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Gedenktafel für den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer an der Berliner Matthäuskirche.

Gescheiterter Widerstand

Rechtzeitige Entschlossenheit

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Wolfgang Benz analysiert das Scheitern des Widerstands im NS-Staat und zieht daraus Lehren für heute.

Es ist Zeit, sich zu vergewissern. Vor der Diktatur steht die Preisgabe der Demokratie. Wolfgang Benz kommt es genau darauf an: Sich Unrechtem zu widersetzen, gehört zum Tugendkatalog des Demokraten. In seinem jüngsten Buch „Im Widerstand“ macht der Historiker einen bedeutenden Zusatz: „Die späte Lehre aus der Geschichte lautet, dass Widerstand beizeiten notwendig ist.“ Es ist eine wesentliche Weiterung derjenigen Lehren, die sich mit dem Widerstand der Deutschen gegen den Nationalsozialismus verbindet: „Das Funktionieren der Unterdrückung“ sei möglich geworden, weil zunächst der Rechtsstaat preisgegeben und schließlich die Diktatur durch die Mehrheit hingenommen worden sei und die skeptische Minderheit geschwiegen habe.

Wenn es darum gehe, Demokratie zu bewahren, sei Widerstand geboten, hebt der Historiker in seiner Studie hervor. Zu den Lehren, die man aus der deutschen Diktatur ziehen sollte, zählt für ihn: „Weil die Signale einer Opposition ausblieben, als die Diktatur noch nicht gefestigt und das Terrorsystem aus Geheimer Staatspolizei, SS und Konzentrationslager noch nicht etabliert war“, sei jede entschiedene Opposition schließlich immer schwieriger geworden.

In zwölf Kapiteln behandelt Benz den Widerstand von Publizisten, Künstlern und Intellektuellen vor 1933, und erörtert Widerständiges im Bürgertum, in der Arbeiterbewegung, den Kirchen und im Militär seit der Machtübertragung an Hitler. In seinem 556 Seiten starken Opus verwebt er Widerstands-Erzählungen von den Studenten der Weißen Rose, den Mitstreitern der Roten Kapelle und das Attentat Stauffenbergs am 20. Juli 1944 mit Geschichten über einfache Leute, die Gefahren auf sich nahmen, um Unschuldigen in ihrer Not beizustehen – und zu helfen. Während die meisten Mitbürger keinen Finger rührten.

Wolfgang Benz:  Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler. C H Beck, München 2019. 556 S., 28 Euro.

Benz legt viel Wert darauf, unterschiedliche Phasen der Etablierung der NS-Herrschaft genau zu betrachten. Das bringt ihn zu seiner grundlegenden These über „die späte Lehre“ und die Entschlossenheit, den Zeitpunkt des Aufbegehrens nicht zu verpassen. Während des Regimes der Nazis sei „der Nährboden für den deutschen Widerstand karg“ gewesen. Die Eliten aus dem „konservativen Bürgertum, dem Militär, den Funktionären der Arbeiterbewegung und den Kirchen“, hätten bereits versagt, als es darum ging, den Aufstieg der Hitler-Leute zu verhindern. Sie glaubten daran, dass sich „Menschen mit Anstand“ schon nicht lange mit den Nazis einlassen würden. Dem Versagen der Eliten stellt Benz „die Gewissensentscheidung der vielen Männer und Frauen, die ihr Leben einsetzten“ gegenüber: Es sind Geschichten über Standhafte, die denen helfen wollten, die plötzlich nicht mehr als Teil der Gemeinschaft galten.

