Ein Rechtschaffener im Unrechtsstaat

Günter Brakelmanns bewegende Moltke-Biografie bietet Einblicke in die Gedankenwelt des Kreisauer Kreises

Von RENATE WIGGERSHAUS

Es sei ungeheuer wichtig, die Erinnerung an all jene "Menschen des aktiven Anstands" wachzuhalten, die unter den Nationalsozialisten Widerstand geleistet hätten, betonte jüngst der Historiker Fritz Stern. Die neue Biografie über Helmuth James von Moltke anlässlich seines 100. Geburtstags ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie das aussehen kann. Ihr Verfasser, der Theologe und Historiker Günter Brakelmann, Verfasser zahlreicher Studien über den von Moltke initiierten Kreisauer Kreis, konnte dabei auf grundlegende frühere Arbeiten wie die 1972 publizierte Biografie von Michael Balfour und Julian Frisby oder die reich kommentierte Ausgabe der von Beate Ruhm von Oppen herausgegebenen Briefe an Freya zurückgreifen. Er sichtete aber auch neues Quellenmaterial und führte Gespräche mit der heute über 90-jährigen Freya von Moltke über ihren Mann und über Kreisau.

Helmuth James von Moltke wurde am 11. März 1907 im schlesischen Kreisau geboren. Das preußische Erbe seines Vaters, des Gutsbesitzers und erblichen Mitglieds des preußischen Herrenhauses Helmuth Graf von Moltke, verband sich beim Sohn mit der liberalen, weltbürgerlichen Denkweise seiner aus Südafrika stammenden Mutter Dorothy Rose Innes. Seine Kindheit bildete für ihn einen "unerschöpflichen Born von Liebe", dem er sein späteres ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein und seine unermüdliche Tatkraft im Kampf für eine Welt verdankte, in der sich Vernunft und Menschlichkeit miteinander verbinden. Während seines Studiums der Rechtswissenschaft in Breslau, Berlin und Wien engagierte er sich in der Schlesischen Arbeitslagerbewegung, die sich für bessere Lebens- und Bildungschancen von Industriearbeitern einsetzte. Daneben brauchte er alle seine Kräfte, um das infolge der Weltwirtschaftskrise vom Konkurs bedrohte Gut Kreisau zu sanieren.

Auf seinen zahlreichen Reisen durch ganz Europa knüpfte Moltke Kontakte zu Menschen, die in Politik, Bildung und Wirtschaft tätig waren und wie er ein geistig und kulturell liberales Europa ohne imperialistische Ansprüche und ideologische Scheuklappen erstrebten. Als entschiedener Gegner des nationalsozialistischen Systems und radikaler Verfechter personaler Grundrechte und sozialer Gerechtigkeit versuchte er, den Opfern des Regimes beizustehen. Als Rechtsanwalt half er entrechteten Juden bei der erzwungenen Veräußerung ihres Besitzes und ebnete ihnen den Weg ins rettende Ausland.

Als Kriegsverwaltungsrat in den Jahren1939 bis 1944 versuchte er Kriegsverbrechen, wie zum Beispiel Geiselerschießungen, zu verhindern, indem er völkerrechtliche Bedenken geltend machte. So suchte er Generale und Offiziere in Paris von der Befolgung eines Befehls Hitlers abzubringen, indem er argumentierte, die "Pflicht gegenüber dem Führer" gebiete es, nicht "feige" hinter "unseren ruhigen Schreibtischen" zu verharren, sondern ihm zu sagen, "dass er bei Erlass jenes Befehls falsch beraten" worden sei. Es sei gröbste Pflichtverletzung, "wenn wegen dieser unserer Feigheit draußen unsere Leute umgelegt werden". Seine vielen Dienstreisen ins Ausland als nicht weisungsbefugter, aber beratender Völkerrechtsexperte in der Abwehr nutzte Moltke auch, um Kontakte zu Widerstandsbewegungen im Ausland herzustellen, vertrauenswürdige Militärbefehlshaber für den Widerstand zu gewinnen und Vertreter der Alliierten über die Aktivitäten des deutschen Widerstands und über deren Vorstellungen für die Zeit nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes zu informieren.

In Kreisau kam es zu drei großen Treffen von Oppositionellen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und politischen Lagern. Hier wurden Grundsätze für einen künftigen Rechtsstaat erörtert, in dem die Freiheit jedes Einzelnen und eine auf Chancengleichheit basierende Wirtschaftsordnung an oberster Stelle stehen sollten. Die Mitglieder des "Kreisauer Kreises" entwickelten sogar Pläne für eine umfassende europäische Neuordnung unter Aufgabe des Nationalstaatsprinzips. Gut ausgewählte Zitate aus den Denkschriften des Kreisauer Kreises, aus Briefen und Schriften seiner Mitglieder - etwa des Jesuiten Alfred Delp, des Theologen Eugen Gerstenmaier, des Sozialdemokraten Carlo Mierendorff oder des Kulturpolitikers Adolf Reichwein - beleuchten anschaulich die Gedankenwelt der Beteiligten. Von den Alliierten wurden die Angebote zu einer Zusammenarbeit nach ihrem Sieg indes ignoriert. Sie wollten die bedingungslose Kapitulation. Eine militärische Niederlage favorisierte auch Moltke. Ein Staatsstreich konnte in seinen Augen zu einer neuen Dolchstoßlegende führen, ein Attentat die Gefahr eines Bürgerkriegs heraufbeschwören.

Moltkes Warnung an einen mitverschworenen Freund wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde erst im Zellenbau neben dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert, später im Gefängnis Tegel. Er nutzte auch noch jene Zeit, um zu schreiben, zu lesen, Ideen zu entwickeln, und fand zu einer tiefen Gläubigkeit. Gott, so schrieb er kurz vor seiner Hinrichtung an Freya, habe ihn "in unerhörter Tiefe den Abschiedsschmerz und die Todesfurcht und die Höllenangst erleben" lassen, um ihn dann "mit Glaube, Hoffnung und Liebe" auszustatten. Mit diesem Reichtum im Herzen hatte er nicht mehr das Gefühl, die geliebte Frau und ihre beiden kleinen Söhne zu verlassen.

Günter Brakelmanns bewegende Biografie zeichnet das Bild eines lebenszugewandten, allem Geistigen und Schönen aufgeschlossenen Menschen, der im nationalsozialistischen Terrorsystem die Erfüllung der "unabweisbaren Aufgabe aller Rechtschaffenen, die Verbrechen klein zu halten", mit dem Leben bezahlte. Der für ein breites Publikum geschriebene, mit Fotos, Zeittafel und Register ausgestattete Band ist eine in vielerlei Hinsicht empfehlenswerte Lektüre.

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