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Protest gegen Legida, einen Pegida-Ableger in Leipzig.

Gespräche über den Osten

Regen wir uns mal so richtig auf!

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Spannendes Streitgespräch über den Osten: In dem Buch in "Wer wir sind" prallen nicht nur zwei Generationen aufeinander, sondern auch sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Wirklichkeit.

Im achten der hier zehn versammelten Gespräche wirft Jana Hensel Wolfgang Engler vor, das gesamte gemeinsame Buch infrage zu stellen. Sie streiten gerade über „Identitätspolitik“, also den „Kampf gegen die Benachteiligung bestimmter Gruppen“, so Hensel. Für sie ist das „im Kern ein solidarisches Anliegen“. Laut Engler verweigerten dagegen solcherart Kämpfe den Diskurs, und sie verdeckten, dass es vor allem um soziale Fragen gehen müsse. Für Hensel ist das wiederum ein konstruierter Widerspruch, denn sie erlebe gerade „identitätspolitische Fragen als eine große Öffnung der Diskurse“.

Daher auch ihr Vorwurf an Engler: „Stellen Sie damit nicht auch infrage, was das Anliegen dieses Buches sein soll?“ Zum Glück nicht, sagt Engler, denn „wir lassen uns wechselseitig begegnen“, davon beeindrucken, was das Gegenüber denkt. „Anders zu denken, als man denkt, bislang dachte, indem man sich austauscht, wechselseitig befragt, das ist doch der Witz der Sache, die man ,Diskurs‘ nennt.“

Geglättet ist nichts - zum Glück 

So gesehen ist dieses ungewöhnliche Buch gelungen: Denn die Schriftstellerin und Journalistin Hensel, 1976 in Leipzig geboren, 2002 mit ihrem Buch „Zonenkinder“ bekannt geworden, und Engler, 1952 in Dresden geboren, bis 2017 Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, sind sich in vielen Punkten uneinig. Aber sie brechen das wechselseitige Befragen nicht ab. Es sei ihnen wichtig gewesen, ihre Meinungen nicht zu glätten, wie Engler kürzlich im FR-Interview erklärte. Geglättet ist in „Wer wir sind“ tatsächlich nichts. Vielen Dank.

Es gibt ja auch ein gemeinsames Interesse, nämlich danach zu fragen, was „die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ ausmacht. Schnell sind sie sich einig, dass zumeist „die ostdeutsche Erfahrung nicht als wert empfunden wird, repräsentiert zu werden“ (Hensel). Unzweifelhaft ist ihnen auch, dass zwischen den DDR-Erfahrungen und denen der Nachwendezeit im Osten unterschieden werden muss – und, dass sich seit der Bundestagswahl 2017 die öffentliche Wahrnehmung der Ostdeutschen verändert habe. Das hat mit der AfD zu tun, auch mit Pegida, und mit den vielen (vergeblichen) Versuchen, den erstarkenden Rechtspopulismus mit einer DDR-Herkunft kurzzuschließen.

Die Gespräche sammeln hierzu allerlei aufschlussreiche Beobachtungen ein, die mich als reich DDR- und Nachwendeerfahrenen gleichermaßen zum Nachdenken wie zum Einspruch provozieren: Die DDR habe ein „Vergessen privateigentümlicher Grenzen und Zuständigkeiten“ (Engler) geprägt? Nun ja, die Klassenunterschiede waren gerade in der DDR groß. Die meisten Menschen im Osten hätten sich von allen möglichen Glaubensarten verabschiedet, dem Glauben an die Institutionen, die Politik, die Medien (Hensel)? Vielleicht, aber nicht vom Glauben an die Glückseligkeiten des Konsums, der nicht einfach ein Glaube an die Soziale Marktwirtschaft ist. Abgesehen davon, dass man in diesem Zusammenhang auch über den teilweise aggressiven Atheismus im Osten sprechen müsste. Die Rolle der Kirche wie auch der Kunst vor und nach dem Jahr 1989 bleibt auffällig unterbelichtet.

Streitpunkt Flüchtlingskrise 

Aber an größerer Brisanz gewinnt die Hensel-Engler-Debatte ohnehin, wenn es um die sogenannte „Flüchtlingskrise“ 2015 und um Merkel geht. Für Hensel ging es damals darum, eine humanitäre Katastrophe abzuwenden, Engler reiht sich dagegen geradewegs in jene Riege der Merkel-Kritiker ein, die ihr Handeln im Sommer 2015 als „Politik der offenen Tür“ schmähen. Obwohl Hensel mehrfach darauf hinweist, dass dies nicht den Fakten entspricht (die Grenzen im Schengen-Raum waren ja offen), bleibt Engler bei seiner Behauptung und wirft Merkel erstaunlich undifferenziert Irrationalismus vor. Sie habe „moralisch, moralisierend“ gehandelt.

Diese zeitgeistig momentan sehr beliebte Gleichsetzung von Moral und Moralisieren ist allerdings entlarvend: Mit ihr wird unterstellt, dass das Einbeziehen von Moral ins politische Handeln bereits moralisieren bedeuten würde. Zugleich scheint er immer wieder gerade auch die Flüchtlinge selbst dafür verantwortlich zu machen, dass das gesellschaftliche Klima rauer, soziale Konflikte schärfer geworden sind. Aufschlussreich hier, dass Engler mit Blick auf Merkels Politik auch nicht davor zurückschreckt, von einer „moralischen Keule“ zu sprechen – und sie deshalb zum „Typus des Soft-Politikers“ rechnet. Wer dagegen den Typus des Hart-Politikers vertritt, lässt Engler bezeichnenderweise offen.

Es fällt überhaupt auf, wie viele schlagzeilenhaften Formeln Engler verwendet, von der „Tendenz zum medialen Gleichklang“ über die Rede von „ganz normalen Leuten“ bis zur „politischen Korrektheit“. Das bringt ihm, zu Recht, den Vorwurf Hensels ein, rechte Argumente zu bedienen.

In diesem Buch treffen also nicht nur zwei Generationen und zwei verschiedene Nachwende-Erfahrungen aufeinander, sondern sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Wirklichkeit. Engler argumentiert als abstrahierender, mitunter absichtlich vergröbernder Soziologe, macht dabei die soziale Frage stark, denkt Migrationsprobleme, Rassismus und Politik immer vor diesem Hintergrund; Hensel denkt eher wie eine Ethnologin, die Fragen von Gerechtigkeit oder Solidarität stärker an die Strukturen des Zusammenlebens koppelt.

Interessant: Während Engler zum Beispiel Jugendliche in der dritten, vierten DDR-Generation sich „plötzlich“ als Neonazis „in Szene“ setzen sieht, bei denen „null Überzeugung“, sondern die bloße Provokationsabsicht dahintergestanden habe, spielt für Hensel der strukturelle Rassismus generell eine weitaus größere Rolle.

Was also ist das für ein Buch? Nicht nur eines für Ostdeutsche, sondern für alle, die diese unsere Gegenwart beunruhigt. Auf eine gemeinsame Botschaft lässt es sich nicht bringen, außer auf diese: Mehr Streit wagen. Unbedingt lesen, unbedingt weiterdiskutieren.

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