"Geschichte der Sprache"

Regelmäßig kompliziert

Die Sprache ist die größte Erfindung der Menschheit", schreibt der israelisch-britisch-niederländische Linguist Guy Deutscher.

Von STEFANA SABIN

Die Sprache ist die größte Erfindung der Menschheit", schreibt der israelisch-britisch-niederländische Linguist Guy Deutscher und fügt sogleich hinzu, dass Sprache "natürlich nie erfunden wurde", sondern in einem langen und verwickelten Zivilisationsprozess entstanden ist. Von diesem Entstehungsprozess erzählt Deutscher in seiner Geschichte der Sprache, die 2004 auf englisch und jetzt unter dem poppigen Titel "Du Jane, ich Goethe" in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Deutscher zeigt auch, dass die Entwicklung der Sprache nicht als Fortschritt, sondern als Wandel zu deuten ist. Dieser Wandel manifestiert sich im ständigen Verfall und in ebenso ständiger Neuerung von lexikalischen und syntaktischen Formen. Dabei treiben sich Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit gegenseitig; die Unregelmäßigkeiten, die das Sprachenlernen so erschweren, sind meist Überreste alter Regelmäßigkeiten, und wenn hier Formen ausgeglichen und regelmäßig werden, entstehen dort neue Unregelmäßigkeiten. Vereinfachung an einer Stelle wird durch Komplizierung an einer anderen kompensiert. Während im Lateinischen die Tempora durch Endungen gebildet werden, die schwer zu lernen, aber dafür knapper sind, werden sie im Deutschen mit selbstständigen (Hilfs)Verben wie "werden" oder "haben" gebildet.

Vom Verfall besonders gefährdet sind Kasussysteme. So waren von den acht indogermanischen Kasus im Lateinischen noch fünf übrig, und das Französische und das Englische unterscheiden gar keine Kasusendungen mehr, das Deutsche höchstens drei: "der/den Tag", "des Tages", "dem Tage". Durch metaphorischen Gebrauch vorhandener Wörter erweitert sich der Wortschatz einer Sprache ständig, etwa in Ausdrücken wie "bahnbrechende Pläne", "härtere Gesetze": Aufgrund einer Analogie nehmen Wörter, die eigentlich etwas Konkretes bezeichnen, neue abstrakte Bedeutungen an.

Wie lautliche, grammatische und semantische Entwicklungen entstehen, macht Deutscher an Beispielen aus vielen Sprachen explizit, ohne in dilettantische Vereinfachung zu verfallen. Die Adaptation der Beispiele für deutsche Leser verdient mehr Anerkennung als die eigentliche Übersetzung, die den Plauderton des Originals übertreibt. Deutschers Verdienst ist es, die Geschichte der Sprache mit leichter Feder zu erzählen und sie so zu einem Faszinosum für alle zu machen.

Guy Deutscher:

Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte

der Sprache. A. d.

Engl. v. Martin

Pfeiffer. Verlag

C. H. Beck 2008, 381 S., 24,90 Euro.

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