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Sachbuch

Rasanter Rechtewandel

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Saskia Sassen gräbt im Innern des Nationalstaats und fördert einen dritten Raum zutage.

Vor der Küste Somalias", hieß es neulich in den Nachrichten, "haben Piraten den Frachter einer niederländischen Reederei gekapert. Der Überfall hat sich in internationalen Gewässern im Golf von Aden ereignet." Die neuen Freibeuter der Meere tragen keine Augenklappen, und gegen den Fluch der Karibik scheinen sie gut gewappnet zu sein.

Sie fischen in unsicheren Gewässern, und in ihren Schleppnetzen ziehen sie das höchste Gut souveräner Staaten, deren Gewaltmonopol, hinter sich her. Derlei gehöre nun einmal, heißt es dann meist stereotyp, zu den Kosten der Globalisierung. Angesichts des rasenden Umlaufs von Geld und Waren ist der Staat so oder so auf dem Rückzug.

Ganz so schnell möchte die amerikanische Soziologin Saskia Sassen den Nationalstaat nicht aufgeben. Das Gebilde aus Territorium, Autorität und Rechten hat sich über Jahrhunderte entwickelt und ist für Sassen die komplexeste Institution, die die Menschheit hervorgebracht hat. In ihrem neuen, über 700 Seiten starken Buch, geht es ihr darum, die leichtfertige Rede von der Auflösung des Nationalen selbst als Mythos zu enttarnen.

Paradox des Nationalen

Zum Paradox des Nationalen gehört die Entstehung einer Art dritten Raumes, der weder global noch national ist. Dieser Zustand des Weder-Noch, den Terrororganisationen wie die Hisbollah ebenso verkörpern wie neue Formationen transnationaler Ökonomie, ist laut Sassen Ausdruck einer noch weitgehend unverstanden Transformation des Nationalen. Diese erfasst insbesondere auch Menschen, die als Staatsbürger oder Migranten einem rasanten Rechtewandel ausgesetzt sind.

Staatsbürger laufen täglich Gefahr, Rechte zu verlieren. Dem hehren Ziel des Datenschutzes stehen Dynamiken des Datenhandels und -gebrauchs gegenüber, denen nicht gleich anzumerken ist, ob Freiheitsräume erweitert oder eingeschränkt werden. Andererseits gewinnen Migranten Rechte paradoxerweise gerade dann, wenn es ihnen gelingt, besonders ausdauernd gegen diese zu verstoßen.

Wer nach kurzer Zeit ohne Papiere erwischt wird, wird abgeschoben. Wer aber über einen längeren Zeitraum in diesem rechtsfreien Status auszuharren vermag, dessen Chancen auf Legalisierung wachsen. "Wir sehen heute", schreibt Sassen, "dass verschiedene Typen von Rechtssubjekten jenseits des Staatsbürgers möglich geworden sind, auch wenn diese einseitiger und fragiler sind als jener."

Entnationalisierung versteht Saskia Sassen denn auch nicht als Aushöhlung staatlicher Macht und Zuständigkeit. Sie gräbt mit ihrem wissenschaftlichen Handwerkszeug im Innern des Nationalen und stößt dabei auf neue Organisationslogiken. "In dieser Hinsicht kann man sagen", meint Sassen, "dass der Staat das globale Projekt seiner eigenen schrumpfenden Rolle in seiner Regulierung ökonomischer Transaktionen einbezieht."

So bemerkenswert eigensinnig die Überlegungen der in Dänemark geborenen und in Argentinien und Italien aufgewachsenen Soziologin sind, so schwer macht sie es dem Leser: Sassens Ehrgeiz besteht darin, mit ihrem fächerüberschreitenden Ansatz die Globalisierungsforschung zu revolutionieren. Durch das Bemühen, ihre akademische Anschlussfähigkeit unter Beweis zu stellen, büßt der Text allerdings an essayistischer Frische ein.

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