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Raphaela Edelbauer: „Die Inkommensurablen“ – Die Schlafwandler

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

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Raphaela Edelbauer, zweifellos in Wien. Foto: Apollonia Bitzan
Raphaela Edelbauer, zweifellos in Wien. Foto: Apollonia Bitzan © Apollonia Bitzan

Raphaela Edelbauer erzählt in „Die Inkommensurablen“ vom Untergang einer Welt im Sommer 1914.

Die Romane der 1990 in Wien geborenen Raphaela Edelbauer spielen sich bisher auf denkbar unsicherem Gelände ab. In der fantastischen Parabel „Das flüssige Land“ (2019) manifestiert sich das bereits im Titel, wobei ein Loch im Erdreich dort als eine Art Entsorgungsgrube für österreichische Vergangenheit verstanden werden kann. Im Science-Fiction-Roman „Dave“ (2021) lösen sich die Gewissheiten der Erzählerfigur erst allmählich auf und machen Platz für schockierende und groteske Erkenntnis. Verdrängung, Illusionen, die bereitwillige kollektive Annahme, dass die Dinge (sagen wir zum Beispiel: in Österreich) schon in Ordnung sind, wie sie eben sind: Wenn man so will, führt das ganz logisch zu einem historischen Roman über den Ersten Weltkrieg. Trotzdem ist „Die Inkommensurablen“ eine Überraschung, wie schon „Dave“ nach „Das flüssige Land“ eine war. Man erkennt das Edelbauersche und weiß überhaupt nicht, was einen erwartet.

Die Unsicherheit, die diesmal gewaltige Unsicherheit spielt sich auf mindestens zwei Ebenen ab. Die eine, offensichtliche, ist eine Folge der klugen Entscheidung, die Haupthandlung von „Die Inkommensurablen“ auf etwa 24 Stunden zu begrenzen. Es ist der 30. Juli 1914, in Wien herrscht eine durchgedrehte Kriegsbegeisterung, die am Morgen des 31. Juli mit der Nachricht der russischen Generalmobilmachung in die Gewissheit mündet, dass es kein Zurück mehr gibt. Die andere Ebene der Ungewissheit ist eine Traumwirklichkeit: das im Roman von einer Psychoanalytikerin untersuchte Phänomen des kollektiven Träumens. Sehr seltsam, und die Autorin hält eine dolle Karte bis auf die letzten Seiten des Buches in der Hinterhand, einen späten Schlenker, der „Die Inkommensurablen“ sozusagen erst zum echten Edelbauer-Roman macht.

Ein Tag, drei Hauptfiguren im Teenageralter: Hans ist soeben in Wien angekommen, sein Leben hat er bisher als Knecht auf einem Bauernhof verbracht. Ein Vikar, erzählt Edelbauer in Rückblenden nach, hat ihn an die Literatur herangeführt. Hans liest „manisch“, ist aber überwältigt vom elektrischen Licht und weiß nichts vom nahen Krieg. Er will sich auch nicht freiwillig melden, wie die meisten annehmen, sondern die Psychoanalytikerin Helene Cheresch aufsuchen – er denkt Gedanken, die andere kurz danach aussprechen, dem wolle er auf den Grund gehen, sagt er.

Vor der Tür Chereschs lernt er Klara kennen, auch sie eine Klientin mit paranormalen Fähigkeiten, dazu Mathematikerin, die am nächsten Tag ihre Doktorarbeit verteidigen soll. Dass Klara Cheresch in einer undurchsichtigen Beziehung verbunden ist, zeigt sich erst nach und nach, das Asymmetrische hängt damit zusammen, dass Klara aus elenden Verhältnissen stammt – als das Trio später kurz in das Quartier kommt, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat, ist selbst Hans, an Ärmlichkeit gewöhnt, entsetzt.

Der junge Aristokrat und Offizier Adam schließlich kennt Klara schon länger, auch er ist bei Helene Cheresch in Behandlung, auch er ist beteiligt an dem kollektiven Traum und laboriert an hellseherischen Fähigkeiten. Dem erzkonservativen, streng militärisch orientierten Vater hat das Kind einst eine Bratsche abgepresst, das einzige Zugeständnis an die musischen Interessen des Sohnes.

Denn alle drei sind zwar ein gesellschaftlicher Querschnitt – Adel, Bauern, Lumpenproletariat –, zugleich aber total außen vor, „inkommensurabel“ zu ihrer Herkunft, ohne „gemeinsames Maß“ zu ihrer Familie, wie Klara erklärt. Die Inkommensurablen – nicht der längste, aber der sperrigste Buchtitel des Frühjahrs, und von Klett-Cotta auf dem Umschlag auch nicht in eine Zeile gezwängt, sondern unorthodox umbrochen – sind das Thema ihrer Arbeit. Edelbauer hat sich gut informiert und frappiert mit Klaras Rede beim Rigorosum am Morgen des 31. Juli, die erst durch einen nationalistischen, misogynen und antisemitischen Mob unterbrochen wird.

