Sachbuch

Ein KuK der Raritäten

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das „Lexikon der schönen Wörter“ von Roland Kaehlbrandt und Walter Krämer hat es in sich.

Am Anfang wahrscheinlich ein Ansinnen, irgendwann auch ein fester Plan, regelrecht ein Projekt: ein Lexikon, noch dazu eines der schönen Wörter. War es allerdings zunächst ein Ansinnen, war es kaum mehr als ein vages Vorhaben, noch etwas undeutlich. Denn, so machen es Roland Kaehlbrandt und Walter Krämer plausibel, das Ansinnen sei noch nicht die Tat, aber ein erster Schritt, hin zu ihr, im „Stadium der Willensbildung“. Was (hier) umständlich erscheinen mag, sollte man nicht unterschätzen. Denn ein Ansinnen, das noch einmal kurz verharren, innehalten lässt, ist in der Hektik unserer Tage nicht nur ein Anachronismus. Es bedeutet eine - allein das Wort ist sperrig - Widersetzlichkeit.

Wie angenehm und diskret dagegen das Wort Ansinnen. Es gehört zu den rund 600 „schönen“ Wörtern, die der Frankfurter Kaehlbrandt und der Dortmunder Krämer versammelt haben – und schön heißt: Wörter mit einer tieferen Bedeutung, mit einem verborgenen Sinn, mit einem besonderen Klang. Es handelt sich um bedrohte Wörter, berührende, selbstverständlich wunderliche – nicht zuletzt „würzige“ wie etwa „Wucht“: „Der Schwung hat etwas Mitreißendes, die Wucht überwältigt uns.“

Dieses Lexikon hat beides, seine Auswahl Schwung, und nicht wenige Wörter haben Wucht: „In seiner Einfachheit und Klarheit ist das Dasein unübertroffen. Gewiss kann man es durch Existenz ersetzen. Aber das wäre ein Verlust.“ Ob das so ist, sei dahingestellt. Denn ob man das Dasein, wie die beiden Autoren es tun, in einen philosophischen Zusammenhang stellt, unausgesprochen an Heidegger gemahnend, so ist dessen Begriff vom Dasein des Seins nicht von ungefähr als Existenzialphilosophie verstanden worden.

Wie man’s nimmt, das Dasein der Wörter ist ein weites Feld. Deshalb haben sich Kaehlbrandt und Krämer nicht zum ersten Mal für ein Lexikon zusammengetan, weil sie Wörter nicht bloß nutzen, sondern mit ihnen leben, nicht nur mit erlesenen, sondern auch banalen. Populär wurde ihr „Lexikon der Plastikwörter“ – nun dagegen nach neun Jahren eine Neuauflage mit solchen, die porös sind und pörös machen. Die nämlich durchlässig sind für feine Nuancen und den Nutzer womöglich empfindsamer machen.

In einer Welt, ob in der Zeitung oder im Internet, in der Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport – kurz: in einem Deutschland oder in einer Republik, wo es in erster Linie darum geht, nur noch große Worte zu machen, reißerische, aufwühlende, zuspitzende, polarisierende, sind Wörter wie „Abhandenkommen“ oder „zeitvergessen“ eine vom Aussterben bedrohte Wohltat. Als Leseanleitung darf man diese Botschaft verstehen: „Es ist stilistisch nicht dasselbe, ob man ‚normalerweise‘ oder ‚üblicherweise‘ oder vielleicht sogar ‚gemeinhin‘ eine Zeitung liest – in ‚gemeinhin‘ schwingt auch eine Spur willentlicher Konservatismus mit.“

Hier hortet ein so fideler wie filigraner Konservatismus das eine oder andere Kuriosum, von „Anwert“ bis „Zweitel“ – die Autoren hatten hörbar ihren Spaß. Gar Freude macht das Versammelte wie ein Hab und Gut; was man aber auch sagen muss: „Hab und Gut beschreibt in seiner Kürze und Knappheit den Besitz auch als etwas Vergängliches, das wir (...) wieder verlieren können und das deshalb zwar wichtig, nicht aber verlässlich ist.“ Auch Wörter sind so etwas wie eine bewegliche Habe. Wer in Wörtern, gerade in schönen Wörter Wertsachen sieht, darf sie getrost dosiert nutzen, erst recht Preziosen, denn nur Parvenüs protzen.

Man liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch, wenn man hinter einer Vielzahl der Einträge, von A wie „alsbald“ über „Gemach, gemach“ bis Z wie „zag, zagen, zaghaft“, das Anliegen einer Entschleunigung erkennt. Kein Wunder, dass die beiden Sprachtherapeuten auch den wenig populären „Wortgrübler“ aufgenommen haben. Er stellt etwas sehr Unzeitgemäßes dar und vor, anders als so ungemein programmatische Begriffe wie anschlussfähig oder Führungsfrage oder Unternehmensphilosophie oder Tierwohl oder Arbeiterwohlfahrt. Der Eintrag zu „hüten, sich“ hat es in sich: „Es ist schon ein Unterschied zwischen ‚Pass auf!‘ und ‚Hüte dich!‘. Beide wollen warnen, aber ‚hüte dich‘ ist feierlicher, förmlicher und strenger“.

Der Zuruf ebenso wie dessen Erläuterung ließe sich als Motto auf das Buch übertragen, auf ein KuK der Raritäten, ja Kleinodien. Im Lärm der Welt ist es ein Wörterbuch der Widerworte.

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