Eine Wiederentdeckung

Raskolnikows Schatten

Erzählen als Film: Emmanuel Boves Kabinettstück „Un Raskolnikoff“ liegt unter dem Titel „Schuld“ jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Von Bettina Augustin

Paris, 24. Dezember 1930. Es schneit. Ein Paar steht am Rande einer Straße, die nur ab und zu vom Scheinwerfer eines Autos erhellt wird. Er fleht sie an, ihn nicht zu verlassen. „Wenn ich weiß, dass du bei mir bist, dann gibt mir das die Kraft, alles zu ertragen. Gut, ich muss mich stellen ... Was soll ich sonst tun ... Hör mir zu ... Wir beide halten beim ersten Polizeikommissariat, an dem wir vorbeikommen ... Ich werde dich auf die Stirn küssen. Du wirst meine Hände ergreifen, als wolltest du mich zurückhalten. Doch ich werde mich sanft befreien. Ich betrete als erster das Kommissariat. Du wirst einige Schritte hinter mir sein und mich liebevoll ansehen, weinend. Dem ersten Polizeibeamten werde ich sagen: ,Ich möchte den Kommissar persönlich in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.‘“

Die Szene aus Emmanuel Boves Roman „Un Raskolnikoff“, der unter dem Titel „Schuld“ jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, erinnert an einen Kinofilm, in dem der Protagonist selbst die Regieanweisungen gibt.

1929 hatte der Verleger Dominique Braga die Idee, eine Reihe herauszubringen, die die fiktiven Lebensgeschichten berühmter Figuren aus Literatur, Theater, Kino und Märchen versammeln sollte. Bove kündigte eine „Fortsetzung“ von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ an. Das Vorhaben, das, wie er schrieb, „von einer Verwegenheit zeugt, die nur durch eine Reihe gerechtfertigt werden kann“, hat der Autor von „Meine Freunde“ und „Die Verbündeten bravourös gemeistert.

In der ersten Szene der Erzählung finden wir uns, wie so oft bei Bove, in einem schäbigen Hotelzimmer wieder. „Du! Eine Null!“ – mit diesen Worten hat sich Pierre Changarnier von seinem Spiegelbild abgewandt, um kurze Zeit später mit seiner Freundin Violette durch das nächtliche Paris zu streifen. Auf dem Weg ins Kino, wo die beiden ihren letzten Sou ausgeben wollen, wird das Paar von einem kleinen Mann verfolgt, der reumütig erzählt, dass er vor 20 Jahren in einem Anfall von Eifersucht seine Frau umgebracht hat, ohne dafür zu sühnen.

Hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verachtung für die Feigheit des Mörders, ist Changarnier plötzlich von der fixen Idee besessen, selbst einen Mord begangen zu haben. In dem Moment, in dem er sich stellen will, wird er von der Polizei verhaftet, aber kurz darauf trotz seiner Selbstbezichtigungen wieder freigelassen. Ohne auf Violette zu hören, die ihn allmählich für verrückt hält, irrt er durch die Stadt.

Der obsessive Kinogänger

In einem literarischen Kabinettstück hat Bove die großen Themen seines Vorbilds Dostojewski – Verbrechen und Strafe, Schuld, Reue und Sühne – zum Movens einer Erzählung gemacht, in der sie nurmehr als Phantasmagorien eines obsessiven Kinogängers weiterexistieren. Als Volte erzählt er die Geschichte von Changarnier, der davon träumt, zusammen mit Violette in einem Kino zu arbeiten („du ... als Kinoangestellte, ich als der Mann am Projektor, vielleicht freitags, wenn es ein neues Programm gibt“), selbst wie einen Film.

„Im übrigen übernehme ich die Verantwortung für das, was ich geschrieben habe“, betont Bove, kurz ehe sein Buch 1932 bei Plon erscheint. „Jedenfalls war es absolut unmöglich, Raskolnikow anders in Erscheinung treten zu lassen, als ich es getan habe ...“. Dem Lilienfeld-Verlag, der erneut sein Gespür für (Wieder-)Entdeckungen bewiesen hat, gebührt das Verdienst, diese Trouvaille ans Licht gebracht zu haben.

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