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Eine Automatenraststätte, 1962: „Für besonders Eilige, die die Autobahnen nur verlassen, wenn sie Wagen und Leib auftanken müssen“, schrieb die Agentur dazu.
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Eine Automatenraststätte, 1962: „Für besonders Eilige, die die Autobahnen nur verlassen, wenn sie Wagen und Leib auftanken müssen“, schrieb die Agentur dazu.

Reisebücher

Raststätten & Reisen: Danke für den guten Pudding

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Florian Werner und Thomas Böhm erzählen von den großen und kleinen Geschichten des Reisens und des scheinbaren Stillstands.

Einer der Orte, an denen ich sinnlos viel Zeit in meinem Leben verbracht habe, ist die Autobahn-Raststätte Hannover-Garbsen. Wenn es ganz schlimm kam, waren es vier Stunden oder mehr, die ich dort, in Kälte und Regen wartend, herumstand. Den Daumen im Wind, wie es auf einem frühen Album von Udo Lindenberg heißt, nur weniger romantisch verklärt. Dabei war Hannover-Garbsen nicht einmal der schlechteste Ort, an dem man herausgeworfen werden konnte. Auf dem Weg nach Berlin war die Raststätte für viele Tramper eine Zwischenstation. Mit ein bisschen Glück ging es gleich weiter.

Aber selbst wenn nicht, verbuchte man es doch nicht als verschwendete Lebenszeit. Waren es nicht vielmehr kleine Geschenke, Momente des Innehaltens, in denen man erproben kann, standhaft zu bleiben, während vieles vorüberzieht? Später, als ich selbst vom Anhalter zum Fahrer herangereift war, bekam ich jedes Mal ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich als Autofahrer einen Anhalter stehen ließ. Habe ich das jetzt wirklich gemacht?

Vor ein paar Jahren habe ich zwei junge Frauen nach Berlin mitgenommen, von denen die eine, eine Holländerin, sofort auf der Rückbank einschlief. Ihre Freundin auf dem Vordersitz war dafür umso gesprächiger. Sie erzählte, dass sie viel schreibe, einen eigenen Blog habe sie auch. Die Fahrt verging wie im Flug, sie rief mir noch den Namen des Blogs zu, auf dem ich mir ja ihre Texte ansehen könne, wenn ich denn wolle. Ich habe es sogar getan und schnell wieder vergessen.

Einige Zeit später machte meine Mitfahrerin als junge Schriftstellerin von sich reden: Ronja von Rönne. Die Chance, sie als Kolumnistin für meine Zeitung zu entdecken, hatte ich mir also entgehen lassen. Wenn ich Ronja von Rönne heute in ihrer Sendung „Streetphilosophy“ auf Arte zusehe, muss ich an diese Begegnung denken. Autoraststätten-Blues.

Florian Werner hat über solche Dinge und noch vieles mehr ein hinreißendes Buch geschrieben: „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“. Hannover-Garbsen spielt darin eine hervorgehobene Rolle. Werner hat den von vielen als unwirtlichen deutschen Nichtort betrachteten urbanen Raum zum Gegenstand soziologischer Erkundungen auserkoren. „Die Raststätte, das ist Deutschland im Kleinen. Ein Mikro-, ein Motorkosmos. Dennoch sind Raststätten, Hand aufs Herz, nicht gerade beliebt: Sie gelten, bei wohlwollender Lesart, als Inbegriff bundesrepublikanischer Durchschnittlichkeit (...), wo man in der Regel nur Halt macht, wenn es die Leere des Tanks oder die Fülle der Blase unbedingt erfordern. (...) Die Raststätte ist wie ein Mensch, den man nicht leiden, ohne den man aber auch nicht leben kann. Ein Partner, dessen Gegenwart so selbstverständlich geworden ist, dass man ihn kaum noch bemerkt.“

Florian Werner belässt es natürlich nicht bei beschaulicher Pausenbetrachtung. Er hat die Entstehung der Raststätte aus dem Geist des Nationalsozialismus erforscht, die Hitler höchstpersönlich angeleitet hatte. Schon durch ihre Architektur sollten die Raststätten ein idyllisch-überzeitliches Deutschlandbild vermitteln. Ein „Rasthaus am Chiemsee etwa wurde auf Wunsch Adolf Hitlers – der angeblich persönlich mit dem Zeichenstift in die Entwurfspläne eingriff – nach dem Vorbild Chiemgauer Bauernhöfe gestaltet. Einen ersten Entwurf mit Zwiebelturm hatte der Reichskanzler abgelehnt, da er zu sehr an kirchliche Bauten erinnerte.“

Die Bücher:

Florian Werner: Die Raststätte. Eine Liebeserklärung. Hanser Berlin 2021. 192 S., 22 Euro.
Thomas Böhm (Hg.): Da war ich eigentlich noch nie. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2021. 320 S., 28 Euro.

