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Das Universitätsgelände von Princeton, aufgenommen am 6. Juni 1909. Als es dort laut Joyce Carol Oates allemal spukte.
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Das Universitätsgelände von Princeton, aufgenommen am 6. Juni 1909. Als es dort laut Joyce Carol Oates allemal spukte.

Roman "Die Verfluchten" Joyce Carol Oates

Das Reich der schaurigen Sümpfe

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Joyce Carol Oates rechnet in dem sozialkritischen, aus allen Nähten platzenden Horrorroman „Die Verfluchten“ auch mit allerlei gesellschaftlichen Übeln ab

Seit im März 2013 „The Accursed“ im englischsprachigen Original erschienen ist, hat die Amerikanerin Joyce Carol Oates in ihrer Heimat schon wieder drei Romane veröffentlicht, darunter eine dunkle Sexismus-und-Rassismus-Geschichte („The Sacrifice“) und einen Thriller über einen dämonischen Krimiautor („Jack of Spades“). Oates, geboren 1938 und seit 1978 in Princeton lehrend (zu Princeton kommen wir gleich noch), ist als Autorin so vielseitig wie produktiv – und offenbar eine schnelle Schreiberin dazu. So veröffentlicht sie immer wieder auch Romane, die sich Maß und Genre verweigern, die aus einigen ihrer durchaus kunstvollen Nähte platzen. „Die Verfluchten“ ist so einer, mit seiner altmodischen, überbordenden, auch bibelgewaltigen Sprache dürfte Übersetzerin Silvia Morawetz ihre Not gehabt haben. Eine Not, die man den knapp 750 Seiten freilich nicht mehr anmerkt.

Nach guter alter Manier legt Oates das Buch einem anderen, fiktiven Verfasser in die Hände, einem gewissen M. W. van Dyck II., Historiker in Princeton. Van Dyck gibt sich wissenschaftlich penibel, beherrscht und objektiv, ist aber durchaus nicht frei von Sympathien und Vorurteilen. Es geht ihm um ein Geraderücken und Erklären schauerlicher Vorgänge, die die berühmte Universitätsstadt zwischen 1900 und 1910 erschüttert haben sollen (Oates scheint sich einen Spaß daraus zu machen, letztlich gar nichts geradezurücken): „Ich hoffe“, schreibt van Dyck in einer Vorbemerkung, „es klingt nicht überheblich, wenn ich behaupte, dass von allen heute Lebenden niemand mehr Informationen über den privaten wie den öffentlichen Aspekt des Fluchs besitzt als ich.“

Der Vampir lockt

Ein Fluch also, so viel scheint immerhin festzustehen, der vor allem die angesehene Familie Slade trifft. Ein Vampir lockt die junge Annabel Slade direkt vom Traualtar weg und entführt sie in ein höllisches Reich in den Sümpfen. Schwanger gelingt ihr die Flucht, doch stirbt sie bei der Geburt eines, die Princetoner sind sich da nicht einig, missgebildeten Kindes/einer schwarzen Schlange. Annabels kleiner Bruder Todd versteinert, ihre kleine Schwester Oriana stürzt zu Tode. Ihr Bruder Josiah wirft sich bei einer Polarexpedition, halluzinierend, vom Schiff ins Eis. Eine Schlange erstickt schließlich Reverend Winslow Slade, Annabels Großvater, vor den Augen seiner Gemeinde. Noch ein paar andere Menschen bringt der Fluch ins Grab, etwa via messerscharfem Ventilator-Blatt. „Wir sind wie die Leute in einem Schauerroman“, wird eine junge Frau zitiert. Oh ja.

Annabels Entführer ist Vampir plus Bräute hortender Blaubart. Annabels (Ex-)Bräutigam vielleicht Vampir, vielleicht aber auch seine Homosexualität verleugnender Serienmörder. Menschen schlafwandeln, sehen Geister, zocken mit dem Vampir/Blaubart/Teufel, engagieren Sherlock Holmes – und er kommt! Eine herrliche Verwirrung herrscht in diesem Roman, in den ein fiktiver Verfasser fiktive Tagebücher, Briefe, Protokolle, Fußnoten integriert. Erzählebenen purzeln durcheinander, Tote sind plötzlich wieder lebendig (oder auch nicht?). Horrorspezialist Stephen King nannte „The Accursed“ in einer Rezension den „vielleicht weltweit ersten postmodernen Schauerroman“.

Chamäleonartig

Aber er ist doch auch auf eine schillernde, chamäleonartige Weise ein sozialkritischer Roman mit einem erstaunlichen Aufmarsch an realen Figuren (auch wenn sich Oates Freiheiten mit ihnen nimmt): Woodrow Wilson, später Präsident der USA, ist Anfang des 20. Jahrhunderts noch Uni-Präsident. Upton Sinclair arbeitet in „Die Verfluchten“ an seinem naturalistischen Fleischindustrie-Roman „Der Dschungel“, vernachlässigt Frau und Kind, lernt Jack London kennen, erfolgreicher und beneideter Autor von Abenteuerromanen und, wie Sinclair, überzeugter Sozialist. Und ein gewisser Samuel Clemens taucht hier und da auf, besser bekannt als Mark Twain. Er ist die einzige historische Figur in diesem Buch, die kein Blender, Kleingeist oder Schlimmeres ist.

Vergiftet ist die Atmosphäre in Oates’ Princeton, durch Rassismus, Sexismus, Bigotterie, Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt. Ein hoffnungsvoller junger Dozent muss die Uni verlassen, weil seine Gesichtszüge und der Ton seiner Haut plötzlich doch etwas verdächtig wirken. 13 Studenten werden wegen „Unaussprechlichem“ (Homosexualität) relegiert. Zwei junge Schwarze werden nahe der Stadt gelyncht, der reale Woodrow Wilson und der fiktive Winslow Slade wollen damit bei Oates bitte nicht belästigt werden.

Die Autorin zeichnet das hässliche Gesicht einer Stadt, die doch eine der vorurteilsfreien Lehre hätte sein sollen. Es mag eine spielerische literarische Abrechnung sein, aber es ist eine Abrechnung. Für „Die Verfluchten“ enden Leid und Tod dank eines Geständnisses. Joyce Carol Oates aber lässt keinen Zweifel daran, dass solcherart „Flüche“ bis heute reichlich Nahrung erhalten.

Joyce Carol Oates: Die Verfluchten. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. S. Fischer 2014. 750 Seiten, 26,99 Euro.

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