+
Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal am Rande der Frankfurter Literaturtage.

Litprom in Frankfurt

Die reine Sprache, ein Fetisch

  • schließen

Eine Litprom-Tagung übers Schreiben in Französisch bringt elf Autoren zusammen. Wenn sie über ihr Verhältnis zu Frankreich sprechen, steigt die Spannung.

Weltwandeln in französischer Sprache“: Das Motto der diesjährigen Litprom-Literaturtage in Frankfurt klingt harmlos, birgt aber Diskussionsstoff, der schmerzhaft werden kann. Denn das Französische verwandelt sich gelegentlich in eine Lupe, die auch Tabuzonen offenbart. Im Gespräch mit elf Autoren, die alle eint, dass sie ihre Werke zwar auf Französisch schreiben, aber nicht in Frankreich geboren sind, zeigt sich dieser Effekt schnell. Frankreich-Nostalgie gibt es für sie nicht. Im Gegenteil. Wenn sie über ihr Verhältnis zu Frankreich sprechen, steigt die Spannung.

„Der Alltag in Frankreich bringt mich immer zu meinen ethnischen Ursprüngen zurück“, erzählt Shumona Sinha, die in Indien geboren ist und heute in Paris lebt. Mit ihrem 2015 auf Deutsch erschienenen Roman „Erschlagt die Armen!“ hat sie nicht nur literarische Preise erhalten, sondern auch politisch provoziert. Obgleich ein weiteres Werk, „Kalkutta“, übersetzt ist, ist die Hauptlesung der von Florian Kniffka kuratierten Litprom-Tagung ihrem harten, auf Baudelaire zurückgehenden Werk gewidmet. Im Gespräch mit Claudia Kramatschek spricht Shumona Sinha kaum über die im Buch beschriebene Arbeit der Pariser Migrationsbehörde. Im Fokus stehen jetzt vielmehr die Vorwürfe, sie habe sich nicht politisch korrekt verhalten, keine ethnische Solidarität gezeigt. „Ich habe bis heute kein schlechtes Gewissen. Literatur ist der Wahrheit verpflichtet. Ein Buch wird nicht deshalb schlecht, weil Menschen es für ihre Zwecke missbrauchen können“ sagt sie.

Die Konfrontation mit einer Gesellschaft, die Menschen ausgrenzt, wenn sie ihre Wurzeln außerhalb Frankreichs haben, ist in den Gesprächen mit allen Autoren, zu denen auch der algerische Friedenspreisträger Boualem Sansal und der aus Kongo stammende Autor Alain Mabanckou gehören, spürbar. Dies zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der Sprache. „Die Sprache ist ein Ausdrucksmittel der französischen Identität. Sie ist eine Art Fetisch, etwas Unerreichbares, “ berichtet Anne Weber. Die Autorin ist in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Ihre Werke schreibt sie parallel auf Französisch und Deutsch. Bis heute erlebt sie Momente, in denen sie nicht zugehörig ist. Oft wird die Illusion, es gäbe eine reine Sprache, zum Hebel für Ausgrenzung.

Stereotype zurückgewiesen

Die aus Paris, Graz, Tunis oder Los Angeles angereisten Autoren sind jedoch darin geübt, sich zur Wehr zu setzen. Unbewusste Vorurteile sitzen tief, das ist wohl allen klar. Sie sind so tief, dass auch die Moderatoren auf den Podien dieser Tagung fast in jeder Diskussion von ihren eigenen Frankreich- und Paris-Mythen eingeholt werden.

Geduldig, aber deutlich weisen die Autoren Stereotype zurück. Auf die Frage, ob es nicht auch ein Ansporn sei, die strenge Formensprache des Französischen literarisch zu nutzen, antwortet der in Haiti geborene Autor Louis-Philippe Dalembert, dessen Roman „Die Götter reisen in der Nacht“ mit dem Literaturpreis der Casa de las Americas ausgezeichnet worden ist: „Wenn ich schreibe, denke ich nie an die Pariser Kriterien.“

Entschieden wehrt sich Dalembert ebenso wie der aus der Republik Kongo stammende Literaturhistoriker Boniface Mongo-Mboussa gegen das zentralistische Denken von Frankreich und Paris. Immer wieder wird behauptet, die von Frankreich kolonialisierten Länder, in denen heute noch Französisch gesprochen wird, seien Peripherie. Die Begriffe littérature-monde oder Frankophonie, die inklusiv sein sollen, sind im Kern doch immer auf nicht-westliche Länder bezogen. „Immer geht es um Ex-Kolonien“ erklärt Anne Weber. Das zeige auch das Programm dieser Literaturtagung: „Keine Belgier oder Schweizer sind unter den eingeladenen Autoren.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion