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Auf Reisen

Che Guevaras Tagebuch

Von Karin Ceballos Betancur

Er wird geschrieben haben, wo er gerade konnte, in Kladden, Hefte und auf lose Blätter, in Eile, mitunter unkonzentriert - sein Versuch, mit kleinteiliger krakeliger Schrift die wichtigsten Ereignisse jener Tage festzuhalten, ohne zu ahnen, dass den Herausgebern seiner Aufzeichnungen viele Jahre später angesichts dieser Buchstabenverschwörung oft nichts anderes übrig bleiben würde, als Klammern und Punkte setzend zu kapitulieren.

Ernesto Guevara de la Serna war 25 Jahre alt und hatte sein Medizinstudium gerade beendet, als er im Juli 1953 mit seinem Freund Calica zur zweiten großen Reise durch "unser riesiges Amerika" aufbrach. Über Bolivien, Peru, Ecuador, Panamá, Costa Rica und Nicaragua gelangte Ernesto im Dezember nach Guatemala, wo er ein halbes Jahr später den von den Vereinigten Staaten massiv unterstützten Putsch gegen den guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz erlebte. An seine Tante Beatriz in Argentinien schrieb er: "Hier war es höchst amüsant: Schüsse Bombardierungen, Reden und anderes haben die alltägliche Monotonie, in der ich gelebt habe, durchbrochen. In ein paar Tagen - wann genau weiß ich nicht - reise ich nach Mexiko ab, dort habe ich vor, ein Vermögen mit Stäbchen für Hemdkragen zu machen. Auf jeden Fall will ich unbedingt dabei sein, wenn irgendwo was passiert, und passieren wird bestimmt was, denn die Yankees können es nicht lassen, überall die Demokratie zu verteidigen." Guatemala im Juli 1954.

Als sich die Lage zuspitzt, muss Ernesto das Land verlassen und geht nach Mexiko. Im Juli 1955 notiert er: "Ich habe die Bekanntschaft von Fidel Castro gemacht, dem kubanischen Revolutionär, jung, intelligent, sehr selbstbewusst und außerordentlich kühl. Ich glaube, wir sind uns sympathisch." Der Rest ist Geschichte.

Leitmotivisch stellt sich unterwegs immer wieder die Frage nach Strategien zur schwierigen Beschaffung von Visa ("Ich bin inzwischen so weit, dass ich nach China schreiben werde, nur um zu sehen, was sie mir antworten"), Geld ("Vormittags versuche ich Heiligenbildchen zu verkaufen, doch auch damit ist nichts zu verdienen, denn ich verkaufe nichts") und Yerba Mate sowie die Beschreibung seines Asthmaleidens: "Mit dem Essen habe ich Probleme, wenn ich esse, habe ich Asthma, wenn nicht, habe ich Hunger."

Bedauerlicherweise gibt das Tagebuch, das nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, keinerlei editorischen Hinweis darauf, in welchem Zustand sich die Notizen befanden, als Che Guevaras Witwe Aleida die Aufzeichnungen nach seinem Tod fand. Die Lektüre legt nahe, dass es sich im Wesentlichen um lose Blätter gehandelt haben muss, und dass ihr Autor nur wenig Zeit gefunden hat, um sie gründlich zu überarbeiten. Die Handlung springt, häufig fehlen offensichtlich ganze Passagen, Personen tauchen unvermittelt auf, andere werden aufwendig eingeführt, um anschließend nie wieder erwähnt zu werden. Oft macht er sich über sich selbst lustig, wenn er zum wiederholten Mal schreibt: "Wir werden sehen (seit einer Weile nicht mehr benutzte Formel)" oder "Und noch ein Tag ohne Höhen und Tiefen. Dieser Satz droht, zu einem erschreckend häufigen Stereotyp zu werden." Dass die Redundanzen und ungelenken Formulierungen nicht auf schreiberisches Unvermögen Guevaras zurückzuführen sind, belegen allerdings zahlreiche seiner anderen Texte.

Gelungener als die Tagebuchaufzeichnungen selbst sind die im Anhang veröffentlichten Briefe, die Ernesto an seine Familie in Argentinien geschrieben hat. "Der Brief ist nicht so, weil ich ihn zerstreut geschrieben habe", erklärt er seiner Mutter, "sondern weil neben mir vier Kubaner sitzen und diskutieren". Vielleicht der Umgang also.

Aufschlussreich ist die Schwerpunktsetzung, die Ernesto in seinem Tagebuch vornimmt. So spricht er nur in Nebensätzen über seine erste Ehefrau, die Peruanerin Hilda Gadea, und die Geburt seiner Tochter, lässt sich aber seitenlang über Beschaffenheit und archäologische Besonderheiten von Maya-Ruinen aus. Die Erfahrungen in Guatemala lassen ihn schlussfolgern: "Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich in der Lage bin, alles zu ertragen, was kommt. Wenn ich kein Asthma hätte, wäre das sogar noch mehr." Im inneren Streit zwischen seinen "beiden Ichs", dem "Sozialisten" und dem "Reiselustigen", unterliegt schließlich der Abenteurer.

Dass das Tagebuch, in der spanischen Originalausgabe mit dem wesentlich unprätentiöseren Titel Otra vez (Noch einmal) versehen, mit einem ziemlich pathetisch geratenen Vorwort von Alberto Granado ausgestattet ist, der Che auf der ersten großen Reise durch Lateinamerika begleitet hatte, ist dem Verlag nicht vorzuwerfen. Rätselhaft bleibt allerdings, wie dieser in einem kaum eine Seite umfassenden Vorspann zwei gravierende Fehler durchgehen lassen konnte - zum einen was die Reiseroute betrifft, die ja im folgenden ausführlich beschrieben wird, zum anderen das Jahr, in dem Che Guevara Kuba verließ und nach Bolivien ging.

Wer dem Gegenstand des Tagebuchs und dessen Autor kein semi-wissenschaftliches oder wenigstens intensives Interesse entgegenbringt, ist vermutlich besser mit dem Tagebuch der ersten transkontinentalen Reise Ernesto Guevara de la Sernas beraten, das unter dem Titel Latinoamericana bereits beim gleichen Verlag erschienen ist.

Ernesto Che Guevara: Das magische Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Tagebuch der Lateinamerika-Reise 1953-1956. Aus dem Spanischen von Joachim Hartstein. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 7,90 €.

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