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Reim dich!

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Von: Ulrich Seidler

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Von der großen Welt bis ins Kinderzimmer: Niedliches Gruselblatt aus "Eins, zwei, drei, Vampir".
Von der großen Welt bis ins Kinderzimmer: Niedliches Gruselblatt aus "Eins, zwei, drei, Vampir". © Nadia Budde / Peter Hammer Verlag

Nadia Budde setzt mit „Eins, zwei, drei, Vampir“ nach 18 Jahren ihren Klassiker fort. Ein Werkzeug zur Welteroberung.

Kurz vor Ende des letzten Jahrtausends landete die 1967 in Berlin geborene Nadia Budde mit ihrem genialen Kinderbuch „Eins, zwei, drei, Tier“ einen großen Erfolg. Abgesehen davon, dass die Menschen und Tiere, denen man in diesem seltsamen Katalog in die Augen blickt, immer ein bisschen intensiver zurückblicken und in ihrer ungehobelten Schiefheit höchst vertrauenserweckend und zugewandt sind – das eigentliche Glück dieses Pappbilderbuches liegt darin, dass dem Kind damit die Welt aufgeblättert und geschenkt wird.

Der neue Mensch erhält einen goldenen Schlüssel, mit dem er die überwältigende, vielleicht auch furchteinflößende Fülle der Erscheinungen, Wesen und Phänomene, die auf ihn einprasseln, sprachlich bannen und gar bezwingen kann. Es werden jeweils drei Wesen einer Kategorie aufgezählt, dann aber kommt der Reim, dichtet dem Vierten im Bunde eine Eigenschaft an, die so gravierend ist, dass eine neue Kategorie her muss, für die wiederum drei Zugehörige antreten. Und so weiter nach dem Vom-Hölzchen-aufs-Stöckchen-Prinzip, das am Ende zum Betrachter zurückführt. Das Buch wurde mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, in viele Sprachen übersetzt (was des Reimes wegen auch bildnerische Umdichtungen erforderte), es kam auf die Bühne, und es gibt auch eine App, bei der das Kind das Reimwort raten kann – und somit das Machtgefühl der Benennung vielleicht noch intensiver erlebt.

Jetzt gibt es mit „Eins, zwei, drei, Vampir“ eine Fortsetzung, die nicht nur die Wirklichkeitswesen, sondern auch jene der Fantasie ins Reimschema sortiert. Vampire, Riesen, Gerippe, Einhörner und gefährliche Tiere wie Zecken, Hornissen, Haie oder schwarze Katzen marschieren auf, springen einen mit dem Reim an, verlieren dann aber durch die eingangs beschriebene Zugewandtheit in ihren Blicken und die folgende Rubrizierung sofort jeden Schrecken: Auf Stiel reimt sich Krokodil, und schon stehen drei von der Sorte bereit. Und wenn man ihnen genauer aufs Maul schaut, zeigen sich Zahnlücken, ein künstliches Gebiss, eine Spange. Und die reimt sich auf Schlange, die einen erst mit leicht fieser Verschworenheit angrinst, sich dann aber sofort mit Toast, Kaffee, und Ei beliebt macht. Merke: Was mir Angst macht, gucke ich mir erst einmal ganz genau an und dann verpasse ich ihm einen Namen, und schon tut es, was ich will.

Nadia Budde hat zwischenzeitlich viele herrliche wort- und bildverspielte Kinderbücher veröffentlicht. Auch ihre Autobiografie gibt es als Comic, das schon mit dem Titel „Such dir was aus, aber beeil dich“ einen Hang zur Sammlung und Zerstreuung zeigt.

Nadia Budde: Eins, zwei, drei, Vampir. Bilderbuch (empfohlen ab 3 Jahren).
PeterHammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, 13 Euro.

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