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Rat, Verrat und Treue

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Die Abrechnung des BND-Mannes Norbert Juretzko beginnt wie die Memoiren eines Bundeswehroffiziers - und endet wie ein Thriller

Von MATTHIAS PENZEL

Legendenbildung: Das ist der Begriff, den Geheimdienstler verwenden, wenn sie undercover unterwegs sind, wenn sie bei einem Treff mit einem für sie möglicherweise tätig werdenden Spion (auch: "Quelle", "Agent", ebensogut natürlich, je nach Perspektive "Verräter") sich vorstellen und nach der Begrüßung nur noch Lügen auftischen: angefangen beim Namen, mit dem sie sich vorstellen, über ihren Beruf, Motivation und Begründung für das Gespräch bis hin zu den abschließenden Worten "Wenn Sie hiervon nichts wissen wollen, ist die Sache vergessen, wir melden uns nie wieder". Wenn Anbahner ihre wahre Identität offen legen, dann selbstverständlich weiterhin unter Decknamen.

Beim Geheimdienst der BRD ist das nicht anders. Das Blöffen und das Verdrehen der Fakten gehört genauso sehr zur Arbeit wie das Erfinden von Legenden. Angefangen bei der irreführenden Bezeichnung Nachrichtendienst über operative Postkontrolle ("Post- und Fernmeldeschnüffelei") bis hin zu Einsätzen, bei denen Verbrechen nicht bespitzelt, sondern angeschoben und durchgeführt werden (Celler Loch 1978, Plutonium-Affäre 1995) - Legenden allenthalben. In so einem Kontext ist es fast vorprogrammiert, wenn ein Buch über das Innenleben des BND von Legenden und Nachrichten begleitet wird.

Mysteriöse Begleitumstände

Bedingt dienstbereit wurde angekündigt als Abrechnung eines anonym bleibenden BND-Aussteigers. Es gab weder Vorabexemplare noch Fahnen, angeblich verschwand ein Manuskript, die Auslieferung an den Buchhandel wurde vorgezogen, um einer Beschlagnahmung des Titels vorzubeugen - und zwar Tage, nachdem "drei Unbekannte, die sich als Mitarbeiter des Verlags ausgaben unbefugt Zutritt zum Haus verschafft und mehrere Büros durchsucht" hatten; "die Ullstein Buchverlage haben Anzeige gegen Unbekannt erstattet", berichtete das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Anfang September. Als das Buch in den Läden ankam, war es nicht länger das Werk eines unbekannten Agenten: Der Aussteiger ist Norbert Juretzko, im BND-Mutterhaus in Pullach kein Unbekannter.

Bedingt dienstbereit, das klingt wie die Spiegel-Zeilen, an denen einst Minister stürzten, doch Juretzkos Abrechnung beginnt eher unauffällig, fast wie eine richtige, wie die ursprüngliche mittelalterliche Legende. Erinnerungen an die "Operation Black Foot", das Anwerben von Verbindungs- und Weiterleitungs-Quellen für den Fall einer sowjetischen Invasion gestalten sich wie eine Erzählung über Leben und Leiden eines Heiligen.

Nichts von James Bond

Warum sich der Bundesnachrichtendienst für das Buch interessiert, wird erst nachvollziehbar, wenn man die Hintergründe kennt. Für den normalen Kunden liest es sich oft wie die Abrechnung eines ehemaligen Angestellten mit seinem Betrieb - überall unfähige Vorgesetzte, Amtsstubenhocker... wer kennt das nicht? Bei der Bundeswehr Ausbilder für Einzelkämpfer und Fallschirmspringer, vermisste Juretzko beim BND denn auch Kameradschaft, "menschliche Wärme". Aktionen und Operationen beschreibt er spannend und nicht ohne wiederholt darauf hinzuweisen, dass das mit James Bond nicht wirklich viel zu tun hat. Aufdeckungen dieser Natur bringen in Pullach keine Alarmleuchte zum blinken. Nach der ersten Hälfte, Andeutungen sind hier und dort gefallen, geht es ans Eingemachte. Da wird die Lektüre vor allem für Juretzkos früheren Arbeitgeber richtig spannend.

Denn Norbert Juretzko war tatsächlich nicht irgendein Mitarbeiter der "Firma", sondern ein Special-Agent, dem in den Berliner Wirren nach Mauerfall einige Coups gelangen, die auch bei anderen Geheimdiensten für Aufsehen sorgten. Die Konsequenzen einer von Juretzkos letzten Amtshandlungen waren so weitreichend, dass sie im März 1998 im Kanzleramt von Kohls Geheimdienstkoordinator Bernd "008" Schmidbauer in kleiner Runde und streng geheim erörtert wurden. Der damalige BND-Sicherheitschef wäre fast gestürzt. Es gab Indizien, geliefert vornehmlich von einer Quelle Juretzkos, nach denen der Leiter der Abteilung Sicherheit/Abwehr ein Supermaulwurf sei, einer, der nicht nur nach Löchern innerhalb des BND suchte, sondern diese selbst verursachte.

