"Sie sehen ganz anders aus als auf dem Bild", heißt es im Buch. Die Schriftstellerin Rachel Cusk.
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"Sie sehen ganz anders aus als auf dem Bild", heißt es im Buch. Die Schriftstellerin Rachel Cusk.

„Kudos“

Redende Menschen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ein wegweisender Roman schließt Rachel Cusks grandiose Trilogie über eine Schriftstellerin ab: „Kudos“.

Wie der erste Band der Trilogie rund um die Schriftstellerin Faye beginnt auch der dritte mit einen ausführlichen Gespräch im Flugzeug. Fayes Sitznachbar ist in „Kudos“ nicht zierlich und ältlich wie der Grieche in „Outline“ es war, sondern angenehm durchschnittlich attraktiv und dermaßen groß, dass seine Beine kein Unterkommen finden. Um nicht einzuschlafen (und mit den Beinen wieder in den Gang zu geraten und von der Stewardess angepflaumt zu werden), erzählt er von einem Freund, der Pilot ist, privat aber ein winziges Elektroauto fährt und den Strom für sein Haus aus Solarzellen und Windkraftanlagen bezieht; von seiner seltsamen musikalischen Tochter, die sich als kleines Kind bei Misstönen schreiend die Ohren zuhielt, bis die Eltern selbst merkten, wie unaufrichtig und inadäquat sie miteinander und mit anderen Menschen sprachen (so miteinander sprachen, wie alle Leute meistens miteinander sprechen); von dem Familienhund Pilot, dessen immense Größe dem Mann das Gefühl gab, normal zu sein, der ihn bei seinen häufigen beruflichen Abwesenheiten ersetzte und, so der Mann, eigentlich das wichtigste Familienmitglied gewesen sei.

Jetzt, kurze Zeit allein mit dem alten, sterbenden Tier, hat er es einschläfern lassen und eigenhändig im Garten begraben, in einem so prosaischen wie anstrengenden und urtümlichen Akt. Der Mann hat aufgehört zu arbeiten, als er wohlhabend genug war – eine Exceldatei namens „Freiheit“ auf dem Desktop half dabei. Seither streitet er mit seiner Familie herum, die es nicht einmal zu einem gemeinsamen Frühstück schafft. Er hatte auch vor, nie wieder zu fliegen.

So dass das Gespräch im Flugzeug bereits einen Roman ergeben würde, den Roman des großen weißen Mannes in der modernen Welt. Die moderne Welt ist eng und kompliziert für ihn, aber er gibt sich Mühe und macht sich Gedanken. Seine Rede ist leicht und lakonisch. Etliche in dieser Art werden folgen. „Kudos“, das ist wichtig, beinhaltet kein Lamento, obwohl vieles äußerst beklagenswert ist.

Seit „Outline“ (2015, auf Deutsch 2016), dem ein Jahr später „Transit“ folgte, kann man darüber staunen, wie die 1967 in Kanada geborene, in England lebende Schriftstellerin Rachel Cusk eine Form durchhält, der man den Charme der Theorie, aber keine Dauerwirkung zutrauen würde. Davon kann aber keine Rede sein. Erneut ist Faye beruflich unterwegs – auf einer unspektakulären, verhältnismäßig gut organisierten Odyssee in den Literaturbetrieb, in Form eines Festivals. Die ins Satirische gehenden Interna gehören zu den schönsten Passagen. Faye selbst aber wird zum Echoraum der Stimmen von Menschen, die offenherzig, gelegentlich zwanghaft von sich und ihrem Leben erzählen. Zum dritten Mal funktioniert das zunächst einmal von seiner scheinbar simpelsten Seite – dass Leserin und Leser nämlich jäh eingewickelt werden von der nächsten und dann der übernächsten Geschichte, und nichts interessiert sie jeweils mehr auf der Welt. Die verbreitete Ansicht, Cusks Bücher hätten keinen Plot, beruht auf einem sehr konventionellen Romanverständnis.

Es gibt die Kollegin Linda, die ihr Ringen mit dem Frau- und Schriftstellerinsein nüchtern zu Ende denkt. „Zu Hause, fuhr sie fort, vermeide sie grundsätzlich alle Anstrengungen im Haushalt, denn danach würde sie sich zu unbedeutend fühlen, um noch schreiben zu können. Wahrscheinlich vermittelten ihr derlei Tätigkeiten den Eindruck, eine gewöhnliche Frau zu sein, wohingegen sie sonst kaum einen Gedanken an ihr Frausein verschwendete und manchmal sogar nicht recht daran glauben konnte.“ Es gibt den Mann, der mit dem Navi ein entlegenes Ferienhaus problemlos ausfindig gemacht hat. Als er abreisen muss und das Gerät nicht mehr funktioniert, stellen er und seine Frau fest, dass sie keine Ahnung haben, wo sie sind. „Sie hatten, sagte er lächelnd, die ganze Zeit geglaubt, sie wären frei, wo sie doch in Wahrheit nur die Orientierung verloren hatten.“ Es gibt die Moderatorin, die – wie, ehrlich gesagt, alle Journalisten in „Kudos“ – ohne Unterlass selbst redet, und zwar über ihre Erkenntnis, „dass es nichts Schlimmeres gibt, als ein durchschnittlicher weißer Mann von durchschnittlicher Begabung und Intelligenz zu sein, denn selbst die unterdrückteste Hausfrau ist dem Drama und der Poesie des Lebens näher als er“. Es gibt den Kollegen, den nicht das Unglück gezeichnet hat, sondern der Erfolg. Es gibt die Frau, deren Mann im Zuge der Scheidung juristisch für sich zu sorgen weiß. Nachdenklich sagt sie: „Ja, ich habe sehr darauf geachtet, mir einen intelligenten Mann zu suchen.“

