Rasende Pragmatiker

La Martinière kauft Le Seuil

Von HELLA FAUST

Hochgeschwindigkeitszüge scheinen zu beflügeln. Die Idee sei ihm im "Thalys" gekommen, meinte Hervé de la Martinière, Begründer und Chef der gleichnamigen, unabhängigen Verlagsgruppe, als er den Aufkauf des weitaus größeren, ebenfalls unabhängigen Verlags Le Seuil Anfang dieser Woche in Paris bekannt gab. Im Thalys begegnete er regelmäßig Claude Cherki, dem langjährigen Verleger von Le Seuil. Beide waren auf dem Weg nach Brüssel, wo sie sich seit dem Frühjahr vor der Wettbewerbskommission gegen die Fusion von Hachette und Editis (vormals Vivendi Universal Publishing) aussprachen.

"Die Restrukturierung des französischen Verlagswesens erfolgt in Hochgeschwindigkeit", kommentierte denn auch die Tageszeitung Le Monde das Entstehen der neuen Verlagsgruppe "La Martinière-Le Seuil", die mit einem Umsatz von 280 Millionen Euro zur drittgrößten französischen Verlagsgruppe aufsteigt. Damit liegt sie noch vor Gallimard und Albin Michel, aber weit hinter Hachette und Editis.

Die Annäherung begründen La Martinière und Cherki mit der Komplementarität ihrer Häuser und der Notwendigkeit, sich angesichts übermächtiger Gruppen Rückenstärkung zu verschaffen. Das Eingehen dieser Vernunftehe dürfte in der Tat von dem Aufkauf von Vivendi UP durch Hachette beschleunigt worden sein, der seit einem Jahr in der französischen Verlagsbranche für Aufruhr sorgt. Wäre die Fusion wie ursprünglich geplant durchgeführt worden, hätte Hachette vor allem im Vertrieb Monopolstellung erlangt.

Arnaud Lagardère, der nach dem überraschenden Tod seines Vaters im Frühjahr 2003 Hachette übernommen hat, gab Anfang Dezember bekannt, von Editis nur noch den spanischen Verlag Anaya, den Enzyklopädie-Verlag Larousse sowie die akademischen Häuser Dalloz-Dunod und Armand Colin übernehmen zu wollen. Am 13. Januar sollte Brüssel den Zeitplan für den Weitervekauf der Restmasse Editis bekanntgeben. Die Ankündigung der Fusion zwischen La Martinière und Le Seuil kurz zuvor dürfte auch dazu gedient haben, Gerüchten über mögliches Interesse an der Übernahme von Editis-Verlagen vorzubeugen. La Martinière hat bereits angekündigt, daß er keine Angebote vorlegen werde.

Obwohl sowohl La Martinière als auch Le Seuil zu den letzten unabhängigen Verlagen Frankreichs gehören, unterscheiden sie sich in Tradition und Führungsstil stark. Hervé de la Martinière, der seinen Verlag 1992 gründete, gehört zur Generation der Verleger-Unternehmer, die auf starkes, auch internationales Wachstum setzen. Er erwarb vor einigen Jahren den amerikanischen Kunstbuchverlag Abrams sowie Knesebeck in Deutschland. Sein Markenzeichen sind weltweit verkäufliche, illustrierte Bücher im Geschenkbuchstil. Dem gegenüber steht ein alteingesessener Verlag, der wie nur wenige das französische Geistesleben der letzten Jahrzehnte bestimmt hat: 1935 von Henri Sjöberg gegründet, wurde Le Seuil unter der Führung von Paul Flamand und Jean Bardet legendär. Beide vermachten ihre Anteile ihren Kindern und dem Personal. Der Verkauf ist ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten, die Familienunternehmen bei der Regelung der Nachfolge antreffen.

Claude Cherki, Anfang sechzig, wollte vorgreifen. "La Martinière ist ein kleines Haus, das über große Aktionäre verfügt. Le Seuil dagegen ist ein großes Haus, das von kleinen Aktionären getragen wird. Wir haben es bald mit der dritten Generation von Aktionären zu tun. Die Probleme sind absehbar. Die Übernahme der Seuil-Aktien durch die Martinière-Aktionäre erspart den Aktionären von Le Seuil die Erbschaftsprobleme." Mehr noch als die Frage der Unabhängigkeit dürfte für Le Seuil daher die Frage der Politik ins Gewicht fallen, die die neuen Aktionäre in Zukunft zum Tragen bringen werden.

Um sein eigenes Schicksal wird sich Claude Cherki keine Illusionen machen. Selten nur bleiben Verleger auf ihrem Posten, nachdem sie ihr Haus verkauft haben. Das letzte Beispiel dieser Art ist Charles-Henri Flammarion, der sein Familienunternehmen vor drei Jahren an den italienischen Konzern Rizzoli verkaufte. Zum Jahresende erhielten die Mitarbeiter Flammarions von ihrem langjährigen Chef eine e-mail, in der sie darüber informiert wurden, dass die Aktionäre der Gruppe ihn nicht länger auf dem Präsidentensitz zu sehen wünschten. Folgerichtig kündige er ihnen seinen Weggang an: "Sie können sich vorstellen, was in mir vorgeht, wenn ich ein Unternehmen verlasse, dessen Mitarbeiter mich dreißig Jahre lang begleitet haben und meinen Erwartungen gewachsen waren."

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