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Jugendliche beim Pfingsttreffen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) 1981.

Roland Jahn "Wir Angepassten"

Es gab Regeln, es gab Freiräume

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Roland Jahn hat ein differenziertes Buch über das Überleben in der DDR geschrieben: „Wir Angepassten“.

Der Titel des Buches ist beinahe unglaublich. „Wir Angepassten“ steht da in schwarzen Lettern auf weißem Grund. Dabei hat Roland Jahn in der DDR im Gefängnis gesessen, bevor man ihn als Vater einer fünfjährigen Tochter aus dem Land warf und eine erschütterte Familie hinterließ. Dem jetzigen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde möchte man dieses „Wir“ verbieten.

Das „Wir“ ist freilich nicht nur ein Gran Koketterie und Ausdruck von Bescheidenheit. Es ist der Schlüssel Jahns, um die Leser aufzuschließen. Der 61-jährige Autor will aufklären über das Leben, besser noch: das „Überleben in der DDR“, wie es im Untertitel heißt. Er will zeigen, welche Instrumente der Unterdrückung die SED-Diktatur bereithielt – und wie man ihnen widerstehen konnte.

Zunächst, so demonstriert Jahn, hat er die erziehungsdiktatorischen Zumutungen noch spielerisch bewältigt. Der 1953 geborene Junge hat Spaß am Pioniergruß. „Seid bereit! Immer bereit! Ich fand das schön, wir alle im Chor.“ In der Teilnahme an der Demonstration am 1.Mai sieht er den „Wunsch nach einem Miteinander“.

Mit der FDJ tut sich der heimatliebende Thüringer dann schon schwerer. Und der Armeedienst wird zum Schock. Jahn kann zwar der Entsendung zu den Grenztruppen entgehen; er wird der Bereitschaftspolizei zugeteilt. Die aber drillt man zum Einsatz gegen demonstrierende Studenten – gegen Menschen also, zu denen der junge DDR-Bürger bald selbst zählen wird.

Jahn wirbt für Recht auf Anpassung

Während des Studiums trennen sich die Wege von Individuum und Zwangskollektiv. Jahn fliegt infolge seiner Solidarisierung mit dem Liedermacher Wolf Biermann von der Universität und wird „zur Bewährung in die Produktion“ geschickt. Der Tod seines Freundes Matthias Domaschk in Stasi-Haft macht aus dem Abweichler endgültig einen unerschrockenen Gegner, dem gegenüber sich die Staatsmacht nicht mehr anders zu helfen weiß, als ihn auszubürgern.

Dennoch liegt hier keine Abrechnung vor, im Gegenteil. Da finden sich Sätze wie: „Die Mehrheit der Menschen, die in der DDR gelebt haben, kann sich weder mit der Definition eines Täters noch mit der eines Opfers identifizieren. Die großen Debatten über Stasi-Verstrickung und Diktatur-Analyse fegen direkt über ihre Erinnerungen hinweg.“ Oder aber: „Es gab Regeln, ja, und es gab die tödliche Mauer, aber es gab auch Freiräume.“

Jahn wirbt gar wie weiland Günter Gaus für „ein Recht auf Anpassung“ und leitet es von seinen Eltern her. Walter Jahn hatte in dem von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren. Mit seiner Frau Lilo gab er der DDR das, was sie an Gefolgschaft begehrte. Der Kampf des zornigen Sohns mit den unterwürfigen Eltern geht deshalb jenem mit den staatlichen Autoritäten voraus.

Durch das von Roland Jahn offenbarte und keineswegs taktische Verständnis für die Feigen versucht er, den Leser nicht von vornherein auszuschließen – zugestehend, dass es „oft Zufälligkeiten“ waren, „die Menschen mehr zur Anpassung oder mehr zum Widerspruch drängten“.

Ohne Schaum vorm Mund

Nun könnte man formal einwenden, dass Jahn sich nicht entscheiden konnte, ob er einen Essay oder eine Autobiografie schreiben wollte. Überwiegend erzählt Jahn, dem seine Sprecherin und Vertraute Dagmar Hovestädt beim Schreiben half, anschaulich entlang der eigenen Person. Hin und wieder nimmt er Anleihen bei Schicksalen und Schlussfolgerungen anderer. Der kalten Obrigkeit setzt er die wärmende Kraft der Freundschaft entgegen.

Dabei entgeht er dem Spannungsverhältnis zwischen Anpassung und Widerspruch nicht. Denn nicht für alle ist die Rebellion rückblickend so gut ausgegangen wie für den nunmehr hoch dotierten Behörden-Chef. Neben Matthias Domaschk hat womöglich auch ein anderer Freund, der prominentere Jürgen Fuchs, für seinen Protest mit dem Leben bezahlt.

Groß ist das Buch trotzdem. Weil es ohne Schaum vorm Mund gerade jüngeren Menschen einen guten Einblick in das gibt, was die DDR gewesen ist: autoritär fürsorglich, bei Bedarf gemein und im Ernstfall ein Unrechtsstaat. Es ist groß, weil es alle, die die DDR erlebt haben und nicht so mutig waren wie der Autor, einlädt, die eigene Rolle noch einmal kritisch zu reflektieren.

So berichtet Jahn bewegt von jenem Mitstudenten, der seinem Rauswurf von der Uni zustimmte und seine Reue Jahrzehnte später im Zwiegespräch kundtat. „Wir saßen uns gegenüber, beide nun um die 60 Jahre alt, durch diese Entscheidung aneinander gebunden und als Menschen wieder verbunden“, schreibt der Rausgeworfene. Das Angebot zum Dialog wirkt umso glaubwürdiger, als er eigenes Versagen eingesteht. Denn: „Als mein Freund Siegfried Reiprich im März 1976 von der Universität geworfen wurde, habe ich öffentlich geschwiegen.“

Groß ist das Buch vor allem wegen der Haltung des Schreibenden. Den Uneinsichtigen begegnet er kompromisslos – etwa jenen ehemals hauptamtlichen Stasi-Leuten, die in der Behörde arbeiten und die er versetzen möchte.

Doch den Einsichtigen begegnet er mit einer Versöhnungssehnsucht, die geradezu christlich anmutet, frei nach dem Johannes-Evangelium: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ In der von Kälte, Zynismus und Anpassungszumutungen nicht freien Gegenwart wirkt dies fast wie ein Anachronismus.

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