Davor: eine intensive Dreisamkeit von einer Kammermusikprobe Adams – Arnold Schönbergs zweites Streichquartett – und einer Keilerei auf der Straße zur großen Gesellschaft bei Adams Eltern und schließlich zur rauschhaften Nacht in einem unterirdischen Lokal. Es stellt ein Babylon Wien gegen die vertrauteren (späteren) Berliner Verhältnisse und gibt Edelbauer Gelegenheit, ihren Figuren und uns endgültig den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Das Buch

Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2023. 352 Seiten, 25 Euro.

Die Autorin, die bisher nach eigenem Bekunden weder an Traumforschung noch an historischen Romanen besonders interessiert war, findet einen verblüffenden Weg durch ihr kühnes Konstrukt. Neben dem sich schlängelnden Weg der drei gibt es zwanglose Exkurse zur Wiener Geschichte – Edelbauers Stadt, das ist eine Sicherheit im Mäandern –, dazu große Gespräche. Vor allem Klara vertritt dabei die zornige Vernunft, die immer möglich ist, wenn es im Rückblick auch noch einfacher wird. Dem alten und neuen Freund erklärt sie: „Dass ihr mit 25 wählen dürft, mit 21 einen Hausstand gründen, aber man im Schottenstift die Gymnasiasten rekrutiert – das ist der Abgrund.“ Von „uns“ wolle sie gar nicht reden, sagt die junge Frau, und Hans weiß nicht, was sie meint.

Bei Adams Eltern reden sich die Konservativen um Kopf und Kragen. „Der Serbe an sich ist ein brutaler Übeltäter ... Er ist aber zu konzertiertem Planen und zu Disziplin außerstande.“ Vielleicht, so Adams Mutter, sei das der Zweck des Krieges per se: „Diese Begeisterung, die auf uns alle niedergegangen ist – ich habe dergleichen in meinem Leben noch nie gesehen.“ Bis Klara auch hier reingrätscht: Sie spreche davon, sagt sie, „dass keiner von Ihnen hier am Tisch ins Feld ziehen wird, während Sie Millionen junger Menschen an die Front schicken“. Ein Eklat, nicht der einzige.

Es ist einerseits eine sattsame und auch klassisch mitreißende, strudelartige Geschichte, in die Edelbauer das Publikum hineinwirft – die Stärke der Erzählung ist umso wesentlicher, als unter der Bedeutungslast sonst alles zusammenbrechen müsste, unter den vielsagenden Träumen, dem schlafwandlerischen Weitermachen, während eine Gesellschaft ihrem Untergang entgegenstürzt, wie es nicht alle Tage in der Geschichte vorkommt. Natürlich ist von der „Zeitenwende“ die Rede. Zugleich variiert Edelbauer immer wieder Ton und Gedankengänge, schaut zu, dass das Inkommensurable sich entfalten kann.

Die Sprache reicht vom Umgangsösterreichisch – merken wir uns unbedingt den Begriff Ramasuri – bis zu hochgezwirbeltem Fremdwortgebrauch. Während man noch über Wörter wie applanieren und hypostasieren staunt, begreift man, wie sich Edelbauer hier bei Robert Musil bedient hat (oder aus denselben Quellen schöpft). In der Tat lässt sich „Die Inkommensurablen“ als zeitgenössische, aber am Historischen ernsthaft interessierte Parallelaktion zum „Mann ohne Eigenschaften“ verstehen. Ebenso wie von Solferino bis zum Radetzkymarsch Joseph Roth anklingt. Und Hans’ planlose Belesenheit sich in Wendungen von Dante bis Hölderlin Bahn bricht.

Darüber – wie auch im erst fabelhaften, dann fabelhaft prosaischen Finale, in dem die Figuren vom Leben ins Kommensurable gepresst werden – liegt Edelbauers Sinn für das Irrationale im Rationalen. Während die Menschen sich auf der Straße um den Hals fallen, denn „man war endlich nicht mehr man selbst“, erklärt die Doktorandin Klara: „Wie ein Frevel gegen die Wissenschaft kommt es uns da vor, wenn einer behauptet, es könne etwas ganz und gar Inkommensurables geben. Esoterik, Spiritualität, Religion, denken wir dann automatisch. Die Frage ist aber doch die: Wie wollen wir damit umgehen, wenn der feste Grund, der unserer Erkenntnis gegeben ist – die Mathematik und die Physik –, auf unendlichen, inkommensurablen Feldern errichtet ist?“

Wenn „Die Inkommensurablen“ ein Plädoyer enthält, dann besteht es darin, dem Komplexen mit Offenheit und Gelassenheit zu begegnen. Und mit Freude und Neugier, so lange das möglich ist.

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