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Am Strand von Benidorm.

Rafael Chirbes

Das reale Leben im falschen

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Auf den Spuren des Schriftstellers Rafael Chirbes im spanischen Benidorm, das seit langem ein wahres Mekka des Massentourismus ist. In dieser Stadt sei "alles schlicht das, was es ist", schreibt er.

Welcher an Kultur interessierte Europäer würde, fragte sich der Reisende auf dem Balcón del Mediterráneo, freiwillig nach Benidorm gehen? Das berüchtigte Mekka des Massentourismus der Costa Blanca, in dem die angestammten 66 000 Einwohner im Schatten der 345 Hochhäuser zu verschwinden drohten? Die Stadt leuchtender Maßlosigkeit, nivellierter Normalität? Dieses Symptom eines realen Europa, dessen Anfänge zeitgleich mit der Entwicklung der EWG datiert werden konnten und dessen heutige Erscheinung die europäische Realität ungeschminkt dadurch widerspiegelte, dass es die Werte Europas in Frage stellte? 

„Europäische Politiker“, notierte der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes in seinem Reisebericht „Vom Wohlfahrtsstaat“ (1996), „suchen sich feinere Urlaubsorte aus und wenden den Blick von Benidorm ab, dabei erfüllt diese Stadt all die Versprechungen, die sie selbst in ihren Wahlprogrammen gemacht haben.“

Chirbes’ Beschreibung im Stil eines mitfühlenden Sozialismus wartete mit einer ungewöhnlichen Einordnung auf: Benidorm als „riesige Werkstatt, in der die verschlissenen oder defekten Einzelteile der gigantischen Maschinerie des europäischen Kapitalismus repariert werden“. Mit den „Einzelteilen“ waren die Menschen gemeint, wie Giorgio Agamben zwanzig Jahre später ergänzte, das menschliche Leben, das „in die Sphäre der Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge“ eingetreten war.

Chirbes hatte nicht nur die „Rentner und Rekonvaleszenten“ im Blick, „die Winter für Winter in Benidorm nisteten, in einer der Myriaden von Waben dieser gigantischen, vom Menschen in die Senkrechte gebauten Bienenkörbe“. Um ihnen als Instant Anthropologist zu begegnen, musste der Reisende die Stadt im zeitigen Frühjahr besuchen, in dem die Überwinternden und die hereinströmenden Angehörigen der vorwiegend britischen Working class sich noch die Waage hielten. Während letztere wenig später, mit dem saisonalen Anschwellen der Bevölkerung auf 1,5 Millionen, eine alles überformende Mehrheit bilden würden. 

Nur früh im Jahr konnte man die großartige, von Palmen begleitete Promenade am Meer, an der Playa de Levante in ihrer ganzen Ausdehnung bestaunen, den von kleinen Palmenhainen untergliederten, weithin gezogenen weißen Strand, die Isla de Benidorm in der blauen Ferne. Eine Szenerie unbestreitbarer Schönheit, sofern man Hochhäuser nicht von vornherein verdammte. Der Reisende nahm sich vor, die Europäer zu entdecken, die er auf der weitgestreckten Promenade am Meer herumlaufen sah, dem gedankenlosen Zeitvertreib hingegeben oder dem, was Chirbes „heliophile Kulthandlungen“ genannt hatte. 

Vereinzelte Paare, Grüppchen im Sand, an Palmen gelehnt, auf ihren Liegen der Sonne hingegeben oder mit ihren Rollatoren bis zum sprudelnden Flutsaum vorgedrungen, konnten noch als einzelne Wesen, als Individuen unterschieden werden. Mit dem Beginn der Saison würde dieser Strand in seiner gesamten Länge von einer grellen optischen Barriere von zigtausend Sonnenschirmen bedeckt sein, so weit, dass bis zum Wasser gerade ein schmaler, von Menschenmassen bedeckter Streifen übrigbliebe, der ins flache Wasser hineinreichte.

