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Swetlana Alexijewitsch bei der Verleihung des Friedenspreises.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Rede von Alexijewitsch im Wortlaut

Aus der Dankesrede von Swetlana Alexijewitsch zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Von Swetlana Alexijewitsch

„Ich habe den größten Teil meines Lebens in der Sowjetunion verbracht. Im kommunistischen Versuchslabor. (...) Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den alten Menschen, den alten Adam, umzumodeln. Und das ist gelungen. Es ist vielleicht das Einzige, was gelungen ist. In etwas über siebzig Jahren ist ein neuer Menschentyp entstanden: der Homo sovieticus. (...)

Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch. An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg ... Tschernobyl ... der Untergang des „roten Imperiums“ ... Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab. In meinen Büchern erzählt der „kleine Mensch“ von sich. Das Sandkorn der Geschichte. Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. (...)

Jeder von uns trägt ein Stück Geschichte in sich, der eine ein großes, der andere ein kleines, und aus all dem entsteht die große Geschichte. Die große Zeit. Ich suche den Menschen, der eine Erschütterung erlebt hat ... durch die Begegnung mit dem Mysterium des Lebens, mit einem anderen Menschen. (...)

Erinnerungen sind ein launisches Ding. Da legt der Mensch alles hinein: Wie er gelebt, was er in der Zeitung gelesen und im Fernsehen gesehen hat, wem er in seinem Leben begegnet ist. Und ob er glücklich war oder nicht. Zeitzeugen sind weniger Zeugen, sie sind vielmehr Schauspieler und Geschichtenerfinder. Man kann sich der Realität nicht vollkommen annähern, zwischen der Realität und uns stehen unsere Gefühle. Ich weiß, dass ich es mit Versionen zu tun habe, jeder hat seine eigene Version, und daraus, aus ihrer Gesamtheit und ihrer Schnittmenge, entsteht das Bild der Zeit und der Menschen, die in ihr gelebt haben.

Leiden ist unsere Gabe und unser Fluch. Der große Streit der russischen Literatur: (Anm.: Der russische Schriftsteller Alexander) Solschenizyn behauptete, Leiden mache den Menschen besser, aus dem Lager komme der Mensch zurück wie aus dem reinigenden Fegefeuer, (Anm.: der russische Autor Warlam) Schalamow dagegen war überzeugt, dass die Lagererfahrung den Menschen verderbe, dass die Lagererfahrung nur im Lager gebraucht werde. Die Zeit hat gezeigt, dass Schalamow recht hatte. Der Mensch, den der Sozialismus hinterlassen hat, verstand sich nur auf das Leben im Lager.

Die 90er Jahre ... alle redeten von der Freiheit ... warteten auf ein Fest, doch das Land um sie herum war zerstört. (...) Wir entdeckten, dass Freiheit nur auf der Straße ein Fest war, im Alltag aber war das etwas ganz anderes. Freiheit ist eine anspruchsvolle Pflanze, sie gedeiht nicht an jedem Ort, aus dem Nichts. Allein aus unseren Träumen und Illusionen. (...)

Es gibt wenige Gewinner, aber viele Verlierer. Und zwanzig Jahre danach lesen die jungen Leute wieder Marx. Wir hatten gedacht, der Kommunismus sei tot, aber diese Krankheit ist chronisch. (...)

Alles wiederholt sich ... in Russland ... in meinem kleinen Weißrussland gehen Tausende junge Leute erneut auf die Straße. Sitzen im Gefängnis. Und reden über die Freiheit. Vor der Revolution von 1917 schrieb der russische Schriftsteller Alexander Grin: „Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz.“ Auch jetzt ist die Zukunft nicht mehr an ihrem Platz ... Manchmal frage ich mich, warum ich immer wieder in die Hölle hinabgestiegen bin. Um den Menschen zu finden... (...)“

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