Literatur

Der Tod auf Reisen

Josef Winklers Erzählungen "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot" gewinnen ihrem Thema auch eine gelassene Komik ab.

Von KATRIN HILLGRUBER

Ausgerechnet an Allerheiligen erhielt Josef Winkler in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis. Oft schon hat der selbsternannte "Knochensammler" den Feiertag der toten Seelen beschrieben, an dem diese bis Mitternacht Ausgang aus ihren Gräbern erhalten. So auch in seinem neuesten Buch, einem schmalen Brevier von elf Reiseerzählungen mit dem ungewöhnlichen Titel "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot."

Auch der Umschlag ist für die grafisch strenge Edition Suhrkamp überraschend: Ein herrlich bunter Schutzengel ist darauf zu sehen, der ein Kind auf seinem Weg behütet. Josef Winkler erläutert die Zusammenhänge: "Der Titel zitiert ein Lied aus den zwanziger Jahren, ich habe es auf einer Kassette mit Schwulen- und lesbischen Liedern wiedergefunden. Und der Umschlag ist ein Motiv aus unserem Katechismus in der Schule. Er stammt aus den zwanziger Jahren und wurde nach dem Krieg unverändert für die Dorfvolksschüler wieder aufgelegt."

Winklers metaphorischer Überschwang und die immer wieder aufbrechende Aggression in seinen Texten sind nicht zuletzt dem reichen Bilderfundus des Katholizismus geschuldet, den drastischen, zu Ritualen erstarrten Verboten, die dem 1953 geborenen Kärntner Bauernsohn eingebläut wurden. So hatte die Mutter ihren Kindern untersagt, untereinander das Brot zu schneiden, denn damit trennten sie dem Herrgott die Fersen ab: "Jeden Tag einmal hat die Mutter gesagt, dass ich den Herrgott nicht bei den Füßen herunterziehen und ihm auch nicht die Fersen abschneiden soll. Und jeden Tag einmal habe ich zur Mutter gesagt, dass ich mir eine Wimper ausreißen und ihr meine Wimper ins Herz stechen werde."

Nach dieser Lektüre werden sensible Gemüter freitags so schnell keine Wurstsemmel mehr essen wollen. Neben weltweiten tatsächlichen Unglücksfällen und solchen, die in seinen wechselnden Lektüren auftauchen, erinnert sich Winkler an ein tragisches Ereignis in seinem Heimatdorf Kamering. Das Verbot missachtend, am Kreuzigungstag Jesu Fleisch zu essen, stürmte ein Junge quer über die Straße zum Metzger und wurde überfahren.

In der Erzählung "Knochenstillleben auf dem Asphalt mit Ovomaltine" bricht der Autor mit seiner Familie und einem Filmteam nach Mexiko auf. Sie wollen dort Allerheiligen erleben, den "Día de los muertos", der mit besonderen Riten begangen wird. Zeitgleich wird ein Junge in Winklers Wohnort Klagenfurt überfahren - auf einem Zebrastreifen nahe einer Baustelle. Wegen der Fußball-EM war sie unzureichend bewacht worden, da ständig Arbeiter zum Stadionbau abgezogen wurden. Virtuos verknüpft Josef Winkler, durch seine eigene Vaterschaft sensibilisiert, diese der EM geschuldete Tragödie mit dem mexikanischen Totenfest.

Mit "Zeit der Butterblumen, Zeit der Gladiolen" verneigt sich der hochverdiente Büchner-Preisträger vor Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume". Während in der Küche die "honiggelbe, sirupartige Butterblumenmelasse, die man früher ‚Honig der armen Leute' nannte" kocht und dabei Dimensionen annimmt, die an das Grimmsche Märchen vom Süßen Brei erinnert, entspinnt sich im gelben Schein der gar nicht so harmlosen Wiesenschönheit Butterblume eine verhängnisvolle Kette Kärntner Unglücksfälle. Gladiolen wiederum legten die Winkler-Kinder dem Großvater ins Grab.

Mit ähnlich schwindelerregenden Volten wie Döblin nähert sich Josef Winkler dem Rätsel, weshalb "der Tod zappelt wie die Geburt". Indem er den Schrecken mit seinem "Filmkamerakopf" (beschrieben "Im Sternhagel der Bilder") in allen Details beobachtet und exakt benennt, entsteht so etwas Überraschendes wie Trost.

Für Josef Winkler ist Schreiben kein Selbstzweck, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Deshalb stört es ihn auch nicht, auf die Rolle als Chronist internationaler Todesfälle und Todeskulte festgelegt zu werden: "Es ist so, wie es ist. Thomas Bernhard hat einmal gesagt: ‚Der Tod, das ist mein Thema.' Beim frühen Lesen habe ich genau diese Themen auch in der großen Literatur gesucht, bei Hans Henny Jahnn, bei Genet und wie sie alle heißen." Seinem immer wieder perpetuierten Lieblingsmotiv gewinnt Winkler im Lauf der Jahre - Übung macht den Meister - eine ganz eigene, gelassene Komik ab. Kunst und Leben wird bei ihm eins, beginnend mit dem Schokoladenpudding, in dessen Haut die fünfjährige Tochter Siri im Angedenken an den toten Großvater ein Kreuz ritzt, bis zu den beiden jungen Selbstmörderinnen, die sich vom Turm der Klagenfurter Stadtkirche stürzten, in der Julien Greens sterbliche Überreste ruhen, auch er ein literarischer Gewährsmann des Autors.

Nur einem überragenden und derart phantasiebegabten Stilisten wie Josef Winkler ist es vergönnt, das Lebensthema Tod so zu variieren, dass die Lektüre jedes seiner Bücher wie "Friedhof der bitteren Orangen", "Natura morta" oder "Roppongi. Requiem für einen Vater" zu einem neuen rhapsodischen Genuss wird. Davon kündet in nuce dieses bunte Bändchen mit seinem gewaltlüsternen Titel.

Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 128 Seiten, 9 Euro.

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