Unter den agilen Teilnehmern der täglichen Prozessionen am Meer fielen tief gebräunte, alle Selbstgewissheit ausstrahlende Alte auf, die auf ihren zu quicken Elektroscootern aufgemotzten Gefährten dahinzogen, einzeln oder sogar zu zweit, auf Tandems, die wie Zweierbobs anmuteten. Von Zeit zu Zeit hielten sie an der Mauer über dem Strand, um von dort aus lange in die Ferne zu schauen.

Der Dresscode jüngerer und mittelalter Männer tendierte zu Bermudas, die man passenderweise zu freiem Oberkörper trug, ganz gleich, wie es um den Körperumfang bestellt war. Muscle shirts bestimmten das Bild, leger über die Schulter geworfen, besser noch, wie vor Zeiten bei Freddy Mercury, an der Hüfte knapp unter den Gürtel gezogen, ansonsten frei flatternd.

Auffällig war, dass sich die Verbreitung von Tattoos in Grenzen hielt. Mit Ausnahme der Reservate britischer Männergruppen, die, traubenweise und höchst animiert, schon am Vormittag im harten Training waren – im „Heart Break“, einer American Bar, im „White Lion“ (Guinness), im „Bulldog“, in der „Guinness Bar“ (Ales & Stouts). „The Lazy Cow“ folgte und da kam Musik ins Spiel: „Delilah“ – Tom Jones (1968) and all the rest: „I saw the light on the night that I passed by her window“, und dann: „Bikini Beach“ (Guinness) mit „La Bamba“ – in der Version von Los Lobos (1987), der Text tiefschürfend: „Para bailar la bamba se necesita una poca de gracia“ – um La Bamba zu tanzen, brauchte es ein wenig Grazie, die Herren, ein bisschen Anmut. 

Der Auftrieb aus Großbritannien, so zitiert Rafael Chirbes den Soziologen Mario Gaviria, repräsentiere „den Todesstoß“, den die Massen einem romantischen und elitären Begriff des Reisens versetzt hatten, „den einmal die Oberschicht der angelsächsischen Länder geprägt hatte, als sie sich aufmachte, Unterentwicklung, Exotik und Dienstleistung zu entdecken, ein Gemenge von sekundären Werten“, kurz: den Süden.

Demnach begann das Eliten-Bashing bereits mit den Anfängen des Massentourismus. Und, stellte sich nicht die Frage, ob dieser „Todesstoß“ darüber hinaus auch dem romantischen und elitären Begriff einer Kultur und einer Politik der Werte galt, die im europäischen Alltag längst nicht mehr vermittelbar waren? Die aber für die Konstituierung einer nicht allein ökonomisch definierten europäischen Gesellschaft unverzichtbar gewesen wären. Denn an welchen Kultur-, an welchen Wertevorstellungen sollte es sich noch orientieren, ein Europa, das sich von der Basis her neu zu definieren suchte? 

Während der französische Ethnologe Marc Augé dem heutigen Großbritannien noch „mehrere Kulturen nebeneinander“ zugebilligt hatte, deutete der Symbolvorrat der Working class heroes in Benidorm auf eine „Kultur“ der Abgrenzung hin. Etwa in der „Daytona Beach Bar“, die hier seit 15 Jahren erfolgreich war. Auf der Promenade davor fand Straßentheater statt, das heißt: eine Kraftsport-Darbietung mit allerlei Hebe-, Stemm- und Streckfiguren. Ein Halbkreis Neugieriger war gebildet. Paradoxerweise dachte der Reisende an Dieter Hildebrandt, und, mit Blick auf das durchaus noch gesittet im Halbschatten des Vordachs sitzende Publikum: „Mein Gott, die wählen ja alle!“ Und die Equilibristen der Vorstellung, die konnten genauso gut als Doubles der Camerons, der Goves und Johnsons herhalten – bei ihren haarsträubenden Brexit-Akten.

