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Heinrich Schliemann meinte, Troia gefunden zu haben.

Tatort "Troia"

Im Reich der Fabel

Troia hat es nie gegeben – Der Tübinger Althistoriker Frank Kolbe hat im Nachgang zur Debatte um die von Homer besungene Stadt eine Bilanz vorgelegt, die an fundierter Klarheit nichts zu wünschen übriglässt.

Von Hans-Martin Lohmann

Platon schrieb über die glückliche Insel Atlantis, und Homer berichtete von der glänzenden Stadt Ilios. Beiden Orten ist gemeinsam, dass sie keinen Sitz im wahren Leben, also in der verbürgten Geschichte haben: Sie sind literarische Fiktionen. Dennoch teilen sie das Schicksal, dass es bis heute ernsthafte Bemühungen gibt, die Erzählungen von Atlantis und Ilios mit realen historischen Ereignissen in Zusammenhang zu bringen, wie spekulativ auch immer. Die Althistorikerin Barbara Patzek hat deshalb mit Recht angemahnt, die Mythen den Dichtern und Philosophen zu überlassen, das heißt sie als literarische Texte zu lesen und nicht als Verweise auf oder gar Beweise für eine historische Vergangenheit.

Im Fall von Atlantis mag die Lage inzwischen eindeutig sein, im Fall von Ilios aber offenbar weit weniger. Denn seit der Antike wird das homerische Ilios mit jenem Ruinenhügel in der Landschaft Troas im nordwestlichen Anatolien identifiziert, der auf den Namen Troia hört. Spätestens seit den Grabungen Heinrich Schliemanns und seiner Nachfolger hat sich in weiten Teilen der gebildeten und interessierten Öffentlichkeit die Ansicht durchgesetzt, Homer habe in seiner Dichtung Episoden eines Krieges geschildert, der in der späten Bronzezeit von Griechen gegen die Bewohner Troias geführt wurde und schließlich zum Untergang der Stadt führte.

Evidente Fundleere

Eine spektakuläre Bestätigung dieser Sicht der Dinge, die von Althistorikern, Altphilologen und auch vielen Archäologen freilich stets angefochten wurde, lieferte der Tübinger Prähistoriker und Archäologe Manfred Korfmann, der von 1988 bis zu seinem Tod 2005 großangelegte Grabungskampagnen in der Troas durchführte. Seine Kombattanten und er, allen voran der renommierte Basler Gräzist Joachim Latacz, vermochten die außerfachliche Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Troia in der späten Bronzezeit ein bedeutendes Handelszentrum am Eingang des Hellespont gewesen sei, unter hethitischem Einfluss gestanden habe und durch ein pangriechisches Heer zerstört worden sei – womit die Historizität der in der Ilias thematisierten kriegerischen Ereignisse nicht mehr bestritten werden könne. Der von Korfmann vor zehn Jahren mit enormem PR-Aufwand organisierten großen Troia-Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“, die in Stuttgart, Braunschweig und Bonn bei riesigem Publikumserfolg gezeigt wurde, gelang es, den Homer/Troia-Konnex eindrucksvoll in Szene zu setzen.

Schon damals regte sich in fachwissenschaftlichen Kreisen massiver Widerspruch, insbesondere gegen Korfmanns Projektion von Troia als einer veritablen Stadt, die wichtige Handelsströme zwischen Ägäis und Schwarzmeerraum kontrolliert habe: Korfmann hatte im Rahmen der Ausstellung ein Modell von Troia präsentiert, das dem Ort eine dicht besiedelte Unterstadt mit mehreren tausend Einwohnern zuweist, und zwar auf der Basis von archäologischen Befunden, die eher ärmlich zu nennen sind. Plausibilitätserwägungen, so der Einwand der Korfmann-Kritiker, könnten nicht die evidente Fundleere kompensieren – eine Leere, die sich nicht nur auf die spärlichen archäologischen Hinweise auf eine Unterstadt bezieht, sondern auch auf die in Troia gefundene Keramik überwiegend lokaler Herkunft. Seinen Niederschlag fand das Unbehagen der Fachwissenschaft 2003 in dem Band „Der neue Streit um Troia“, in dem namhafte Gelehrte ihren Widerspruch dokumentierten.

