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US-Schriftsteller Paul Auster, hier bei einer Lesung in Berlin2008. Am Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag.

Paul Austers „4 3 2 1“

Das Recht balanciert auf der Kante

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Paul Austers „4 3 2 1“ liest sich in den ersten Tagen der US-Regierung unter Donald Trump gespenstisch: so nah und fern zugleich.

Es komme ihm so vor, als habe er sein ganzes Leben lang darauf gewartet, dieses Buch zu schreiben, sagte Paul Auster dieser Tage dem „Guardian“. Es sei das Buch, so seine Überzeugung, an dem sein Werk und sein Ruf als Schriftsteller künftig gemessen werde, ein „Elefant“, aber „hoffentlich ein sprintender Elefant“.

Schon gibt es ein paar kühle Kritiken aus dem englischsprachigen Raum, wo Austers neuer Roman ebenfalls am heutigen Dienstag, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag am 3. Februar, erscheint. Zu lang, heißt es, zu vorhersehbar, zu Auster, dabei ist alles, die Länge, die Vorhersehbarkeit und Paul Austers Omnipräsenz zwingend für dieses außergewöhnliche Projekt, in dem zusammenkommt, was Auster in Stücken immer gemacht hat. Auster braucht Platz dafür und er spielt nicht. Im Gegenteil. Das literarische Katz-und-Maus-Spiel, das er inszeniert, unterläuft er permanent selbst, indem er den Leser aufs Laufende bringt. Nicht weil er ihn für dumm hält (hoffentlich nicht), sondern weil er ihn nicht vom Wesentlichen ablenken will. Das Wesentliche, was die Geschichte betrifft: Wie Dinge durch kleine Zufälle ähnlich und doch anders verlaufen können, wie fragil das Leben ist, und doch steht dem Menschen einfach nichts anderes zur Verfügung. Nichts Neues, aber daraus besteht alles, was wir haben. Das Wesentliche, was die Literatur betrifft: Das Visier ist weit geöffnet, der Autor steht schutzlos da, erzählt, was ihm wichtig ist, liebt seine Figuren und will nicht, dass sie sterben müssen. Keine Tricks, keine Ausflüchte, lediglich eine läppische Maske, hinter die jeder Auster-Leser leicht blicken kann. „Ich mag Geschichten, die zugeben, dass sie Geschichten sind, und nicht so tun, als wären sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe“, lässt Auster seinen Helden, einen seiner Helden einmal sagen. Nichts Neues, aber selten so konsequent und opulent durchgeführt. Der Autor liebt seine Figuren und will nicht, dass sie sterben müssen? Ja, das ist ungewöhnlich, nicht die Sache selbst natürlich, aber dass der Autor es hinschreibt. Das geschieht dann auf Seite 1255.

Nach 80 Seiten zeigt sich, dass die Geschichte von Archibald Ferguson, wie sie eben angefangen hat, auf einmal nicht mehr ganz dieselbe ist. Es geht um eine Lappalie. Trotzdem: Es muss einen zweiten Archibald Ferguson geben. Dann einen dritten, dann einen vierten. Nach 275 Seiten kommt einer von ihnen ums Leben, elfjährig im Feriencamp, ein saublöder Unfall, eine Schamlosigkeit des Schicksals. Das ist der Moment, in dem sich der seltsame Titel klärt. „4 3 2 1“.

Mit dem gemeinsamen internationalen Erscheinungstermin mag es zusammenhängen, dass sich vier Übersetzer, Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl, die Arbeit teilten. Das Ergebnis wirkt geschmeidig, Probleme bereitete höchstens die gelegentliche Manie der Helden, lustige Wortreihungen mit gleichem Anfangsbuchstaben herzustellen. Das wirkt auf Deutsch noch verkrampfter als auf Englisch. Dabei haben die Hauptfiguren mit ihrem Autor gemeinsam, dass sie nach einer selbstverständlichen, unvermittelten Sprache suchen. „4 3 2 1“ demonstriert, wie anspruchsvoll das ist. Alles sitzt.

Auster denkt sich Helden aus - dann bringt er sie um

Ganz am Anfang steht ein Witz. Als Fergusons Großvater in Ellis Island ankommt, Isaac Reznikoff heißt er, empfahl ihm ein Mit-Immigrant einen einfacheren Namen zu nennen. Rockefeller, „damit kannst du nichts falsch machen“. Der junge Mann erinnert sich vor Schreck nicht mehr an den Tipp und sagt auf Jiddisch „Ich hob fargessen“. Als „Ichabod Ferguson“ betritt er die neue Heimat. Am Anfang ist es nicht leicht, ein Baby wird in der Badewanne ertränkt, weil die Mutter nicht weiß, wie sie über die Runden kommen soll. Archibald Fergusons Eltern überleben. Sie bekommen ihr einziges Kind, geboren am 3. März 1947, einen Monat nach Auster, „und für einige Sekunden nach dem Austritt aus dem Leib seiner Mutter war er der jüngste Mensch auf Erden“.

