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Ein Straßenverkäufer in New York.

Krimi

Es reicht für einen Kaktus

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Sarah Schulman, Regina Nössler, Simone Buchholz erzählen von jenen, die prekär leben.

Man möchte sich Agatha Christie als eine vorstellen, die mit hohem Schwung Pflöcke einschlug ins raue Gelände eines Genres, das damals noch keineswegs abgesteckt war. Sie gehörte zu einer Handvoll von Schreibenden, die Ermittlertypen und Handlungsstrukturen erfanden, an denen bald kein Kriminalschriftsteller vorbeikam. Oder jedenfalls vorbeizukommen meinte, bis hier und da eine neue Generation an den Pflöcken zu rütteln begannen, dass diese schief, krumm, individuell und originell wurden.

Nun mag es zwar nicht jede Leserin schräg und unvorhersehbar – die Bestsellerlisten erzählen von der Anziehungskraft des Vertrauten. Aber wenn man an diesem Jahresende (natürlich nicht nur an diesem Jahresende) schaut, wer sich um Genregrenzen gar nicht mehr kümmert und sich Neues einfallen lässt, dann sind ein paar eigenwillige Autorinnen ganz vorne.

Die Amerikanerin Sarah Schulman, geboren 1958 in New York, ist das, was man eine Aktivistin nennt, politisch engagiert etwa in der Aids-Bewegung Act Up. Wo die Autorin steht, daran lässt sie vom ersten Satz ihres jüngsten Kriminalromans „Trüb“, im Original 2017 erschienen, keinen Zweifel. Der Regierungschef wird nicht mit Namen genannt, aber: „der Präsident war ein Irrer“. Nachdem das mal gesagt ist, wendet sie sich auch schon der Frau zu, deren Ansichten und vor allem Beobachtungen in einem New York, in dem immer mehr Läden vernagelt sind und immer mehr Menschen wegen Gentrifizierung auf der Straße landen, messerscharf und todtraurig sind: Sie heißt Maggie Terry, war Polizistin, ist immer noch naturblond, kommt gerade von Entzug und Reha und hat nur deswegen einen Job, weil Menschenfreund und Anwalt Mike Fitzgerald sie als Ermittlerin einstellt.

Tag eins, Arbeitsantritt. Im Deli, wo Maggie begrüßt wird wie eine verlorene Tochter, versucht sie was Gesundes einzukaufen. Im Büro muss sie zur Kenntnis nehmen, dass alle Bescheid wissen. Manche sind hämisch, andere behandeln sie wie ein rohes Ei. Sie soll mit Craig Williams arbeiten, schwarz, klein, mollig und mit Anfang dreißig ein digital native: Was, sie hat kein Smartphone? Wie soll er denn da den Kontakt halten.

Sarah Schulman: Trüb. Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne. 270 S., 20 Euro.

Es gibt tatsächlich einen Mord in „Trüb“, aber die beiden sind nicht die Polizei. Die drittklassige Schauspielerin Jamie (zuletzt: zwei Sätze als Dienstmädchen in irgendeinem Stück), die erwürgt wurde, würde auch die Polizei nicht sehr interessieren, wäre nicht der Freund der jungen Frau Autor des Bestsellers „Nichts als die Zukunft“. Maggie hat ein Gespräch mit ihm, mal denkt sie, er manipuliert sie, mal findet sie ihn nett, mal weckt er ihr Mitleid, dann, sie geht nach Hause, erschrickt sie fürchterlich, weil er plötzlich hinter ihr steht. Nachdem er, theoretisch, eine mittelalte Frau genauso gut erwürgen könnte wie eine junge, schließt sie: Er war’s nicht. Maggie Terrys trockener Humor prägt den Roman, trocken vielleicht sogar im doppelten Sinn, denn es klingen auch der Zynismus und die Verzweiflung einer trockenen Alkoholikerin an – die zur Zeit noch nicht einmal ein Besuchsrecht hat für ihre kleine Tochter. Manchmal hofft sie, dass das Kind sie einfach nicht vermisst.

Maggie war nur Monate weg, aber sie sieht, wie Straßen heruntergekommen sind, Leute „entmietet“ wurden, wie halb New York prekär und der U-Bahn-Boden voll ist von „Auswurf und Kaugummi“, wie die neue Aushilfe im Deli Angst hat vor der Polizeibehörde ICE. Der Sohn ihres früheren Kollegen und Freundes Julio hat einen Schwarzen erschossen, nur weil der nach seinem Schlüssel griff. Und Julio starb, weil Maggie in dem Moment zu weggetreten war, um ihm zu helfen. Schuld liegt ihr schwer auf der Seele, aber sie tut, was sie kann, um weiterzuleben: Vorhänge und Blumen kaufen (na ja, einen Kaktus), zur Nüchternen-Tanzveranstaltung gehen. Und dort gleich wieder abhauen.

Regina Nössler: Die Putzhilfe. Verlag Claudia Gehrke. 402 S., 12,90 Euro.

„War es tatsächlich möglich, nie wieder was zu merken? So als Lebensweise?“ Das könnte sich nicht nur Maggie, das könnte sich auch Franziska fragen, die Hals über Kopf packt und das Reihenhaus verlässt, in dem sie mit dem Software-Entwickler Johannes lebt – der meint, Kind wäre besser als Doktorarbeit, der ein Kontrollfreak ist: „Ihr Passwort hatte nicht das Geringste mit ihm zu tun, und das kränkte Johannes.“ In Berlin nennt sich Franziska dann Marie Weber, lebt in einem Loch, heuert in Regina Nösslers Krimi „Die Putzhilfe“ als ebensolche an. „Marie“ lernt die 15-jährige Sina kennen, als diese einen halbherzigen Überfall-Versuch macht. Ihre Arbeitgeberin Henny lernt sie kennen, als diese im Museum kollabiert und sie sich um sie kümmert. So halb kümmert.

Franziska/Maries Fall scheint klar zu sein, ihr Mann ohne Zweifel gewalttätig. Aber dezent streut Regina Nössler bald Gründe für Misstrauen. Und auch mit Henny Mangold stimmt irgendetwas nicht, man ahnt Schlimmes, man wird Trauriges erfahren.

Simone Buchholz: Hotel Cartagena. Suhrkamp. 230 S., 15,95 Euro.

Bemerkenswert ist der Ton beider Romane, Sätze kommen schneidend oder spöttisch auf den Punkt, gehen den Dingen auf den Grund, seien es Missstände, Stadt- und Arbeitserlebnisse, seien es Gefühle, lastend wie Nebel. So sei auch noch auf einen dritten Roman verwiesen, Simone Buchholz’ bereits vierten Krimi um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, „Hotel Cartagena“. Keiner und keine kann es in Sachen Schnauze, im Dialog-Nahkampf mit Riley aufnehmen, sie ist der coolste Arm des Gesetzes nördlich von Frankfurt, aber unter aller Coolness schimmert immer ihr Herz. Sie selbst fasst sich so zusammen: „Ich bin nun mal der eher unübersichtliche Typ Frau.“

Wer unübersichtlich mag, Genre-Pflöcke kreuz und quer, klug, witzig und sozialkritisch obendrauf, der wird sie mögen, die Autorinnen der Krimiwintersaison.

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