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Eric Vuillard sprengt einzelne Geschichts-Augenblicke heraus.

"Die Tagesordnung"

Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle

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Der französische Schriftsteller Éric Vuillard macht Geschichte auf seine Weise plastisch: Jetzt in dem mit dem Goncourt-Preis ausgezeichneten Buch "Tagesordnung", das Schlüsselszenen zum Aufstieg Hitlers erzählt.

Wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders, als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht.“ Dieses Zitat Nietzsches schwebt wie eine philosophische Essenz über dem Schaffen des französischen Schriftstellers Éric Vuillard. Denn Vuillard widmet sich mit seinem Schreiben obsessiv den dunklen Kapiteln der Geschichte des Westens: dem Ersten Weltkrieg in „Ballade vom Abendland“ (2014), der brutalen Kolonialherrschaft König Leopolds II. in „Kongo“ (2015), dem Massaker an den Ureinwohnern Nordamerikas in „Traurigkeit der Erde“ (2017) und eben auch in seiner jüngsten, gerade auf Deutsch erschienenen Erzählung „Die Tagesordnung“, für die er 2017 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde.

Der 1968 geborene Autor schildert hier den Aufstieg Hitlers, indem er einzelne Augenblicke aus den Jahren 1933 und 1945 heraussprengt. Er erzählt also nicht wie der Historiker, der sorgfältig vermeintlich objektive Fakten an einer Schnur auffädelt. Es geht vielmehr um die Konstellation, welche die Vergangenheit mit unserer Gegenwart bildet. „Wir sind gleichzeitig überall in der Zeit“ – ein Satz, der auch als Warnsignal zu verstehen ist.

So auch der 20. Februar 1933: Vierundzwanzig deutsche Großindustrielle fahren in „dicken schwarzen Limousinen“ am Reichstagspräsidentenpalais vor. Es ist ein Geheimtreffen auf Einladung von Hermann Göring mit dem Ziel, Deutschlands Industrieelite zu umgarnen und Geld für den anstehenden Wahlkampf der Nazis einzusammeln. Bereitwillig erscheinen die Bosse von Krupp, Bayer, Opel, BASF, Siemens, I.G. Farben, Allianz und anderen namhaften Unternehmen. Gesittet, ja fast elegant geht es zu. „Würdevoll reicht man einander die Hand“, raucht noch gemeinsam „plaudernd eine Montecristo“, derweil die feinen Männer „beiläufig ihre goldenen Ringe abspreizen“. 

Dort auf der Bühne der Macht, des Geldes und der Geschichte nicken 24 Männer „andächtig mit dem Kopf“, als Göring von der Notwendigkeit faselt, mit der Instabilität der Demokratie endlich Schluss zu machen. Die Unternehmer spenden Millionen für Hitlers Wahlkampf: ein „banales Fundraising“ für die Grausamkeiten des NS-Regimes. Deutsche Firmenchefs verharren an der beschaulichen Spree wie „vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle“.

Vuillard entreißt mit solchen Schilderungen jene Zeit, von der wir schon alles zu wissen glauben, dem gewohnten Blick und macht sie ganz neu lesbar. So zeigt er nicht nur die erschreckend unbekümmerte Liaison zwischen Kapitalismus und Diktatur, sondern räumt auch mit der angeblichen Humanität einer Appeasement-Politik auf. Vuillard führt passive europäische Staatschefs vor, die den Nazis bereitwillig auf den Leim gehen. 

Im Zusammenhang mit einer weiteren Schlüsselszene auf Hitlers Berghof am 12. Februar 1938 erzählt der Autor auf 16 Seiten detailreich und beklemmend, wie ein verträumter, überhöflicher und überschüchterner österreichischer Kanzler Schuschnigg sich von Hitler niederbrüllen und manipulieren lässt und Österreich fast wie nebenbei in die Hände der Nazis fällt. Der Aufstieg Hitlers in Europa erscheint als ein irres Pingpong aus Drohen und Zaudern, Lügen und Einknicken, als ein fatales Netz aus Bluff und Propaganda auf der einen und Leichtgläubigkeit, Eigennutz und Nachgiebigkeit auf der anderen Seite. Ein schauriges Kammerspiel europäischer Politik, das demonstriert, wie unspektakulär Geschichte ins Desaster kippen kann.

Was Vuillard mit seiner virtuos montierten Erzählung betreibt, ist somit eine weitere Entmythologisierung des Nationalsozialismus, dazu eine Wiederbelebung politischer Erzählkunst und eine hochpoetische Form der Geschichtsschreibung. Manche feiern bereits die Geburt eines neuen Genres. Fest steht, dass Vuillard eine ausgefeilte literarische Technik entwickelt hat, mit der er konsequent den Nebel und den Sog reiner Handlung und Fiktion vermeidet. 

„Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens“ ist in diesem Sinne ein Schlüsselsatz, an dem Vuillard sein Schreiben geschliffen hat. Die auktoriale Erzählperspektive wird immer wieder unterbrochen durch Bilder, Gesten und Gedanken, die wie Stills in einem Film funktionieren. Zeitlupenartig werden Handlungen vorgeführt und wird das Gehabe der Mächtigen satirisch ausgestellt. „Die Zeit der Wörter, kompakt oder flüssig, undurchdringlich oder buschig, dicht, gedehnt oder körnig, versteift die Bewegungen, friert sie ein.“ Das lüftet konsequent den Schleier der Einfühlung, arretiert den unerbittlichen Zeitlauf, fächert ihn auf und macht das Geschehene erst dem Denken zugänglich. 

Das Erzählen Vuillards, das manchmal stark an Brechts Technik des Lehrstücks erinnert, öffnet somit einen Möglichkeitsraum, der erahnen lässt: Eine andere Geschichte wäre möglich gewesen. Literatur wird so statt zum Schmieröl, zum Sandkorn im Getriebe der Geschichte und der Gegenwart. Nach dieser Lektüre verbietet es sich jedenfalls, einfach zur Tagesordnung überzugehen.

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