Viermal wird die Familiengeschichte von den Fünfzigern an erzählt, je nachdem, wie lange Ferguson leben darf, geht sie bis höchstens in die Siebziger. Die Geschichten werden ineinandergesteckt, immer ein paar Jahre auf einmal. Archies Leben verläuft unterschiedlich, aber nicht fundamental. Baseball ist sein Sport, allerdings kann ein Archie nicht mehr spielen, weil er bei einem Unfall Finger verliert. Ein anderer schwört sich, keinen Ball mehr zu werfen, weil ein Freund und genialer Baseballspieler im Sommercamp umkommt. Die Unglücksfälle, die an Archie vorbeigehen, treffen häufig andere. Der Tod liegt auf der Lauer. Bald erschreckt man sich, wenn ein Verleger zu Archie sagt: „… aber selbst wenn Sie morgen tot umfielen, würde ,Wie Laurel und Hardy mir das Leben retteten‘ ewig weiterleben. – Was für ein merkwürdiger Satz, sagte Ferguson. Das könnte der merkwürdigste Satz sein, den ich je gehört habe. “

Schreiben ist seine Passion, ein Archie ist mit Baseball-Berichten befasst, ein anderer wird Reporter, Romane und Erzählungen entstehen, werden teils zitiert, teils paraphrasiert – wie glänzend Auster das macht, hat er zuletzt in „Berichte aus dem Inneren“ demonstriert –, und selbst der Archie, der nicht erwachsen werden kann, macht mit einer Kinderzeitung an seiner Schule, herausgegeben nach Karl-Kraus-Manier, Furore. Furchtbaren Ärger bekommt er auch damit. Alle Archies lesen viel, Kino ist dem einen wichtiger als dem anderen.

Der Familie geht es mal besser, mal schlechter, entsprechend zieht sie nach amerikanischer Sitte in New Jersey und New York immer wieder um. Mal gibt es in der Elterngeneration einen Todesfall, mal eine neue Liebe. Archie mag Mädchen, liebt die Gedichtzeile eines Kommilitonen, „Beständig ficken tut uns gut“, und lebt nach ihr, sobald er kann. Ein Archie mag außerdem Jungen (auch das ist eine Möglichkeit, bei der Musterung für den Vietnam-Einsatz durchzufallen). Freundschaft und Feindschaft kommen vor, die Idiotie, mit der Jung-Archie darauf gestoßen wird, dass er Jude ist. Ein Junge will wissen, was er an Thanksgiving macht. Feiern, „macht ihr das nicht? – Doch, doch. Ich wusste nur nicht, dass deine Leute Thanksgiving feiern. – Meine Leute? – Du weißt schon. Juden. – Warum sollten wir nicht Thangsgiving feiern? – Weil das was Amerikanisches ist, nehme ich an.“

Mit Wucht läuft die US-Geschichte mit und ist immer eine Geschichte auch der Ausgrenzungen, dazu in dieser Zeit eine der Rassenunruhen, der Kriegspropaganda, der Bürgerrechtsbewegung, der Studentenunruhen. Auster löst das mit höchstem Geschick, wird nie zum Lexikon, interessiert sich für das, was Archie gerade interessiert – und Archie interessiert sich eigentlich immer für Politik. Es fallen vergessene Namen wie James Powell oder Viola Liuzzo und erinnern daran, wie das Recht auch in den USA immer auf der Kante balancierte. Unnötig zu betonen, dass „4 3 2 1“ sich in den ersten Tagen der Regierung Trump gespenstisch liest: So nah und fern zugleich.

Archie steht auf der Seite der Bürgerrechtler, Auster schickt ihn immer in ein linksliberales Milieu, egal, ob er an der Columbia oder in Princeton studiert oder als College-Verweigerer in Paris seinen ersten Roman schreibt. Auster denkt sich Helden aus, die er mag, nette, hübsche, begabte Jungs. Dann bringt er sie um. Zynisch ist „4 3 2 1“ nur gegenüber dem Schicksal und dem nicht vorhandenen Gott.

Der Archie, dem das spektakulärste Debüt als Romancier gelingt, gehört zu denen, die den Roman nicht überleben. Der Archie, der am Ende übrig bleibt, ist der, der keine Kinder zeugen kann. Es ist mehr Ironie im Spiel, als es auf den ersten Blick scheint.

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