Nüchterne Erkenntnis

Zu den Korfmann-Kritikern der ersten Stunde zählt auch Frank Kolb. Der Tübinger Althistoriker hat jetzt, da der Lärm um Troia verebbt ist, eine Art Bilanz vorgelegt, die an fundierter Klarheit nichts zu wünschen übriglässt. Zieht man einmal die zuweilen grobe Polemik ab, mit welcher der Autor Korfmann und Latacz bedenkt, bleibt unterm Strich die nüchterne Erkenntnis, dass ein Großteil der Korfmannschen Annahmen ins Reich der Fabel gehört. Weder war das spätbronzezeitliche Troia eine Stadt noch ein überregional bedeutendes Handelszentrum, ganz abgesehen davon, dass schwer vorstellbar ist, dass um 1200 v. Chr., rund 450 Jahre vor Beginn der griechischen Kolonisation, mykenische Griechen in einer Gemeinschaftsaktion Krieg gegen einen Ort an der Peripherie der Welt geführt haben sollen: Eine solche Gemeinschaftlichkeit der griechischen Stämme, eine Art Panhellenismus, kam erst in der Archaik auf. Bündig resümiert Kolb, „dass die Welt der Ilias nur vor dem Hintergrund der sich formierenden Polis der archaischen Epoche verstanden werden kann“, womit die bronzezeitliche Siedlung namens Troia VI/VIIa aus dem Spiel ist.

Schon im Titel seines Buches setzt Kolb „Troia“ in Anführungszeichen, um so zu signalisieren, wie hoffnungslos das Unterfangen ist, den Ort in der Troas mit dem Epos Homers in Verbindung zu bringen. Homers hexametrische Dichtung verweist, da ist sich die Fachwelt ziemlich einig, auf die griechische Welt des 8. Jahrhunderts v. Chr., auf die historische Realität der Polis mit Akropolis, Göttertempeln, Agora und sportlichen Wettkämpfen. Auch der so genannte Schiffskatalog aus dem zweiten Gesang der Ilias, vor allem von Latacz als Beleg für die Korfmannschen Annahmen in Anspruch genommen, sagt nichts über die politische Geographie Griechenlands zu mykenischer Zeit aus, sondern entspricht, wie Kolb detailliert zeigt, „im Prinzip“ der Zeit der Abfassung der Ilias (Ende 8., Anfang 7. Jahrhundert).

Keine Griechen weit und breit

Wie man es auch dreht und wendet: Korfmanns Troia-Koloss steht auf tönernen Füßen. Aber nicht nur das Korfmann-Unternehmen wird von Kolb entzaubert, sondern auch das von Raoul Schrott, der 2008 Homers Heimat kurzerhand nach Kilikien, also in den anatolischen Südwesten, verlegte. Schrotts abenteuerliche Hypothese scheitert laut Kolb schon an fehlenden Belegen einer Präsenz von Griechen in Kilikien zur fraglichen Zeit.

Ein interessanter Nebenaspekt von Kolbs Studie ist, dass sie sich vehement gegen einen modischen, dem Zeitgeist des Postkolonialismus geschuldeten Trend in den Altertumswissenschaften richtet: gegen die Aufwertung des Ostens auf Kosten des Westens. Gerade am Beispiel des politisch korrekten „Anatoliers“ Manfred Osman Korfmann werde deutlich, welchen – auch politischen – Preis eine Wissenschaft zu entrichten hat, die sich im Namen einer Kritik des Eurozentrismus vom Mythos des Orients allzu sehr vereinnahmen lässt. Dass Korfmanns Troia-Kampagnen in den Sog nationaltürkischer Instrumentalisierung geraten sind (um vom damaligen Großsponsor DaimlerChrysler und seinem wirtschaftlichen Engagement in der Türkei zu schweigen), ist Kolb zufolge nur die logische Konsequenz.

Kolbs Buch rät zu wissenschaftlichem Skrupel und methodischer Disziplin. Am Ende müssen wir mit der Einsicht vorlieb nehmen, dass Atlantis versunken ist, „Troia“ nie existiert und ein Troianischer Krieg nicht stattgefunden hat.

Frank Kolb: Tatort „Troia“. Geschichte, Mythen, Politik. Schöningh Verlag, Paderborn 2010, 310 Seiten, 29,90 Euro.

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