „Die Attentäter“ kein reines Produkt ihrer Fantasie ist. Er entstand auf dem Nährboden der gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Jahre. Es ist eines von vielen Büchern derzeit, die sich mit dem Terror beschäftigen, geschrieben für junge Leser.

Michaelis erzählt von drei Freunden, Alain, Cliff und Margarete, die in einem Haus aufwuchsen. Sie sind als 19-Jährige noch miteinander verbunden durch das unsichtbare Band der Kindheit. Doch ist Cliff zum islamischen Glauben konvertiert und hat sich in ein Netzwerk einbinden lassen, das die „Ungläubigen“ bekämpfen will. Michaelis schreibt aus der Perspektive ihrer drei Helden und zieht die Leser in deren Gedankengänge. Die Abschnitte sind geschickt ineinander verwoben, auch wechselt der Blick zwischen Innen- und Außensicht.

Oft spürt man darin die romantischen Verklärungen, zu denen Menschen in der Pubertät neigen, die Bedeutung einzelner Sätze und Bilder wiegt schwer, manchmal etwas zu schwer. Michaelis ist aber eine versierte Autorin, die keine einfachen Reize setzt, sondern psychologisch geschickt vorgeht. Sorgfältig formt sie die Charaktere: „Alain hatte diese Art aufzutauchen, es war, als wäre das Wort für ihn erfunden worden“, denkt Cliff über den Freund. Und über Margarete: „Sie war nie Platzhalter gewesen, sie war ein Anker. Für beide, ihn und Alain.“ Alain denkt über Cliff: „Er schwieg, wie er meistens schwieg, er konnte Antworten schweigen und Fragen schweigen.“

Und während Alain und Margarete mit Sorge die Wandlung Cliffs beobachten, verändert sich auch das Land um sie her. Alains Mutter setzt sich für Flüchtlinge ein. Im Fernsehen sieht man: „Demonstrierende Spaziergänger mit Transparenten gegen die Überfremdung eines weitgehend unbekannten christlichen Abendlandes.“

„Die Attentäter“ ist ein politischer Roman, aber auch einer über die Macht und Ohnmacht von Freundschaft in einer Lebensphase, da ein Mensch am dringendsten nach seinem Platz in der Welt sucht. Die beiden Jungen haben immer gern gezeichnet, doch nur der eine nimmt die Kunst so wichtig, dass er sie eines Tages zu seinem Beruf zu machen will. Der andere verfolgt Pläne, die ihm per Handy, bei geheimen Treffen in verwaisten Gebäuden übermittelt werden.

Die Autorin verlagert nach und nach das Interesse aus dem inneren Kreis der Familien in die Zusammenhänge der Stadt. Berlin soll ein blutiges Weihnachten bevorstehen. Antonia Michaelis verkürzt die Abschnitte, schiebt die Gedanken ihrer Figuren dichter zusammen. Das Buch wandelt sich zu einem fesselnden Thriller. Grausige Gedankenspiele werden zu einer Realität.

Wo liegt für Jugendliche, die in der westlichen Welt aufgewachsen sind, die Faszination, sich unter Befehlsgewalt zu begeben und Menschen töten zu wollen, die anders denken? Agnes Hammer, die nicht nur mehrere Jugendbücher veröffentlicht hat, sondern nach wie vor Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, schreibt in „Nächster Halt: Dschihad“ glaubwürdige Monologe zweier Jungen.

Die Freundschaft zwischen Adil aus einer türkischen Familie und dem wohlstandsverwahrlosten Max entwickelt sich über Monate. Die Autorin schaltet zwei weitere Stimmen dazwischen. Da ist Paula, die Schwester von Max, die sich erst ein bisschen in Adil verguckt, dann Max’ Veränderung als Jungskram abtut, bis sie begreift, dass sie seine Heimlichkeiten ernst nehmen muss. Und da ist ein Verfassungsschützer, der die Hinweise auf verdächtige Jugendliche lange nicht zu lesen versteht. Agnes Hammer legt ein Beziehungsgeflecht aus, bis Kontrollen greifen und doch eine Bombe zündet, nur eine.

Auch Morton Rhue führt bereits mit dem Titel seines neuen Buches direkt zu dem Reizthema. „Dschihad online“ heißt es und erzählt im Kern von zwei Brüdern. Khalil und Amir sind von ihren Eltern in den USA zurückgelassen worden, als die zu ihren Verwandten nach Bosnien heimkehren mussten. Khalil, 17 Jahre alt, ist in den USA geboren. Amir, drei Jahre älter, droht die Abschiebung. Die Brüder verlassen die Wohnung, deren Miete noch bezahlt war, hausen in einem kalten Keller und können bald den Schein eines normalen Lebens nicht mehr aufrechterhalten. Khalil klammert sich noch an seine alten Freunde, doch bald sind die Behörden hinter ihnen her, weil er die Schule schwänzt. Die Facebook-Einträge und Tweets in Amirs Handy machen dem jüngeren Bruder Angst. Amir erhält sogar seiner radikalen Ideen wegen Besuchsverbot in seiner Moschee. Aber Khalil ist auf ihn angewiesen und er sieht auch, wie ungerecht Muslime behandelt werden, wie sie ihrer Religion wegen als Verdächtige oder mindestens als Sonderlinge gelten.

Morton Rhue ist berühmt geworden durch den Roman „Die Welle“ von 1981, in dem ein Lehrer seine Schüler in ein manipulatives Experiment verwickelt. Auf der Rückseite von „Dschihad online“ wird der Autor so zitiert: „In mancherlei Hinsicht ist dieser Roman für mich eine heutige Version von ,Die Welle‘. Ich will junge Menschen auffordern, kritisch zu hinterfragen, was die Menge schreit.“

Vor allem die Figur des Khalil überzeugt mit seinem Hoffen, Glauben und Zweifeln, seinen Versuchen, sich aus der Abhängigkeit vom Bruder zu lösen und durch die Fesseln, die ihn daran hindern. Das Buch hat Wucht.

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