Nebenjob für Moskau

Volker Foertsch hatte mehr als vierzig Jahre zuvor noch unter Reinhard Gehlen beim BND begonnen, sich insbesondere mit Spionage gegen den Osten befasst, nach 1989 als Chef der Operativen Aufklärung alle Agenten geleitet. Wenn dieser Mann im Nebenjob Moskau mit Informationen versorgt haben sollte, dann wäre das ein Skandal gewesen, der dem nach dem Kalten Krieg ohnehin etwas orientierungslosen BND das Genick hätte brechen können. Zum Glück waren der Geheimdienstkoordinator Schmidbauer und der verdächtigte Foertsch seit langem befreundet. Zum Glück war auch der ermittelnde Generalbundesanwalt Kay Nehm ein alter Bekannter, ebenso der von ihm beauftragte Karlsruher Bundesanwalt Schulz. Und so konnte die höchst peinliche Sache - zum Glück für die Behörde und Foertsch - schnell zu den Akten gelegt werden.

Erledigt war die Sache damit nicht. Ermittlungen wurden fortgesetzt, nun hinter verschlossenen Türen - und gegen die Lieferanten der Beweismittel, einer davon Norbert Juretzko. Wegen Betrugs wurde Juretzko im Januar 2003 zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten verurteilt. Zu Unrecht, wie er meint und wie er in Bedingt dienstbereit plausibel erklärt. Das alleine gibt ihm nicht Recht, ist aber genug Anlass, dass der BND schon Wochen vor der Auslieferung des Buchs am 18. August 2004 Strafanzeige beim Generalbundesanwalt stellt und der ein Ermittlungsverfahren einleitet.

Die Begründung von Generalbundesanwalt Kay Nehm: Verdacht auf Offenbarung von Staatsgeheimnissen. Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND - die Abrechnung eines Aussteigers ist die Verteidigungsrede eines Geschassten, der ganz bewusst die Verschwiegenheits- und Diskretionspflicht bricht, weil er glaubt, sonst den Dienst in seinen Grundfesten zu verraten. Plausibel und nachvollziehbar, aber eben auch nur die eine Seite der Geschichte. Und so kommt man sich beim Lesen von Bedingt dienstbereit plötzlich vor wie in einer Jury, wobei einem für das abschließende Urteil zu viele Informationen fehlen - die der Gegenseite.

Möglicherweise verlief bei der Operativen Nachrichtenbeschaffung alles so sagenhaft, wie von Juretzko dargestellt, möglicherweise war er nicht nur Opfer von Mobbing gegen ihn, sondern auch von Intrigen gegen Foertsch (was Juretzko als Möglichkeit selbst einräumt); möglicherweise musste solch ein Skandal aus Gründen der nationalen Sicherheit vertuscht werden, und Juretzko ließ sich eben nicht einspannen. Der Leser bekommt die Auflösung jedenfalls nicht geliefert. "Eine ,offizielle' Stellungnahme des Bundesnachrichtendienstes zu dem Buch gibt es leider nicht", so die Leiterin des BND-Pressebüros in Berlin. Präsident Dr. August Hanning: "Ein Geheimdienst kann es aber nicht akzeptieren, wenn ein ehemaliger Mitarbeiter Dienstgeheimnisse preisgibt und Quellen gefährdet."

Die Leiterin des Pressebüros weiter: "Im übrigen war der in dem Buch beschriebene ,Fall Foertsch' Gegenstand von Gerichtsverfahren und wurde dort geprüft. Das Verfahren gegen Herrn Foertsch wurde 1998 eingestellt, der Autor 2003 wegen Betruges zu 11 Monaten auf Bewährung verurteilt. Wir haben keinen Grund, an der Rechtmäßigkeit der gerichtlichen Überprüfungen zu zweifeln." Dass Zweifel erlaubt sind, hat Juretzko in genügendem Ausmaß belegt. Zu Recht? Oder mithilfe von Legendenbildung? Die Fortsetzung dürfte spannend werden...

Norbert Juretzko mit Wilhelm Dietl: Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND. Die Abrechnung eines Aussteigers. Ullstein Buchverlage, Berlin 2004, 382 Seiten, 24 Euro.

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