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Schauen die Tauben dabei zu, wie Dave Eggers' Figur seine Geiseln befragt?
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Schauen die Tauben dabei zu, wie Dave Eggers' Figur seine Geiseln befragt?

Dave Eggers "Eure Väter ..."

Rebell ohne Grund

Dave Eggers, mit seinem Roman "Circle" berühmt geworden, überlässt diesmal einem wütenden jungen Mann das Wort.

Von Sabine Vogel

Mit seinem Roman über den ?Circle? eines digitalen Totalitarismus stand Dave Eggers im vergangenen Sommer wochenlang auf den Bestsellerlisten. Dass das Buch literarisch unbefriedigend war, die Figuren zu schablonenartig, die Handlung hölzern vorhersehbar und spannungstechnisch somit eher öd war, trat hinter dem brisanten Inhalt der Geschichte zurück. Eggers’ Zukunftsvision einer globalen Überwachung und Entmündigung des Individuums war offenkundig so angsteinflößend nah an der Wirklichkeit der Internet-Monopolisten im kalifornischen Silicon-Valley, dass manche Leser nach der Lektüre ihr Smartphone wegschmeißen und aus Facebook austreten wollten.

Ganz so simpel funktioniert es mit dem neuen Roman nicht. Der sperrige Titel „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ hilft da erst recht wenig. Vereinfacht dargestellt läuft der Plot so: Ein 34-jähriger, also nicht mehr ganz junger Mann kidnappt der Reihe nach sieben Leute und bringt sie auf einen verlassenen Militärstützpunkt. Er kettet seine Gefangenen mit Handschellen an Stahlträger, tut ihnen ansonsten aber körperlich nichts zuleide.

Der offenbar gestörte weiße Amerikaner namens Thomas bezeichnet sich selbst mehrfach als einen „Mann mit Moral und Prinzipien“. Er versorgt seine Geiseln mit Wasser, Müsliriegeln und Decken. Und befragt sie. Grund für seine überkandidelte Tat ist, dass sie ihm so zuhören und antworten müssen.

Der Schulkamerad, ein Astronaut

Als ersten entführt er Kev, einen ehemaligen Schulkameraden. Der ist Astronaut geworden, hat alles richtig gemacht, aber die Erfüllung seines Lebenstraums gewährte man dem braven Streber dennoch nicht: Das Weltraum-Shuttle, in dem er fliegen wollte, ist von der Nasa gestrichen. Pech gehabt? Nein, Ungerechtigkeit des Systems.

Als nächste kommen ein Provinzabgeordneter, Thomas’ Mutter, ein Mathelehrer, ein Polizist, eine Krankenschwester dazu. Alles harmlose Bürger, die sich irgendwie mal menschlich schuldig gemacht haben und von Thomas nun für ihr gescheitertes Leben verantwortlich gemacht werden.

Der Lehrer hat seine Schüler in obszönen Knabenspielen als Onaniervorlage missbraucht – ohne sich direkt an ihnen zu vergreifen. Die Mutter hat als alleinerziehende Trinkerin versagt. Der Cop erschoss mit einem Dutzend anderer Polizisten den Freund von Thomas, einen vietnamesischen Junkie, in dessen eigenem Garten. Die Krankenschwester war dabei, als der Mord vertuscht wurde. Nur der Abgeordnete, ein linker Vietnam-Veteran, hat versucht, etwas gut zu machen. Er ist der einzige, der sich in den Gemütszustand und die irre Logik von Thomas einfühlen kann und vernünftig mit ihm redet.

Es wird nur geredet

Das wiederum ist das radikale Stilmittel des für seine sozialkritischen Thesenromane bekannten Schriftstellers Dave Eggers: in diesem Buch wird ausschließlich geredet, es besteht nur aus Dialogen. Keine Atmo, keine Landschaftsbeschreibungen, keine auktorialen Psychoeinblicke malen das spröde Setting des Kammerspiels aus. Das bringt vordergründig Tempo, hat aber auch was von nervtötend pädagogisch-propagandistischem Proletkult-Theater, bei dem die Botschaft noch dem unkonzentriertesten Zuschauer eingehämmert werden muss.

Was aber ist denn nun das Problem mit diesem Thomas? Und wofür steht er? Wie alle Charaktermasken, nicht nur von Eggers, verkörpert er eine ganze Generation wütender junger Männer, die sich um ihren Platz und Sinn in der amerikanischen Gesellschaft betrogen fühlen. Thomas wirft seinen Erziehern, dem Staat, dem „System“, vor, dass sie ihm keinen Plan, kein Ziel, keine Aufgabe vorgaben.

Der Mangel an Sinn und Zweck, seine Orientierungs-, ja Führungslosigkeit machen ihn also zum leicht verführbaren Objekt jedweder Heilsversprechung. So wird der nette Kerl zum Terroristen. Die Liebe als letztes Sinnversprechen erweist sich als erlösungsuntaugliche Projektion: Kidnappen lässt die sich nicht. Das wussten wir freilich auch schon.

Dave Eggers: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 220 Seiten, 18,99 Euro.

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