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„Natürlich kennt Charlotte das Metropol, jeder kennt es.“

Eugen Ruge

Die Ratte des Zweifels

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„Metropol“: Eugen Ruge blickt in die Stalinzeit und auf die Verführbarkeit der Menschen.

Eugen Ruge musste erst einen Bestseller schreiben, um es sich leisten zu können, einmal im Hotel Metropol in Moskau zu übernachten. Er kann es so einrichten, dass er genau das Zimmer bekommt, in das seine Großmutter Charlotte Anfang Oktober 1936 einzog. Er blickt auf die Stuckrosette an der Decke, unter der schon ihre Gedanken kreisten. Das erwähnt er im Epilog seines neuen Romans „Metropol“.

Charlotte kennen wir aus „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, dem 2011 mit dem Deutschen Buchpreis gekrönten Romandebüt Ruges. Darin zeigt der Autor eine Familie – seine Familie – unchronologisch verstrickt in die Entwicklungen und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Das neue Buch bleibt auf einen kurzen Zeitabschnitt und die Stadt Moskau konzentriert. Die zuweilen fast klaustrophobische Dichte des Erzählens entsteht jedoch aus den politischen Vorgängen, die Teil und Hintergrund der Handlung sind: die stalinistischen „Säuberungen“, die Schauprozesse und die Umwidmung von Kommunisten in „Volksfeinde“.

Charlotte Ruge, hier unter ihrem Parteinamen Charlotte Germaine, und ihr Lebensgefährte Wilhelm haben im Machtgefüge nur untergeordnete Rollen. Der Roman setzt während eines Jalta-Urlaubs des Paars ein, als die beiden in der Zeitung lesen, der Historiker Alexander Emel habe gestanden, an einem Mordkomplott gegen Stalin beteiligt gewesen zu sein. Das war im August 1936, unter den weiteren 15 Angeklagten befanden sich auch Grigori Sinowjew und Lew Kamenew – einst enge Weggefährten Stalins. Die emigrierten Deutschen Charlotte und Wilhelm wissen sofort, dass allein ihre Bekanntschaft mit jenem Emel ihnen schaden könnte.

In einer vierseitigen Erklärung versucht Charlotte ihrem Arbeitgeber gegenüber die Harmlosigkeit des Kontakts zu schildern und Selbstkritik wegen mangelnden Misstrauens zu äußern. Diese Erklärung ist als Dokument abgedruckt: Eugen Ruge hat im Russischen Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte die Kaderakte seiner Großmutter eingesehen.

Eugen Ruge: Metropol. Roman. Rowohlt, Hamburg 2019. 432 S., 24 Euro.

Beider Arbeitgeber war damals der OMS, der Nachrichtendienst der Komintern: Der setzt sie ohne offizielle Entlassung im Metropol fest, direkt neben dem Geheimdienstgefängnis Lubjanka. Und dort warten sie. Erst eine Woche, noch eine, dann den ganzen Winter lang und immer weiter. Eugen Ruge gestaltet diese quälende Ungewissheit spannend.

Charlotte verbringt Stunden in Schlangen nach Lebensmitteln, Wilhelm studiert die Zeitungen mit den Erfolgsmeldungen über die sowjetische Wirtschaft. Zwischendurch erhält sie eine Aufgabe, die Freude währt kurz. Und es kommen andere OMS-Mitarbeiter ins Hotel. Dürfen sie zu ihnen Kontakt haben? Charlotte trägt „die Ratte des Zweifels in ihrem Bauch mit sich herum wie das Kind eines fremden Mannes“.

Die meisten Kapitel im Roman sind aus Charlottes Perspektive erzählt, in der Spannweite zwischen Naivität und klarer Analyse. Hinzu kommen zwei weitere Hauptfiguren, beides ebenfalls reale Personen: Die Kommunistin Hilde Tal, Wilhelms Ex-Frau, die im (heute berüchtigten Emigranten-)Hotel Lux wohnt, und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, Oberster Militärrichter der UdSSR, Bewohner eines der besseren Zimmer des Metropol. Dieser Mann, der sich durch seine Biografie in Stalins Hand weiß, urteilt mit großer Härte und übersieht großzügig die logischen Lücken in den erpressten Geständnissen.

Eugen Ruge verknüpft seine Lust an Satire mit ihm, das ist schon Galgenhumor! Ausgerechnet er hat einen Draufblick auf die Zusammenhänge. Den Schriftsteller Feuchtwanger, der Stalin in der „Prawda“ und später in einem Buch preist, nennt er herablassend „mein Täubchen“. Der machtvolle Richter entdeckt seine eigene Lehre, den „Ulrichismus“. Die besagt: Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. „Man kann ihnen Fakten liefern, man kann sie widerlegen, es hilft nichts.“ Und damit wirkt dieser historische Roman in die Gegenwart, in der Verschwörungstheorien Anhänger finden und Fakten „alternativ“ sein können.

Eugen Ruge hatte nach seinem großen Erfolg eine flirrende Novelle über einen Autor in der Schreibkrise vorgelegt („Cabo di Gata“) und einen fiktiven Enkel aus seiner Familie ins Jahr 2055 geschickt („Follower“). Nun also ein Tatsachenroman, erzählt entlang erschütternder Ereignisse. Er behandelt eine von vielen Historikern – auch von seinem Vater Wolfgang Ruge – untersuchte und von Zeitzeugen beschriebene Etappe der Geschichte. In der Belletristik gibt es erstaunlich wenig Vergleichbares, umso mehr ist sein Buch zu begrüßen.

Mit „Metropol“ setzt Eugen Ruge fort, was Arthur Koestler mit „Sonnenfinsternis“ (1940) angefangen hat, denn er blickt auf die Menschen, die in Angst um ihr Leben und das ihrer Nächsten Taten gestehen, die sie nie begangen haben. Man kann auch an Anatoli Rybakows „Jahre des Terrors“ (1988) denken und an Stefan Heyms Romanbiografie „Radek“. Mit dem Stalinismus hatte der Kommunismus sein Gütesiegel als Fortschrittslehre verloren.

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