Von kurioser Schönheit ist die Leseerfahrung, die Werner anhand des Gästebuchs der Raststätte Garbsen-Nord vermittelt, in dem sich Einträge von Herbert Wehner („Immer wieder schön. Danke für die Gastlichkeit“), Uwe Seeler („Dankeschön für alles“) und Alfred Biolek („Danke für den guten Pudding“) finden. Ein Spiegel der Seele auch im einfach nur Dahingeschriebenen oder sorgsam Eingetragenen.

Während Florian Werner seine gesteigerte Aufmerksamkeit dem vielfach Zurückgelassenen und achtlos Passierten widmet, hat Thomas Böhm in seinem Buch „Da war ich eigentlich noch nie“ eine „Wunderkammer des Reisens in Deutschland“ eröffnet. Orientiert hat er sich dabei am Ordnungsprinzip einer Frühform des Museums, die im 14. Jahrhundert entstand: „In den Wunderkammern fanden sich so unterschiedliche Objekte wie Kunstwerke, Sammlungen von Edelsteinen, Tierpräparate, alchemistische Apparaturen, Porzellan und viele andere Dinge, die einladen wollten: zur Aneignung von Wissen und zur Erkenntnis durch Betrachtung. In diesem Sinne lädt auch diese Wunderkammer zur Betrachtung ein: der Erscheinungen, Errungenschaften und Abwege, die das Reisen mit sich gebracht hat.“

Thomas Böhm trägt literarische Schnipsel und praktische Hinweise zusammen, in Friedrich Johannes Frommanns „Taschenbuch für angehende Fußreisende“ etwa finden sich Tipps für Menschen unterwegs, die sogleich an Knigges Gesellschaftsratgeber erinnern. So rät Frommann, zwei Hemden mitzuführen, „eins zum Wechseln mit dem, was man auf dem Leibe hat, und eins zum Anziehen in Städten, wo man Rasttage und Besuche macht. (...) Eins von beiden kann man als Nachthemd benutzen, denn das Hemd, welches man den Tag über voll geschwitzt hat und das vielleicht abends noch nicht trocken ist, auch in der Nacht anzubehalten, ist weder gesund noch reinlich.“

Böhms Büchlein will Reisebegleiter sein oder Ersatz für all jene, die nicht loskommen. Herausgekommen ist dabei ganz beiläufig eine Kulturgeschichte des Reisens, in der eine Liste all jener Orte, die wir nur durch das Autobahnwesen kennen, ebenso von Bedeutung ist wie die kurze Historie der Stocknägel, kleine Embleme, mit der Wanderer ihren Spazierstock verzierten und so ihre Fortbewegungslust dokumentierten. „Um das Jahr 1900 war Erfurt das Zentrum der Stocknagelproduktion. Die Firma Borchers stellte Stocknägel mit Motiven aus Thüringer Wald, Riesengebirge, Harz und anderen Mittelgebirgen sowie der Ost- und Nordsee her. Wanderziele wie die Alpen waren seinerzeit noch nicht für den Tourismus erschlossen.“

Eine Geschichte des Verkehrsfunks wird ebenso abgebildet wie eine Liste der am Wegesrand befindlichen Rodelbahn, und zur Einführung in die Kunst des Verirrens kommt Walter Benjamin zu Wort: „Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln.“

Die sich daran anschließenden Vorschläge muten dann an wie literarische Träumereien, in denen sich der Wanderer in den Städten absichtsvoll zu verlieren bereit ist. „Laufen Sie jemandem hinterher, der etwas Rotes trägt.“ Oder: „Finden Sie einen Baum, mit dem Sie verwandt sein könnten.“

Genaugenommen sind beide Bücher, Florian Werners Liebeserklärung an die Raststätte und Thomas Böhms Materialsammlung über das Reisen, für all jene gemacht, denen es ergeht wie dem Urlaubsheimkehrer in einer Geschichte Kurt Tucholskys. Die Frage, wie der Urlaub war, ist gestellt, aber so genau wollte es auch wieder niemand wissen. In den Büchern aber bleibt fast nichts unbemerkt, was sich unterwegs alles ereignen kann. Und ökologisch korrekt ist diese Art der gedanklichen Fortbewegung auch.

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