Bücher und Hefte, mit Liebe arrangiert im Gewölbe einer einstigen Ziegelei in Ankara und fotografiert von Jean Molitor.

Rollende Bücherei

Raus aus der Tonne

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Der Berliner Fotograf Jean Molitor entdeckte per Zufall die Bibliothek der Müllfahrer von Ankara.

Dies hier ist eine so freundliche wie kuriose Meldung aus dem Alltag von Ankara. Dort ist gerade der Berliner Fotograf Jean Molitor auf Spurensuche nach meist weißen oder sehr hell gestrichenen, lichten und geometrisch geformten Häusern. Den Bauhaus-Architekturen weltweit gilt schon lange seine Obsession. Unlängst schickte ihn das Goethe-Institut in türkische Gefilde, in die Hauptstadt Ankara, wo das 100-jährige Bauhaus – und die türkische Moderne – ebenfalls markante Architektur hinterlassen haben. Jean Molitor suchte – und fand jede Menge Bauhaus-Spuren.

Und dann hatte er etwas völlig Unerwartetes, sehr Kurioses vor der Kamera-Linse, etwas, das so gar nichts mit Häuserbauen, Kunststilen und Architekturgeschichte zu tun hat: Eine mobile Müllwagen-Bibliothek in den Straßen der Stadt, die jedermann nutzen kann. Es ist ein geschickt zur rollenden Bücherei umgebauter Müllwagen, ganz nach dem historischen Vorbild des legendären „Onkel Mustafa“, der in den 50er- und 60er Jahren mit seinem Eselchen und dem Bücherkarren durch die weit entfernten anatolischen Dörfer zog und den Leuten die Literatur nahebrachte.

Tatsächlich ist das ein liebenswertes Kuriosum, Berge von Büchern aller Genres: weggeschmissene Bücher, die gerettet wurden – die Bibliothek der Müllfahrer von Ankara. Jean Molitor hat sie angesprochen. „Freund Zufall war mit im Spiel“, erzählt er bei seinem Anruf aus der türkischen Hauptstadt. Er habe ein wenig an Schopenhauer gedacht, der die Auffassung vertrat, der Welt liege ein irrationales Prinzip zugrunde.

Der deutsche Philosoph und Kant-Schüler schrieb, das Zufälligste sei nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Notwendiges. Es war also demnach notwendig, dass der Berliner Häuserfotograf auf die Bücher transportierenden anatolischen Müllfahrer aufmerksam und kurz darauf in jenes alte, 1999 geschlossene Ziegeleigelände im Stadtteil Çankaya eingelassen wurde. Das Areal dient seit drei Jahren als Fuhrpark der städtischen Müllabfuhr.

„Über die Jahre haben die Müllkutscher Tonnen von Büchern aus dem Abfall gerettet“, berichtet Molitor. Die Männer hätten das Gewölbe der einstigen Ziegelei liebvoll renoviert, Regale und Beleuchtung gebaut, die Bücher katalogisiert und professionell nach Sachgebieten geordnet: Nationale und Weltliteratur, politische und gesellschaftliche wie naturwissenschaftliche Sachbücher, Koch-, Garten- und auch Kinderbücher.

Inzwischen haben die Laien-Bibliothekare aufgehört, die gestapelten und neu dazukommenden Bücher zu zählen. In Nebenräumen stapeln sich die Fundstücke. An Wänden hängen die auf den Müllplätzen der Stadt im Regen nass gewordenen Bände zum Trocknen in extra dafür gebastelten „Hängematten“. Molitor staunt: „Die Männer lassen nichts unversucht, um Bücher zu retten, als handele es sich um Schätze.“

Selbstredend nutzen diese Retter samt ihrer Familien die Bibliothek auch selbst, so weit die Pausen und der eine oder andere freie Tag es zulassen.

Und die Müllfahrer machen Führungen, mehrmals in der Woche kommen Schulklassen, denen sie den Wert von Büchern begreiflich machen. Oder Bücherfreunde. Ausgeliehen wird unbürokratisch, ein Leihzettel genügt, nach zwei Wochen sollte der Band wieder zurückgebracht werden. Wenn nicht, dann gilt er eben als geschenkt. Jean Molitor sagt, am meisten beeindruckt habe ihn die internationale Abteilung – unter anderem mit antiquarischen Enzyklopädien und fast neuen Heften von „National Geographic“. Kurios, dass Albert Einsteins Schriften gleich neben Heften mit den Comic-Figuren der Schlümpfe lagern. Aber das dürfte wohl nur ein sehr lustiges Versehen sein.

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