Denn Rachel Cusk ist eine brillante, scharfsinnige und dabei gewitzte Beobachterin und Denkerin und überlässt ihren Figuren von alledem so viel, wie sie ihnen Bekenntniszwang und Geschwätzigkeit auf den Weg gibt – es wird enorm geschwätzt in „Kudos“, glücklicherweise, Menschen reden sich um Kopf und Kragen und verdanken es nur der kühlen (eiskalten) Haltung der Zuhörerin Faye, dass sie noch einmal davonkommen. Ihr jovialer Verleger, der den Laden gerade grundsaniert hat, spürt ihren scharfen Spott nicht. „Ich fragte ihn, was er – außer den Ballast aus unverkäuflichen literarischen Romanen preiszugeben – unternommen habe, um den Verlag wieder zahlungsfähig zu machen, und er lächelte breit. ,Unser größter Erfolg sind die Sodoku-Hefte‘, erklärte er.“ Als Faye nun allen Ernstes von Moral spricht, entdeckt er über ihre Schulter schon eine andere Veranstaltungsteilnehmerin und winkt ihr zu. Das ist Linda, die eben eintrifft, sich in der Tiefgarage verirrt hat und dort unter dem Gefühl litt, vom Gebäude verdaut zu werden. Es ist nicht leicht zu vermitteln, dass bei Rachel Cusk und in Eva Bonnés sehr entspannter, dabei sattelfester, genauer Übersetzung jede Wendung sitzt. Aber es ist so.

Das aus dem Griechischen kommende Wort „kudos“ ist ein im Englischen weit geläufigerer Begriff für Ruhm, Ehre, Anerkennung. Es ist wichtig (wenn auch für deutsche Leser nicht selbstverständlich), das im Kopf zu haben, lenkt es den Blick doch auf den hier dokumentierten Raumgewinn durch Reden – von sagenhafter Ironie die Momente, in denen Fragen auf Suaden des Fragenden hinauslaufen. Auch macht es darauf aufmerksam, dass Faye selbst noch immer eine mäßig erfolgreiche Autorin ist. Man habe sie nicht gefragt, weil es nur um die ganz großen Namen gegangen sei, heißt es einmal, irgendwie entschuldigend, irgendwie wurschtig. Fayes weitgehende Nichtreaktionen – und nicht ein einziges Mal schaltet Cusk in das Innere ihrer Protagonistin – bringt den Irrsinn von Unhöflichkeiten und auch von Tatsachen erst recht zur Geltung.

Ironischerweise gelang auch Rachel Cusk zumindest der internationale Durchbruch erst mit dieser Trilogie.

Es gibt noch eine merkwürdige Sache. „Kudos“ ist einerseits eine gespenstisch kluge Bestandsaufnahme unserer Zeit – so wird man die Faye-Trilogie später gewiss lesen, wenn die Menschheit noch lesen wird. Das geht von der Situation schreibender Frauen bis hin zu Fayes wie vom Himmel fallender Kommentierung des Brexit (das muss man wenigstens vermuten): „Wer mit der politischen Lage in unserem Land nicht vertraut sei, könne den Eindruck gewinnen, dass hier kein demokratischer Vorgang zu beobachten sei, sondern die endgültige Kapitulation des individuellen Bewusstseins vor der Allgemeinheit.“ Ein Kollege nachher: „Als hätten die Gänse für das Weihnachtsessen votiert.“

Andererseits ist „Kudos“ ein geradezu nostalgisch altmodisch wirkendes Buch. Das liegt nicht nur daran, dass das Navi zielführend ist, aber auf Kosten der Orientierung. Es liegt auch daran, dass Cusk das Sprechen in direkter und bestechend intensiv auch indirekter Form feiert, den in der Form variantenreich dargebotenen Monolog, nicht den Satzfetzen, nicht die aufgezeichnete Stimme, sondern die geraffte, zugespitzte, präzise mündliche Rede. Nicht nur um die Literatur, sondern auch um sie kann einem bange werden. Und dann wieder nicht, weil „Kudos“ ja vor einem liegt.

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