Die Szene war für Männer gedacht: „LIVE SPORT on Thursday, Friday, Saturday – Man United vs. Rostov, Stoke City vs. Chelsea, Westham vs. Leicester – auf 2 BIG SCREENS“, Rock‘n’ Roll, Beer im 5-Bottles-Offer, literweise Sangria zum Pauschalpreis, „Chicken, Chips, Salad + 1 Drink zu 8 EUR“. Einige der Versammelten, auf den Bänken der Promenade am Rande der Pulks, taxierten die Passantinnen. Zwei von ihnen boten in einer Sprache unvollendeter Sätze einer vorübergehenden Lady, wie auf dem Markt, ihre Arbeitskraft an. In diesem Fall, um ihr die „unvergesslichste Nacht ihres Lebens“ in Aussicht zu stellen. Und, sah es am „Ballermann“, bei der einschlägig deutschstämmigen „Kultur“ anders aus?

Im Gegensatz zu all den Illusionen über „den Süden“, trotz der Palmwedel, Sonnenrituale und Strände, habe die Stadt, so Rafael Chirbes, „rein gar nichts mit dieser Vorstellung zu tun“. „In Benidorm“, und das sei ein Grund für dessen Anziehungskraft, „ist alles schlicht das, was es ist, nichts schmückt sich zur Erhöhung des Mehrwerts mit einem ideologischen Überbau; die reine Intranszendenz zeigt sich mit unbescholtener Schamlosigkeit, bietet sich zu konkurrenzlosen Preisen an und entspricht damit ohne weiteres dem, was vor dem Fernsehschirm stattfindet, dem freudigen Vollzug des Wohlfahrtsstaats.“ Und, galt das nicht auch für ein ungeschminktes Europa?

Doch dann, gerade zweihundertfünfzig Meter entfernt, schlich sich ein Zeichen in die periphere Wahrnehmung: ein schmuckloses Schild, ein Wegweiser: „Biblioplaya Benidorm“. Eine Fata Morgana? Ein Rote-Liste-Reservat? 

Eine leichte Sonnensegel-Konstruktion auf grazilen Stahlrohrstützen, maritim blau-weiß gestreifte Regale, wie Schmetterlingsflügel aufgeklappt – voller Bücher. Ein Counter mit Zeitschriften, weiße Tische mit bequemen Gartenstühlen im Schatten. Einträchtig nebeneinander Romane und Biografien, Sachbücher, spanische neben niederländischen, englische neben deutschen Literaturen. Man hörte am Strand der Bücher, so eine Probandin, kein Englisch. Aber man konnte Christine Brückner ausleihen („Nirgendwo ist Poenichen“), Klaus Mann („Mephisto“) oder Günter Grass („Ein weites Feld“).

Der Reisende trat näher heran, strich mit den Fingerspitzen über die Gebrauchsspuren der Buchrücken. Gute alte Bekannte in der Fremde. Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ (1968) stand da im zweiten Fach, vielleicht zehn, zwölf Plätze entfernt von Franz Kafka („Die Verwandlung“, „Das Schloss“, „Der Prozess“) und Uwe Johnson („Mutmassungen über Jakob“). Im Fach darunter Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Und genau unter Siegfried Lenz war Helmut Schmidt eingeordnet, „Die Deutschen und ihre Nachbarn“ (1990), aus dem später eine europäische Buchreihe werden sollte. Robert Schneider mit „Schlafes Bruder“ folgte. 
Dreißig Meter von den Fronten der Hochhausstadt entfernt, eine luftige Oase am Meer, eine Manifestation der Kultur, mit Blick nach Süden, auf Algier und Oran, die mit Benidorm ein Dreieck mit 350 Kilometern Seitenlänge bildeten. Mit Albert Camus’ Küsten des Lichts hinter dem Horizont. 

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