Im Grunde ist die Geschichte des Widerstands „weithin ein Bericht über die Einsamkeit einzelner, über Anpassung und jubelnden Gleichschritt der Mehrheit, über Verzagtheit und versäumte Gelegenheiten“, bilanziert Benz. Zumal mit seinen Hinweisen auf Kritik an Hitler vor 1933. Aus gutem Grund und bestimmt mit einem kurzen Blick auf das gegenwärtige Treiben der Rechtspopulisten zitiert er in diesem Zusammenhang den Publizisten Theodor Wolff, der 1930 „geschliffene Phrasen“ und „dunstige Ideologie“ der aufstrebenden NS-Partei beobachtete, „die Verblödung und die gemeinsten Pöbeltriebe anreizt und zu verbrecherischen Ausbrüchen treibt.“

In der Darstellung des Widerstands ist Benz, der lange Jahre Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung in Berlin war, einer ihrer eifrigsten Chronisten. Gemeinsam mit seinem Kollegen Walter Pehle legte er ein Lexikon des Widerstands vor. Auch die in Kooperation mit Barbara Distel angelegte Geschichte der „Orte des Grauens“, der Konzentrationslager, ist ihm zu verdanken. Benz wirkt als Historiker wie als öffentlicher Aufklärer. Die eine Rolle ist für ihn von der anderen nicht zu trennen. Benz hat nie Zweifel daran gelassen, dass es schwerfällt zu verstehen, warum es in Deutschland keinen Massenprotest gegen das Hitler-Regime gegeben hat.

So habe sich die gleich anfangs von den Nazis brutal niedergeschlagene Arbeiterbewegung der „Illusionen des Widerstands“ mit der Schaffung einer „Volksfront aller Demokraten“ hingegeben. Doch „eine geschlossene Front“ gelang den Regimekritikern nicht – zumal nicht mit dem Anspruch, die wachsende Zahl der Unzufriedenen für ihr Anliegen zu gewinnen. Selbst wenn es etwa nach der Pogromnacht 1938 und nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad wachsende Zweifel am Regime gegeben hat. Doch trotz des Wissens um die militärische Lage, um die Verbrechen an den Juden und selbst mit der Furcht, man müsse nach dem Krieg die Vergeltung der Alliierten fürchten, setzte keine massive Abkehr ein.

Deutscher Widerstand gegen Hitler ist gescheitert. Wolfgang Benz bringt ein paar Beispiele für „das andere Deutschland“ wie die Studenten der Weißen Rose, die „eine kleine einsame Gruppe“ blieben. Er würdigt Georg Elser, über den im Nachkriegsdeutschland kaum jemand sprach. Und Benz macht deutlich, dass sich auch die Patrioten des 20. Juli der Realität verweigerten, da sie die Vorstellung pflegten, „die ehrenhaft kämpfende Wehrmacht hätte mit den Verbrechen des Regimes nichts zu tun gehabt.“

Benz führt die fehlende Resonanz bei den Deutschen auch auf die Debatten um die neue Gesellschaft zurück. Gegensätze, die etwa zwischen den Kreisauern und dem Goerdeler-Kreis aufeinandertrafen. Ein Disput, den Beteiligte auch als Auseinandersetzung zwischen Jungen und Alten verstanden, zwischen denen, die Neues wagten, und denen, die Bewährtes wollten: „Die Kreisauer fühlten sich als die Jungen, der Goerdeler-Kreis verkörperte für sie die Honoratioren.“ Am Ende des Disputs über monarchische und demokratische Traditionen blieb ihnen das Eingestehen des Vergeblichen.

Einen besonders wichtigen Akzent legt Benz darauf, den richtigen Zeitpunkt zur entschiedenen Opposition nicht zu verpassen. Benz’ facettenreiche Geschichte des Widerstands bietet Impulse, um die Preisgabe der Demokratie verhindern zu können. Zeugen der eigenen Gegenwart, merkt Benz an, hätten die Deutschen während der Diktatur nicht sein wollen. Sie hätten sich die Erklärung zurechtgelegt: „Wir haben es gewusst, aber wir wollten es nicht wissen, weil wir glaubten, es nicht wissen zu dürfen.“ Nach der Lektüre der wuchtigen Gesamtdarstellung von Wolfgang Benz weiß der heutige Zeitgenosse die Frage zu stellen, wann die Verteidigung der Republik geboten ist. Dass es also an der Zeit ist, sich zu dieser zu bekennen.

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